Notkirche von Otto Bartning Lappenstuhler informieren sich über ihre Thomaskapelle

Von Sigrid Schüler-Juckenack


Lappenstuhl. Die Thomaskapelle ist eine authentische Notkirche, sehr gut erhalten mit vielen originalen Details: Das bestätigte der Berliner Immo Wittig, der als Experte für die Notkirchen vom Architekten Otto Bartning aus den späten 1940er- und frühen 1950er-Jahren nach Lappenstuhl gekommen war. In der Thomaskapelle sprach er am Freitagabend über den Architekten Bartning und das Notkirchenprogramm des Weltkirchenrates.

Wittig ist Vorstandsmitglied der Otto-Bartning-Arbeitsgemeinschaft Kirchenbau, die sich dafür einsetzt, dass die Notkirchen zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt werden. Er erläuterte zunächst Geschichte und Funktion der Notkirchen. Ziel sei gewesen, im zerstörten Nachkriegsdeutschland den Mangel an gottesdienstlichen Räumen schnell und mit finanziell vertretbarem Aufwand zu beseitigen. Dafür sei vom Weltkirchenrat bereits 1943 Geld gesammelt worden, hauptsächlich in Gemeinden der USA. Otto Bartning, der nach Wittigs Worten einer der bedeutendsten deutschen Architekten und wichtigster protestantischer Kirchenbauer war, entwarf Kirchen in vorgefertigter Bauweise, die vor Ort montiert werden konnten. Das sei eine Revolution für die damalige Zeit gewesen.

Bartning habe seine Kirchen wie Zelte in der Wüste gebaut, und bei den großen Notkirchen Bartnings werde dieser Charakter durch die Bauweise mit Holzbindern sehr deutlich, so Wittig. Allerdings seien die Notkirchen, von denen es 104 gab und von denen die meisten erhalten sind, keineswegs als Provisorium gebaut. Der Begriff Notkirche sei vielmehr als „aus der Kraft der Not geboren“ zu verstehen.

Der Innenraum der Thomaskapelle mit seinen sechs raumhohen Holzbindern als tragende Konstruktion strahlt auch heute noch genau das aus. Es ist ein Raum, der seine Besucher willkommen heißt und Schutz und Gemeinschaft verspricht. Das zeigt, wie zeitlos die Idee Bartnings war und wie gut er seine Idee umgesetzt hat.

Wittig erklärte, dass die Thomaskapelle in Lappenstuhl zum Typ „Diasporakirche“ mit einem fast quadratischen Grundriss gehört. Das sei ein kleinerer und preiswerter Bautyp gewesen, nicht unwichtig für die Spender, die ihre Gelder gut verwendet wissen wollten. Zu den Bausätzen der Kirchen sei oft auch eine Anleitung mitgeliefert worden, wie der Bau zu pflegen sei, damit er in gutem Zustand bleibe.

Die Thomaskapelle stand zunächst in Voltlage und ist Ende der 1960er-Jahre nach Lappenstuhl umgezogen, wie sich einige der Zuhörer lebhaft erinnerten. In der Ortschaft Voltlage seien nach Kriegsende über 600 protestantische Flüchtlinge gewesen, die die Kirche für sich genutzt hatten, erzählte eine Zuhörerin vom Heimatverein Voltlage. Allerdings seien die Protestanten nach und nach aus der Ortschaft weggezogen, sodass die Kirche nicht mehr benötigt wurde.

Und wie ist die Thomaskapelle zu ihrem Namen gekommen? In Voltlage hatte sie wohl keinen Namen, zumindest sei in den Archiven nichts dazu zu finden, so die Frau vom Heimatverein Voltlage. Der Name stammt also von den Lappenstuhlern. Und man erzählt sich, dass viele Lappenstuhler nicht daran geglaubt hatten, die Kirche würde je wieder aufgebaut, denn zwei Jahre lag sie als „Bretterhaufen“ in Lappenstuhl. Als sie dann doch wieder aufgebaut wurde, bekam sie den Namen des ungläubigen Thomas. Und dass die Dachkonstruktion knarrt, wenn die Glocke läutet, ist nicht auf fehlerhaftes Zusammenbauen zurückzuführen, bestätigte Immo Wittig den Lappenstuhlern. Das sei ein Phänomen, dem er in mehreren Kirchen dieses Typs begegnet sei.