Ein „besonderes Kind“ Der kleine Samet und die Inklusion in Bramsche

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Mittendrin: Samet und seine Kita-Freunde von der Geschwister-Scholl-Straße. Foto: Awo-Kindertagesstätte Geschwister-Scholl-StraßeMittendrin: Samet und seine Kita-Freunde von der Geschwister-Scholl-Straße. Foto: Awo-Kindertagesstätte Geschwister-Scholl-Straße

Bramsche. Abholzeit in der Awo-Kindertagesstätte an der Geschwister-Scholl-Straße. Samet fliegt seiner Mutter in die Arme, genau wie sein Zwillingsbruder Eren. Ein bisschen Knuddeln, ein Küsschen. Und schon flitzt Samet wieder los. In die Küche. Da ist immer was los. Ganz normal, und doch ist Samet ein „besonderes Kind“, wie seine Mutter Tanja Uzun sagt: Samet hat das Down-Syndrom, auch bekannt als Trisomie 21.

An diesem Mittag ist Trubel in der Kita in der Gartenstadt. Mitarbeiterin Heidi Fischer feiert ihren 60. Geburtstag und da bringen alle Kinder ein Ständchen. Samet immer mittendrin. Bis, ja bis aus der Küche die Töpfe klappern. Irgendjemand läuft schließlich hinter dem kleinen Flitzer her, fängt ihn wieder ein. Zwei Kindergartenkinder nehmen ihn zwischen sich. „Die Kinder passen mit auf“, sagt Kindergartenleiterin Martina Wübker.

Die Tagestätte an der Geschwister-Scholl-Straße ist eine Einrichtung mit den verschiedenen Angeboten, die heute von einer solchen Einrichtung erwartet werden: verlängerte Öffnungszeiten, Mittagessen, Regel- und altersübergreifenden Gruppen, einer Krippe für die Allerkleinsten. Und es gibt eine Integrationsgruppe, in der bei geringerer Gruppenstärke zurzeit zwei Kinder mit erhöhtem Förderbedarf betreut werden. Eines davon ist Samet. „Er fühlt sich rundherum wohl“, sagt seine Mutter.

Bei den Mädchen einen Stein im Brett

Dabei hatte Samet keinen leichten Start ins Leben, als sein Bruder Eren und er am 30. Dezember vor fast fünf Jahren gut sechs Wochen zu früh das Licht der Welt erblickten. Eren, der eine Minute ältere große Bruder, ist gesund. Bei Samet wurde Trisomie 21 diagnostiziert, außerdem waren bereits in den ersten Lebensmonaten zwei Herzoperationen nötig. Jetzt, mit fast fünf Jahren, ist er fast einen Kopf kleiner als sein Zwillingsbruder und in seiner Entwicklung deutlich verzögert. Aber „wenn er etwas nicht kann, dann lacht er das weg. Das bewundere ich wirklich an ihm“, sagt Tanja Uzun und lächelt: „Ich weiß, ich bin da nicht objektiv“. Andrea Kreller, Heilpädagogin in Samets Gruppe, formuliert das so: „Er kommuniziert viel über Gesten“. Und Kita-Leiterin Martina Wübker ergänzt: „Die Kinder nehmen schon wahr, dass er etwas anders ist, aber es ist eine posititive Wahrnehmung“. Er ist eben der Kleine, so wie ein kleiner Bruder oder das jüngste Gruppenkind.

Besonders bei den Mädchen hat Samet deshalb einen Stein im Brett. „Er ist eben so ein kleiner Schmuser. Das kommt bei den Mädchen gut an“, freut sich seine Mutter und sie fügt hinzu: „Ich war richtig gerührt, als er zum ersten Mal eine Geburtstagseinladung bekommen hat. Da musste ich schon ein Tränchen verdrücken.“ Auch von den Eltern werde ihr „besonderes Kind“ gut akzeptiert.

Seit letztem Sommer packt Tanja Uzun jetzt morgens zwei Kinder ein und bringt sie in die Kindertagesstätte an der Geschwister-Scholl-Straße. Eren hatte ein bisschen Vorsprung. Mit drei Jahren besuchte er schon die Nachmittagsgruppe. „Dann hat Frau Wübker uns angesprochen, wie es mit der Betreuung von Samet weitergehen solle“, erzählt sie weiter. Der Entschluss war bald klar: Der kleine Junge mit dem Zusatz-Chromosom sollte die gleiche Einrichtung besuchen wie sein Bruder, aber in einer anderen Gruppe. Ärzte des Kinder- und Jugend-Gesundheitsdienstes für Stadt und Landkreis Osnabrück erstellten ein Gutachten, in dem der Förderbedarf geklärt und der Entwicklungs- und Gesundheitszustand festgehalten wird. „Das kann eine Einrichtung nicht einfach selbst entscheiden“, unterstreicht Wübker. Wenn Eltern Wert auf eine integrative Betreuung legen, werde geschaut, wo ein freier Platz ist. Samet und seinen Eltern kam dabei wohl zugute, dass Eren bereits einen Kita-Platz an der Geschwister-Scholl-Straße hatte.

Fingerfarben und ganz viel Vorlesen

So gut integriert Samet auch ist, er braucht doch ein Plus an Unterstützung. „Wir haben einen Förderplan erstellt“, berichtet Andrea Kreller. Dazu gehören besondere Angebote in der Gruppe oder auch für einzelne Kinder. Dreimal wöchentlich steht Psychomotorik auf dem Plan. Nicht nur für Samet: „Es gibt auch andere Kinder, denen das guttut“, sagt Kreller. Mit Fingerfarben oder Creme wird die taktile Wahrnehmung geschult, mit ganz viel Vorlesen die Sprachentwicklung. Entspannung im Snoozlen-Raum und Massagen liebt Samet wie eigentlich alle Kinder. Denn das ist ganz wichtig: „Samet liebt es, wenn andere dabei sind“, sagt seine Mutter. Fast noch mehr liebt er aber das therapeutische Reiten auf dem Hof Schmidt in Schleptrup. Das ist „Seins“, sein großer Bruder spielt lieber Fußball. „Eren muss nicht immer Rücksicht nehmen“, versichert Tanja Uzun. Auch bei Uzuns gibt es mal Zoff, wie bei ganz normalen Geschwistern eben.

„Es war ein Experiment. Aber wir stehen als Team voll dahinter“, sagt Martina Wübker. Auch Samets Mutter ist klar: „Er braucht viel mehr Betreuung und Geduld als ein Regelkind. Aber es ist ein Geben und Nehmen. Samet lernt viel von den Regelkindern und die Regelkinder von ihm“. Und was 2015 ist, wenn die Einschulung anliegt, „da mache ich mir noch keine Gedanken. Bis dahin kann noch soviel passieren“.


Eltern, deren Kinder behindert oder von einer Behinderung bedroht sind, können über den Fachdienst Soziales des Landkreises Osnabrück Leistungen zur Frühförderung oder Integration ihrer Kinder beantragen. Die für die Kostenübernahme erforderlichen Gutachten erstellt der Gesundheitsdienst für Landkreis und Stadt Osnabrück. „Wir untersuchen die Kinder und beraten dann die Eltern über sinnvolle und geeignete Fördermöglichkeiten“, sagt Kinder- und Jugendmedizinerin Hedwig Tasche. Die Eltern würden häufig von den Kinderärzten auf die Fördermöglichkeiten aufmerksam gemacht, sagt Tasche. Auch von den Kindertagesstätten gingen oft entsprechende Anregungen aus. Väter und Mütter, die den Kontakt zum Fachdienst Soziales suchen, erhalten einen Fragenbogen, der zugleich auch Antragsformular ist. Die nötigen Untersuchungen erfolgen meist in den Räumen des Gesundheitsdienstes, die Mediziner kommen aber auch in die Kitas oder suchen die Familien zu Hause auf, wenn eine Fahrt zum Gesundheitsdienst für Eltern und Kinder eine zu große Belastung darstellt. Auf der Basis der Gutachten entscheidet der Fachdienst Soziales über Bewilligung der Förderung, die allerdings zeitlich befristet ist und nach einem Jahr neu beantragt werden muss.

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