Bramscher Wirtschaft im Porträt „Ute‘s Pflegedienst“ in Bramsche begann als Ich-AG

Von Christoph Lützenkirchen

Den „Roten Faden“, der unserer Serie den Namen gibt, haben Ute Elschen und Lars Wißmann vor dem Geschäftssitz in der Gartenstadt aufgenommen. Foto: Christoph LützenkirchenDen „Roten Faden“, der unserer Serie den Namen gibt, haben Ute Elschen und Lars Wißmann vor dem Geschäftssitz in der Gartenstadt aufgenommen. Foto: Christoph Lützenkirchen

Bramsche. Das Leben steckt voller Überraschungen. Jedenfalls das von Ute Elschen. Die 41-jährige gebürtige Bramscherin ist Chefin von 30 Mitarbeitern in ihrer Firma „Ute’s Pflegedienst“. Dabei war sie eigentlich ganz zufrieden als Ausbilderin in ihrem erlernten Beruf. Elschen ist Konditoreifachverkäuferin. Und einen Pflegedienst wollte sie ursprünglich auf keinen Fall aufbauen: „Weil da so viel Bürokratie dranhängt.“ Es kam alles anders. Es begann mit der Pflege der Großeltern ihres Mannes von 2001 bis 2006.

Zwar hatte die Familie einen professionellen Pflegedienst beauftragt, doch neben der wichtigen medizinischen Versorgung blieb noch viel Alltägliches zu erledigen. „Da mussten zum Beispiel Geldangelegenheiten geordnet werden“, erinnert sich Elschen, außerdem fielen Verwaltungsgänge an, Einkäufe und hauswirtschaftliche Arbeiten. Aus der Beschäftigung mit den alten Menschen erwuchs bei ihr eine Geschäftsidee: ein maßgeschneiderter Service für Senioren. Das Angebot sollte die Hilfe im Garten umfassen, Hausmeisterarbeiten und Entrümpelungen bis hin zu Einkäufen und Unterstützung bei behördlichen Angelegenheiten.

„Das mit Oma lag mir“, sagt Elschen. Sie sei schon immer gern mit älteren Menschen zusammen gewesen und habe mit Interesse deren Geschichten gehört. Elschen gründete eine Ich-AG, die Keimzelle ihres Unternehmens. „Unser Schlafzimmer war das erste Büro“, erinnert sich ihr Mann Lars Wißmann. Der 41-Jährige hilft seiner Frau neben seinem Job als Kraftfahrer im Tiefbaufachhandel nach Kräften. Um die junge Firma bekannt zu machen, ließ Elschen Flyer drucken. Darauf prangte ein Passbild von ihr; ein kluger Schachzug, denn durch ihre langjährige Arbeit in verschiedenen Bramscher Läden war sie vielen bekannt. Die ersten Anrufe ließen nicht lange auf sich warten. Nach dem Start im April 2006 brauchte die Jungunternehmerin schon im Juni Verstärkung und hatte den ersten Mitarbeiter. „Zu diesem Zeitpunkt waren wir aber noch kein Pflegedienst“, betont Elschen. Diese Spezialisierung erfolgte erst 2009.

In der Rückschau wird deutlich: Eins ergab sich aus dem anderen. „Nachdem der gesetzliche Anspruch auf Betreuungsgeld eingeführt wurde, häuften sich bei uns die Anfragen auf Pflege“, so Elschen. Obwohl sie und ihre Mitarbeiter sich für pflegerische Aufgaben geschult hatten, durfte sie mit den Krankenkassen zu diesem Zeitpunkt nur Arbeiten in der Hauswirtschaft abrechnen. Pflegerische Leistungen bezahlten die Kunden noch aus eigener Tasche. Um einen Versorgungsvertrag mit den Kassen abzuschließen, benötigte Elschen eigens qualifizierte Mitarbeiter wie Krankenschwestern oder Altenpfleger. Sie löste auch dieses Problem und erhielt den begehrten Vertrag. Mit ihrem Büro zog sie derweil vom Schlafzimmer in den Keller, schließlich in ein eigens errichtetes Holzhäuschen im Garten. Mehr und mehr wurde die ungeliebte Verwaltung zur Hauptbeschäftigung. Geduldig arbeitete sie sich in die hochkomplexen Regelwerke ein, über die Leistungen in der Krankenpflege abgerechnet werden. Nachdem Elschen ihren Betrieb in den ersten Jahren mit einem Minimum an Verwaltung hatte führen können, musste sie nun Strukturen schaffen, in denen buchstäblich jeder Handschlag dokumentiert wird. „Da baut sich ein ganz schöner Druck auf“, erzählt die 41-Jährige: „Es ist gar nicht so leicht, den Patienten noch als Menschen im Blick zu behalten. Wir kämpfen permanent darum, das noch irgendwie mitzunehmen.“ Die Verwaltung des Unternehmens umfasst nunmehr bereits fünf Mitarbeiter.

Mittlerweile hält sich die Chefin vollständig aus dem Tagesgeschäft heraus. Sie hat ihr Büro im kleinen Gartenhaus erhalten und arbeitet vorwiegend von dort, nicht am Sitz der Firma in der Gartenstadt. „Zu Hause habe ich meine Ruhe und kann mir meine Zeit besser einteilen“, sagt Elschen. Der Nachteil: Richtig frei hat sie eigentlich nie. Die für die Selbstständigkeit unerlässlichen kaufmännischen Grundkenntnisse hatte sie sich bereits in ihrem Lehrberuf angeeignet. Im Zuge der Expansion des Pflegedienstes stieg sie in immer kompliziertere Gebiete ein. Inzwischen erledigt sie beispielsweise die komplette Lohnbuchhaltung in Eigenregie. „Ich habe einiges an Lehrgeld gezahlt“, gibt sie ganz offen zu, „ich bin aber an den Rückschlägen gewachsen. Und der Steuerberater war mir zu teuer.“ Auch in die juristischen Feinheiten im Bereich der Pflege hat sich Elschen eingefuchst. Es brauche ein wenig Geschick, das Potenzial der Gesetze voll auszuschöpfen, berichtet sie. „Ich hänge da mit Herzblut drin. Wir versuchen, möglichst viel Zeit für den Patienten herauszuschlagen“, sagt Elschen, „ich wusste vorher gar nicht, dass ich so viel Talent für diese Dinge habe.“

Die Chefin von Ute’s Pflegedienst ist an ihren Aufgaben gewachsen. Unerschrocken hat sie sich in fremde, anspruchsvolle Aufgaben eingearbeitet. Gelegentliche Misserfolge haben sie nicht entmutigt. Stattdessen hat sie sich ihrer Verantwortung gestellt und geduldig weitergearbeitet. Die gute alte Kaufmannsregel, nur Geld auszugeben, das man zuvor auch verdient hat, dient Elschen als Richtschnur. Beispielsweise wurden alle zwölf Firmenwagen kostengünstig gebraucht gekauft. Um den Fuhrpark kümmert sich ihr Mann. Trotz der mittlerweile stattlichen Zahl von Mitarbeitern schlafe sie nachts ganz ruhig, erklärt Ute Elschen: „Die Finanzen machen mir keinen Stress.“ Entspannung findet sie mit ihren zwei chinesischen Tempelhunden, in ihrem Garten und mit der Familie. Einer der beiden Söhne hat inzwischen Nachwuchs. Die vier Monate alte Mia ist Elschens ganzer Stolz. Mit dem Erreichten ist die 41-Jährige zufrieden. Sie habe zwar viele Ideen, erzählt sie, grundsätzlich könne aber alles so weiterlaufen, wie es ist.

Sorgen machen ihr die Patienten. „Wenn wir unsere Arbeit getan haben, schließen wir die Tür hinter uns und wissen: Jetzt ist der Mensch wieder allein. Uns sind da aber die Hände gebunden, wir können das nicht leisten und müssen auch uns selbst schützen“, so Elschen. Sie wünscht sich mehr ehrenamtlichen Einsatz in der Betreuung von alten und pflegebedürftigen Menschen. Dabei handele es sich häufig um Alleinstehende, deren Angehörige weit entfernt lebten.


Die BN-Serie „Roter Faden – Bramscher Wirtschaft im Por-trät“ stellt Firmen-Chefs und Geschäftsführer von Unternehmen in unserer Region vor. Im Mittelpunkt stehen dabei die Persönlichkeiten, die mit ihrem Engagement das Unternehmen voranbringen. Ihre berufliche Entwicklung wird ebenso nachgezeichnet wie das Wachsen des Betriebs. Das Besondere dabei: Jede/r Porträtierte schlägt unserem Mitarbeiter den nächsten Kandidaten für diese Serie vor. So zieht sich – nach und nach – ein „Roter Faden“ durch die örtliche Wirtschaft, mit dem die Bramscher Nachrichten die Vielfalt von Industrie, Handel und Gewerbe in unserer Umgebung aufzeigen.

Mit ihrem Unternehmen „Ute’s Pflegedienst“ betreut Ute Elschen circa 150 ältere und kranke Menschen in Bramsche und Umgebung. Die 30 Mitarbeiter sind laut ihren Angaben alle schon länger dabei. Zum Team gehören examinierte Krankenschwestern, Altenpflegerinnen, Pflegehelferinnen und Hauswirtschaftskräfte. Ferner unterliegen die Mitarbeiter der gesetzlichen Schweigepflicht.

Das Leistungsspektrum des Unternehmens umfasst unter anderem die Demenzbetreuung, die Schwerstkrankenpflege, die Mobilisation und Lagerung oder die medizinische Pflege bei ambulanten Operationen. Der Notruf von Ute’s Pflegedienst ist ganzjährig rund um die Uhr erreichbar.

Wir versuchen, die Betreuung für die Patienten so persönlich wie möglich zu gestalten“, betont Elschen. Konkret bedeute das, dass die Mitarbeiter feste Patienten haben und diese möglichst durchgehend versorgen. Außerdem beziehe man die Mitarbeiter in die Verteilung der Patienten ein, so die Chefin: „Das ist ein sehr persönliches Geschäft, die Leute müssen es gerne tun. Wenn sie widerwillig zu einem Patienten fahren, funktioniert das nicht.“

Der bisher jüngste Patient von Ute’s Pflegedienst war erst 25 Jahre alt, der älteste 98.

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