Ereignisreiches Berufsleben Einsatzleiter der Bramscher Polizei verabschiedet

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Nach 42 Jahren bei der Polizei: Einsatzleiter Rainer Wichmann wird am Dienstag, 30. September, pensioniert. Foto: Julia KuhlmannNach 42 Jahren bei der Polizei: Einsatzleiter Rainer Wichmann wird am Dienstag, 30. September, pensioniert. Foto: Julia Kuhlmann

Bramsche. Spektakuläres, Kurioses, Lustiges, Berührendes – in 42 Berufsjahren hat der Bramscher Polizeieinsatzleiter Rainer Wichmann so ziemlich alles erlebt, was Polizeieinsätze zur Folge hatte. Am Dienstag, 30. September, wird er pensioniert. Ein Rückblick.

Als sich Rainer Wichmann im Alter von 20 Jahren bei der Polizei bewarb, hatten Ton und Umgang dort noch etwas Militärisches. Noch gut erinnert sich der 62-jährige Polizeihauptkommissar an seine Aufnahme an der Polizeischule im emsländischen Sögel: auf der einen Seite der Kaserne amerikanische Soldaten – bei den angehenden Polizisten unter anderem wegen ihrer guten Kantine sehr geschätzt –, auf der anderen Seite die Polizei.

Dass zuvor eine Auswahl-Kommission das Elternhaus der Polizeibewerber unter die Lupe genommen hatte, war damals noch ganz und gar üblich. Einrücken in die Polizei-Kaserne: Wichmann lacht, wenn er daran denkt, wie die Namen der Auszubildenden aufgerufen wurden, jeweils gefolgt vom knappen Befehl „Friseur!“. „Dabei waren wir schon alle beim Friseur gewesen, um einen guten Eindruck zu hinterlassen.“ Wie auf der Hühnerleiter fanden er und seine Mitschüler sich noch am Abend beim örtlichen Friseur wieder.

Auf Geschlossenheit zielte auch die weitere Ausbildung, zu der samstägliches Marschieren im Gleichschritt zählte. Nicht weniger militärisch war, was bei der Bereitschaftspolizei in Oldenburg folgte: Ausbildung am Maschinengewehr, das auseinandergenommen und perfekt wieder zusammengesetzt werden musste, Robben durch Sandkuhlen mit Bleiwesten. Pech, wer dabei einen Kuhfladen erwischte!

Boxen genoss damals den Status, Dienstsport zu sein. „Nimm die Fäuste hoch!“, pflegte der Ausbilder noch zu warnen. Leistete jemand diesem Rat nicht Folge, machte er mit der Faust des Lehrers Bekanntschaft.

Wer die Spindkontrolle ohne Beanstandung passiert hatte, konnte mit einem freien Wochenende rechnen. „So machst du das mal nicht“,war eine Erkenntnis, die Wichmann aus dieser Zeit mitnahm.

Dass es auch damals schon anders ging, zeigte ihm das Klima an der Polizeischule in Bad Iburg, an die er als Ausbilder für den Grundlehrgang wechselte. Eindruck hinterließ der Leiter der Schule, der ihm zeigte, was es heißt, ein Vorbild zu sein: 15 bis 20 Kilometer mitlaufen, statt den Lauf nur anzuordnen!

Nach einem sechssemestrigen Studium an der Polizeischule in Hildesheim und dem Abschluss Diplom-Verwaltungswirt folgte für Wichmann eine fünfjährige Zeit bei der Autobahnpolizei Delmenhorst, bevor er 1991 als Dienstabteilungsleiter zur Polizei Bramsche wechselte.

Seit zehn Jahren ist er der Leiter des Einsatz- und Streifendienstes des Kommissariats, zu dem auch die Polizeiwachen in Wallenhorst und Bohmte zählen. Für rund 50 Polizistinnen und Polizisten hatte er hier die Verantwortung. „Es ist ein Geben und ein Nehmen“, war sein Credo bei der Führung.

„Absolut loyal und sachorientiert, immer auf der Suche nach einer pragmatischen Lösung, ohne den Blick für das Zwischenmenschliche zu verlieren“, sagen unisono Kommissariatsleiterin Ann Oldiges und eine ihrer Vorgängerinnen Anita Kamp, mit der Wichmann eine sehr gute Zusammenarbeit verband.

„Kein Handy, kein Computer, wenn man den Streifenwagen verlassen hatte, war man auf sich allein gestellt“, blickt Wichmann auf eine Zeit zurück, die sich technisch rasant entwickelt hat. Jungen Kollegen falle es heute schwer, sich das überhaupt noch vorzustellen.

Es gibt aber auch Dinge, die bleiben immer gleich: Es sind die Situationen, auf die sich niemand so recht vorbereiten kann. „Man kommt zum Dienst, und es kommt anders als erwartet“, sagt Wichmann und erinnert sich zum Beispiel an eine Gasexplosion in Venne vor acht Jahren, bei der zwei Menschen ums Leben gekommen sind. Die Nachricht von der Explosion erreichte ihn im Streifenwagen, aber erst, als er und ein Kollege nur noch Staub, Schutt und Asche sahen, realisierten sie so recht, welches Ausmaß dieses Unglück hatte.

Besonders Unglücksfälle mit Beteiligung von Kindern seien für alle Beteiligten belastend, blickt Wichmann zurück. Unvergessen aber auch der Tag, an dem ein Kollege in Bramsche durch eine geschlossene Haustür beschossen wurde und mit Riesenglück „nur“ einen Streifschuss am Kopf erlitt. Lange bevor Supervision in aller Munde war, hatten Wichmann und seine Kollegen für all das bereits ein probates Mittel: sich nach dem Einsatz noch mal zusammensetzen und darüber sprechen.

Sicher war da einst auch ein Unfall Thema, bei dem eine Frau eine stark blutende Platzwunde erlitten hatte. Die Polizisten gaben ihr Bestes, um die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes zu überbrücken. Als der kam, war der Schreck offenbar ganz auf dessen Seite, jedenfalls habe er zum Erstaunen der Beamten laut „Ach, du meine Güte!“ ausgerufen. Oft sind es aber gerade die kleinen, kuriosen Einsätze und Zwischenfälle, die im Gedächtnis bleiben. Streifenwagenfahrt in der Nacht: „Da steht da so ein junges Wicht orientierungslos am Straßenrand“, erinnert sich Wichmann. „Können Sie mir sagen, wo ich wohne?“, fragte die junge Frau, die als Studentin gerade zugezogen war, aber sowohl die Orientierung verloren als auch ihre neue Adresse vergessen hatte. Nach ein bisschen Kreuz- und Querfahren im Streifenwagen fand sich die Wohnung natürlich wieder.

Kurios ein Zwischenfall auf der Straße: Mit einem Paket voller Kuchen für die Kollegen auf der Wache kamen Wichmann und ein Kollege einst aus einer Bäckerei. Ein Autofahrer sah die zwei Uniformierten und bremste kräftig, der nächste und der übernächste schafften das nicht rechtzeitig, das Gleiche wiederholte sich auf der Gegenfahrbahn. „Das waren zwei Unfälle mit sechs beteiligten Fahrzeugen, glücklicherweise ohne Verletzte, und die aufnehmenden Polizeibeamten waren Zeugen der Unfälle“, schmunzelt Wichmann. Aus dem Kaffee wurde natürlich nichts mehr.

Nach so langer Dienstzeit in Bramsche verfügt Wichmann über gute Drähte zu vielen Institutionen, vieles konnte so auch mal ganz unbürokratisch geregelt werden. Nur eines hat sich jetzt ausgerechnet am Ende seiner Dienstzeit nicht erfüllt: Wichmann hatte gehofft, dass sich der Beginn für den Umbau der Polizeidienststelle bis nach seiner Pensionierung hinziehen würde. Angesichts der Hürden, die dieses Projekt nehmen musste, war das auch nicht völlig illusorisch – es hat aber nicht geklappt. Vor einigen Wochen rückten die Bagger an .

So musste er auf die letzten Dienst-Tage noch mal umziehen – gute Gelegenheit, schon mal das Büro aufzuräumen, um den Schreibtisch ordentlich an seinen Nachfolger zu übergeben. Die Leitung des Einsatz- und Streifendienstes übernimmt mit dem 56-jährigen Polizeihauptkommissar Axel Diersmann, ein erfahrener Polizist.


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