BN-Serie: Stroh zu Gold Von Königstöchtern und bösen Zwergen

So könnte es ausgesehen haben, als Rumpelstilzchen das Stroh zu Gold spann. Foto: Hildegard Wekenborg-PlackeSo könnte es ausgesehen haben, als Rumpelstilzchen das Stroh zu Gold spann. Foto: Hildegard Wekenborg-Placke

Bramsche. Neun Erzählungen, von den Klassikern der Brüder Grimm bis zu unbekannteren Märchen, und ihre Figuren greift die Ausstellung „Stroh zu Gold – Spindel, Schiffchen, Märchenhelden“ auf, die noch bis zum 7. September 2014 im Tuchmacher-Museum Bramsche zu sehen ist. Die Ausstellung ist gleichzeitig ein Rückblick auf Zeiten, als noch in jedem Haushalt ein Spinnrad stand und Flicken, Nähen und Weben selbstverständlich waren.

In vielen Märchen spielen Textilien und ihre Verarbeitung eine tragende Rolle. Die Ausstellung blickt hinter die Kulissen dieser Märchen und beleuchtet den historischen Hintergrund ihrer textilen Verflechtungen: Spinnräder, Garnrollen, Ballkleider, Königsroben, Leinenhemden, Tabakbeutel, Schnittschablonen und viele weitere Exponate lassen die textile Märchenwelt lebendig werden.

In einer Zeit als die Menschen ihre Kleidung und Heimtextilien noch in Handarbeit herstellen mussten, nahmen diese Tätigkeiten im Alltag einen großen Raum ein. Insbesondere das Spinnen war eine mühsame Tätigkeit. Zumeist waren es Frauen, die die Woll- und Flachsfasern zu Garn verspannen und hier ihren Fleiß und ihre Ausdauer unter Beweis stellen mussten. Ein Weber benötigte das Gespinst von drei bis sieben Spinnerinnen.

Dornröschen

Auch in den Märchen hatten die Protagonistinnen ihre liebe Not mit dem Spinnen. Dornröschen hätte als Königstochter eigentlich gar nicht spinnen müssen, aber sie war fürchterlich neugierig. Offenbar wurde zu ihrer Zeit noch nicht mit dem Spinnrad gesponnen, sondern mit der Handspindel und dieses Gerät faszinierte die Prinzessin. „Was ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt“ – fragt sie die alte Spinnerin. Handspindeln wurden seit Jahrtausenden und in verschiedenen Kulturen für die Garnherstellung benutzt. Sie bestehen aus einem Stab oder Schaft und einem Wirtel aus Naturstein oder Keramik, der – mit einem Loch versehen – als Schwungscheibe auf das untere Ende des Stabes gesteckt wird. Zum Spinnen wird das Fasermaterial am oberen Ende des Stabes befestigt, dann der Stab samt Wirtel in eine drehende Bewegung versetzt, wodurch die Fasern zusammengedreht werden. Durch fortlaufendes Zuführen und Auseinanderziehen neuer Fasern entsteht ein immer längerer Faden, der auf den Spindelstab aufgewickelt werden muss, sobald er den Boden erreicht hat. Danach kann der Spinnprozess fortgesetzt werden. Am zugespitzten Ende der Spindel dürfte sich Dornröschen gestochen haben. Bei näherer Betrachtung der Spindel in der Ausstellung kommen allerdings Zweifel auf: das zugespitzte Ende war doch ziemlich stumpf, an einer Spitze hätte der Faden auch lange nicht so gut überspringen können. Märchen sind eben Märchen.

Rumpelstilzchen

Im „Rumpelstilzchen“ behauptet ein Müller gar, seine schöne Tochter könne Stroh zu Gold spinnen. Kein Wunder, dass ein goldgieriger König sie zu sich ins Schloss holt. Er droht ihr mit dem Tod, spinnt sie nicht Stroh zu Gold. Das kann sie natürlich nicht und ist verzweifelt. Rumpelstilzchen kommt ihr zur Hilfe, aber es verlangt seinen Lohn. Zweimal läuft alles nach Plan, dann ändert der König seine Strategie und droht nicht mehr nur mit dem Tod, sondern für die dritte Partie Gold auch mit der Ehe. Rumpelstilzchen ist wieder da und „hilft“. Diesmal verlangt es für seine Leistung der Königin erstes Kind. Es geschieht wie verabredet, Rumpelstilzchen spinnt, der König bekommt sein Gold und heiratet das Mädchen. Nach einem Jahr ist das Kind geboren und Rumpelstilzchen fordert seinen Lohn. Jetzt reicht es dem zur Königin gewordenen Mädchen: Vater, Ehemann, Rumpelstilzchen – alle drei haben über sie verfügt, sie in Not und Bedrängnis gebracht – bis hin zu den Todesdrohungen! Jetzt nimmt sie ihr Leben selbst in die Hand, emanzipiert sich und Rumpelstilzchen hat das Nachsehen.

Stroh zu Gold spinnen – das gab es wirklich nur im Märchen. Aufwändige Textilien, besonders Gewebe, in denen goldene oder silberne Metallfäden eingearbeitet wurden, waren Luxus. Wer Leinengarne mit Gold umwickeln konnte, gehörte zu einer kleinen Gruppe hochspezialisierter „Techniker“. Erst im 16. Jahrhundert konnten dünne vergoldete Silberdrähte für Textilien hergestellt werden.

Heute ist das Spinnen ein schönes Hobby und mit etwas Geduld hat man dabei schnell „den Dreh raus“ – ob mit der Handspindel oder dem Spinnrad. (Von Kerstin Schumann, Leiterin Tuchmacher-Museum)


Im Workshop „Handspinnen leicht erlernt“ zeigt Bernhard Dankbar die notwendigen Tricks und Kniffe, die für die Beschäftigung mit dieser alten Textiltechnik nötig sind.

Zuerst wird mit den Händen, dann stufenweise mit Spinnstock, Astgabel, Spindel und schließlich mit dem Spinnrad gesponnen.

Termine: Sonntag, 6. Juli, 14.30 bis 16.30 Uhr, Sonntag, 3. August, 14.30 bis 16.30 Uhr, Sonntag, 17.August, 14.30 bis 16.30 Uhr.

Kinder ab sechs Jahren und Erwachsene, Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.

Die Kosten betragen 10 Euro (Erwachsene) / 5 Euro (Kinder und Jugendliche), inklusive Museumseintritt.