Erstes Windrad im Kreis gebaut Penter Pioniertat trägt späte Früchte

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Pente. Der Slogan „vorweggehen“, mit dem ein Energieriese unter anderem auch für Windenergie wirbt, entlockt Johannes Hartkemeyer höchstens ein verächtliches Lächeln. „Hinterherschleichen“ wäre angebrachter, findet er. Vorweggegangen ist der Penter selbst. Nicht jetzt, sondern vor knapp 35 Jahren. Als er beschloss, das erste Windrad der Region zu bauen. Und zwar gegen den Widerstand derer, die heute vorweggehen wollen.

Die Erinnerung führt Hartkemeyer zurück in eine Zeit, in der in Energiefragen alles so klar war wie heute, nur genau andersherum: Die Kernenergie war der Weg in Zukunft. Das Wort Atom wurde wegen der Verbindung mit der Bombe gern vermieden, verharmlosende Worthülsen wie der „nukleare Entsorgungspark“ verschleierten für Hartkemeyer, dass damals wie heute die Antwort auf die entscheidende Frage fehlte: Wo bleibt am Ende der für Jahrhunderte gefährliche Abfall?

Da müsse es doch etwas anderes geben, dachten Hartkemeyer und einige andere. Doch wenn sie Sonne und Wind als Energiequellen ins Spiel brachten, „wurden wir ausgelacht“, erinnert sich der damals in der Landjugend aktive Landwirt und spätere langjährige Leiter der Volkshochschule Osnabrück . In einer Trotzreaktion wuchs bei ihm der Entschluss: „Ich bau jetzt selbst so ein Ding, ich will wissen, ob das funktioniert.“

Fast drei Jahre lang schraubte und schweißte Hartkemeyer an Wochenenden mit den Teilen herum, die er sich auf den Schrottplätzen zusammensuchte. Edelstahl für die Flügel, eine ausgediente Büssing-Hinterachse, ein alter Göpel und nur eine einzige Schiebkarre voll Beton gehörten zu den Bauteilen, die für Hartkemeyers Windrad Verwendung fanden. Er wählte eine Variante mit vier Flügeln, weil die ihm am stabilsten erschien.

Zeitgleich sah sich der Hobbytüftler aus Pente bei geförderten Großprojekten um und war fassungslos. Renommierte Firmen wie Messerschmitt-Bölkow-Blohm arbeiteten an einem Windrad mit nur einem Flügel. „Das ist das Komplizierteste, was es gibt“, vermutete Hartkemeyer schon hinter dem Grundansatz das Bemühen, den Versuch scheitern zu lassen und den Nachweis zu erbringen, das alternative Energien nicht funktionieren. Auf kritische Nachfragen jedenfalls seien die Ingenieure „rot vor Scham“ geworden. Auf seinem Hof in Pente nahe der B68 wählte Hartkemeyer den Standort für sein Windrad deshalb nicht nur nach technischen Gesichtspunkten: „Das stellst du so auf, dass jeder sehen kann, dass es funktioniert.“

Bevor sich aber Hartkemeyers Windrad drehen konnte, galt es noch, etliche bürokratische Hürden zu nehmen. Es gab Probleme mit der Baugenehmigung bis hin zur Abbruchverfügung, die Energieversorger stellten sich quer bei einer Regelung für die Stromeinspeisung. Weil hier eine Einigung partout nicht zu erreichen war – unter anderem sollte der Strom-Windmüller die Verantwortung für etwaige Spannungsschwankungen im Netz übernehmen – entschied sich der Tüftler schließlich, eine Fußbodenheizung mit dem Windstrom zu betreiben.

Es funktionierte. „Wärme aus Schrott und Wind“ schrieb 1987, fünf Jahre nach der Inbetriebnahme, der „Kirchenbote“. Tausende von Schaulustigen pilgerten zum Hörnschen Knapp, um das Windrad zu inspizieren. Nicht alle wollten glauben, dass das Ungetüm mit seinen 13,60 Meter langen Flügeln Strom erzeugt. „Die konnten sich das nur als Ventilator vorstellen“, erinnert sich Hartkemeyer an eine Gruppe. Verständigere Zeitgenossen nahmen weite Wege in Kauf: Zu den Besuchern zählte der Leiter der päpstlichen Sternwarte in Castel Gandolfo.

Heute hat das Windrad ausgedient. Es steht noch vor dem Hof, wächst langsam zu und funktioniert noch als erstklassiger Blitzableiter, Dort kann es auch bleiben, wenn es nicht noch einen Platz in einem Museum findet. Als Beleg für die Geschichte, wie „ein kleiner Bauer aus Bramsche“ den großen Konzernen und Wissenschaftlern bewiesen hat, dass Windenergie auch mit einfachsten Mitteln funktioniert. Den Siegeszug der regenerativen Energien begegnet er mit Freude, aber auch skeptisch. Denn jene, die vorweggehen, setzen schon wieder auf schwere Technik und Überlandleitungen statt auf dezentrale Netze, bedauert der mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Querdenker .


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