Eine Chance für Straffällige Ein Bramscher Lehrer und das „Schwarze Kreuz“


Osnabrück/Bramsche. Natürlich ist Weihnachtszeit – aber irgendetwas ist anders. Auf dem Hinweg klingt „Last Christmas“ aus dem Autoradio, doch als die Tür ohne Klinke ins Schloss fällt, schleicht sich Beklommenheit ein. Wer hier wohnt, kann nicht einfach kommen und gehen, wie er will: Osnabrück-Schinkel, Freigängerhaus der JVA. Wir sind zu einem Gesprächsabend des „Schwarzen Kreuzes“ eingeladen.

Die Internetseite der Hilfsorganisation hat einen bezeichnenden Namen – www.naechstenliebe-befreit.de. Die Ehrenamtlichen kümmern sich um Inhaftierte, auch in den verschiedenen JVA-Standorten in Osnabrück. Gruppenleiter ist der Bramscher Lehrer Uwe Engelmann. Mit seinen Mitstreitern verbindet ihn eine christliche Motivation, die dennoch fern jeder Sozialromantik ist. „Für mich sind Straftäter natürlich Kriminelle, die ihre Strafe zu verbüßen haben.“ Aber Christus sei immer auf die Randfiguren der Gesellschaft zugegangen und habe ihnen Versöhnung angeboten. Das wollen auch die Mitarbeiter des Schwarzen Kreuzes tun. „Wir fragen die Inhaftierten deshalb auch nicht, warum sie sitzen. Wir wollen unvoreingenommen auf sie zugehen. Vieles ergibt sich aber irgendwann im Gespräch.“

Es ist kurz nach 20 Uhr. Der Tisch im Aufenthaltsraum des Freigängerhauses ist mit Getränken und selbst gebackenen Keksen gedeckt. Langsam füllt sich der Raum. „Möchten Sie auch etwas trinken“? Michael K. * (alle Namen geändert), gekleidet in „Kreativ-Schwarz“, blank gewienerte Schuhe, hat es sich bereits im Sofa bequem gemacht, höflich beugt er sich zu uns herüber, gießt einen Kaffee ein, lehnt sich wieder zurück. Ein Gruppenmitglied , ein Mitarbeiter, ein Insasse? Später berichtet er, dass es sein erstes Weihnachten „draußen“ nach 13 Jahren Haft sein wird. Er wird seine Mutter besuchen, vielleicht kommt der Bruder mit seiner Familie. Mal sehen? Ob das nicht „spannend“ sei, will die ältere Dame vom „Schwarzen Kreuz“ wissen. Aber Michael K. zieht sich zurück. „Das lass ich jetzt auf mich zukommen. Bis ich richtig raus bin, habe ich ja noch eineinhalb Jahre. Dann sehen wir weiter.“ Und schweigt. Seine Frage, ob er Engelmann und seine Mitarbeiter duzen könne, hat der Pädagoge zuvor höflich, aber bestimmt abgelehnt. „Wir sagen hier ,Sie‘ zueinander.“ Das hat etwas mit Wertschätzung zu tun, macht aber auch klar: Die Helfer wollen sich nicht anbiedern.

Frank und Maik H. sind Brüder. Mehr als zehn Geschwister waren sie zu Hause. Vor zwei Wochen haben die Schwarzes-Kreuz-Mitarbeiter für die Inhaftierten eine kleine Weihnachtsfeier organisiert. „Das hat mich so an Weihnachten damals mit uns vielen Kindern erinnert“, sagt Frank. Uwe Engelmann fragt nach: „Können Sie sich noch an Ihr erstes Weihnachten im Knast erinnern?“ Frank H. berichtet: „Das war noch in der Jugendhaftanstalt. Da muss ich so 17 gewesen sein. An Heiligabend ging es morgens in die Messe. Dann warst du allein. Das war schon hart.“ Er verschränkt die tätowierten Arme. Jetzt ist er Freigänger und hat feste Pläne: „Um 17 Uhr mit der Familie in die Kirche, dann ein gutes Essen...“. Er freut sich.

Sein Bruder Maik wird zum ersten Mal seit vier Jahren Weihnachten „draußen“ verbringen. „Ich war BTMer, aber jetzt bin ich sauber. Mindestens 70 Prozent liegen an einem selber“, versichert er. In ein paar Monaten hat er seine Strafe abgesessen, aber die Gefühle sind zwiespältig. Die Kinder sind mittlerweile fast erwachsen. „Früher haben die noch nicht so viel mitgekriegt“, aber jetzt? Die Frau hat sich von ihm getrennt, Sohn und Tochter könnten sich auch abwenden. „Ich habe auch ein bisschen Angst vor Weihnachten. Wir haben uns auseinandergelebt“. „Ich finde es toll, dass Sie das so sagen mögen“, wirft Engelmann ein. Maik atmet tief durch : „Man kann vor Weihnachten einfach nicht weglaufen. Da wird man einfach sentimental. Früher als Kind, da war Weihnachten so schön.“

Hasan B. dagegen freut sich einfach nur. Seine Haftzeit ist überschaubar, schon nach ein paar Wochen gab es Freigang und „jetzt bekomme ich Heiligabend den Schlüssel zu meiner neuen Wohnung, und am ersten Weihnachtstag kann ich rein“. Die Ex-Frau kommt. „Wir haben ein gutes Verhältnis“, versichert er und grinst: „Wir haben ja auch Lohn bekommen und alle Geschenke gekauft.“ Adem S. nickt zustimmend. Engelmann fragt nach: „Aber für Sie als Muslim, hat Weihnachten da auch eine Bedeutung?“ „Wir feiern auch ein bisschen, besonders wegen der Kinder“, berichtet der Mann vom Balkan. Das Jüngste seiner Kinder ist erst zwei Jahre alt. Besonders freut er sich auf das Wiedersehen mit dem Vermieter. Fragende Blicke. „Ja, die haben meine Frau und die Kinder so gut unterstützt, als ich in Haft gegangen bin.“ Selbstverständlich ist das nicht, das weiß Adem.

Längst nicht alle im Raum sind Christen. Dennoch hören alle still zu, als Rabea Wille die Weihnachtsgeschichte vorliest. Hasan B. stützt den Kopf in die Hand, Maik H. zweifelt: „Wo ist Gott denn? Hat ihn schon mal jemand gesehen?“ Engelmann kann das zulassen. „Ich war auch nicht immer Christ. Aber jetzt bin ich überzeugt, dass wir die Hoffnung auf einen Neubeginn haben können.“

Neubeginn ist das Stichwort: Im Freigängerhaus sollen sich die Inhaftierten auf ihre Zeit nach dem „Knast“ vorbereiten. Vielen arbeiten bei Zeitarbeitsfirmen. Ob sie eine Perspektive haben? Oder doch „immer ganz unten stehen“, wie Michael K. meint. Die Mitarbeiter vom Schwarzen Kreuz hören zu, geben vielleicht Tipps. Engelmann räumt später ein: „Sie müssen die Konsequenzen für ihre Taten tragen. Aber die Rückfallquote in Deutschland ist für meinen Geschmack viel zu hoch.“ Hier sehen die Angehörigen des Schwarzen Kreuzes den Grund für ihr christliches Engagement: „Wenn die Inhaftierten spüren, dass sie nicht abgeschoben werden, nicht isoliert und ausgegrenzt, kein hoffnungsloser Fall sind, dann sind doch Chancen da, einen Neuanfang zu wagen, in ein Leben ohne Straftaten.“


Das „Schwarze Kreuz“ hilft seit 1925 Straffälligen und ihren Familien während und nach der Haft. Es ist Mitglied im Diakonischen Werk und in der Evangelischen Konferenz für Straffälligenhilfe. Finanziert wird die Arbeit überwiegend aus Spenden. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter organisieren Gesprächskreise in den Haftanstalten, Freizeit- und Sportangebote, Einzelbetreuung und -beratung, Hilfe bei und nach der Entlassung und die Begleitung von Angehörigen. Die Osnabrücker Gruppe bietet an jedem ersten und dritten Donnerstag im Monat einen Gesprächskreis zu christlichen Themen an. Es gibt einen wöchentlichen Lauftreff. Inhaftierte und Betreuer besuchen gemeinsam Kultur- oder Sportveranstaltungen.

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