Hildegard Meiers zweite Heimat Ein halbes Jahrhundert an der Ostlandstraße in Hesepe

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Hesepe. Seit 50 Jahren nun lebt Hildegard Meier in der Ostlandstraße in Hesepe. Eine lange Zeit, in der das Haus mit der Nummer 49a zur Heimat der heute 87-Jährigen geworden ist. Oder besser gesagt: zur zweiten Heimat.

1927 ist Hildegard Meier mit dem Mädchennamen Zirpel im schlesischen Breslau geboren worden. Ihre Heimat musste sie wie so viele andere kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, nach dem Einmarsch der Roten Armee und den folgenden Enteignungen der deutschstämmigen Bevölkerung durch die polnische Regierung, verlassen. Sie wurde aus ihrer ersten Heimat verjagt und vertrieben – bis sie den Ort gefunden hatte, den sie als ihre zweite Heimat bezeichnen kann, sollten Jahre vergehen.

Hildegard Meier spricht nicht viel über die damalige Zeit. „Mit einem Viehwagen“ ist sie mit ihrer Mutter und Geschwistern geflohen, sagt sie, ihre erste Station in Westdeutschland war das Aufnahmelager für Flüchtlinge und Vertriebene in Friedland. Im Mai 1946 kam sie mit ihrer Familie dort an. Es hört sich, so wenig wie Meier darüber erzählt, an wie eine kurze Reise, die es aber sicherlich nicht war. „Meine Mutter hat immer gesagt: Unser Schicksal haben viele erlitten, und viele noch viel Schlimmeres. Wir brauchen uns nicht in den Mittelpunkt zu stellen.“ So hält es die betagte Frau bis heute.

Nach dem Aufenthalt in Friedland findet die Familie Zirpel bald eine Unterkunft, in Hesepe am Düstergatt. Die Hoffnung, willkommen geheißen zu werden, erfüllt sich noch nicht. „Es war eine schwere Zeit“, sagt Meier. Um sich überhaupt etwas zu essen leisten zu können, sammelten sie zu Beginn Kartoffelkäfer von den Äckern. Die Wirtsleute führten ein strenges Regiment. Wasser und Toilettenpapier waren rationiert für das Plumpsklo. Vielleicht ging das damals nicht anders. „Aber wir haben sehr viel Ablehnung erfahren“, blickt Meier zurück. Besonders schlimm seien die Beschränkungen natürlich gewesen, „wenn wir die Ruhr hatten“, setzt Meier an und grinst etwas schelmisch. Heute kann sie wohl darüber schmunzeln, damals nicht.

Acht Jahre lang, bis 1954, blieb Hildegard Meier am Düstergatt. „Warum das so lang wurde, weiß ich auch nicht. Es war eine fürchterliche Zeit“, sagt sie. Es folgte dann der Umzug in die Ostlandstraße, in das Haus, in dem sie heute noch lebt. Hesepe wuchs damals durch den Zuzug von Vertriebenen und Arbeitern enorm. Im Mai 1939, kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, hatte die Gemeinde 1069 Einwohner gehabt. 1950 waren es 1861, bis 1961 wuchs die Einwohnerzahl noch einmal auf über 2300 an. Es mussten große Anstrengungen unternommen werden, um genügend Wohnraum zu schaffen. Die Gemeinde selbst ließ Häuser errichten, ebenso der Kreisbauverein und die Flüchtlings-Heimbaugenossenschaft, wie aus Zeitungsberichten aus den 1950er-Jahren zu erfahren ist. Dabei kam auch die heutige Ostlandstraße in den Blick, die damals noch „Flugplatzrandstraße“ hieß – in unmittelbarer Nähe eben zum früheren Flugplatz Hesepe, der im Weltkrieg stark genutzt worden war und danach zunächst noch „ein von Bomben zerpflügtes Stückchen Erde war“, wie es in einem Zeitungsbericht von 1956 hieß.

Hier also fand Hildegard Meier 1964, vor 50 Jahren, eine Wohnung im Obergeschoss eines Hauses. „Wir haben mit sieben Leuten auf 53 Quadratmetern gelebt“, erzählt sie und sagt: „Man muss es nehmen, wie es kommt.“ Ein Satz, der häufig von ihr zu hören ist. Dass sie aber in diesem Hause an der Ostlandstraße bis zum heutigen Tag, 50 Jahre lang bisher, leben würde, „das hätte ich damals nie geglaubt“. Doch immer mehr fassten sie und ihre Familie Fuß in Hesepe, das ihre zweite Heimat werden sollte. Bei der Konservenfabrik Vauka fand sie Arbeit, später war sie auch für die niederländischen Soldaten tätig. Die Nachbarn waren überwiegend ebenfalls Vertriebene.

1980 bot sich die Möglichkeit, das Haus in der Ostlandstraße komplett zu kaufen. Mittlerweile gehört es bereits der dritten Generation, Tochter Doris und Schwiegersohn Detlef, die ebenfalls Meyer heißen, aber mit „y“. Ein Sohn von Hildegard Meier, dem das Haus zwischenzeitlich gehörte, „hat sich hier kaputtgearbeitet bei der Renovierung“, ist die Mutter überzeugt. Er starb viel zu früh.

Hildegard Meier ist geblieben. 50 Jahre lang, bis heute. In ihrer zweiten Heimat. Sie wohnt im Obergeschoss, dort, wo ihr Leben in der Ostlandstraße einst begann. Der Fußboden knarzt, die Möbel sind längst nicht mehr taufrisch. „Ich brauche nichts Neues mehr“, sagt sie. „Wer weiß, wie lange ich noch habe.“ Sie wird es nehmen, wie es kommt.


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