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Der Mord im Moor Bramscher Pepita-Geschichten: Der Gerumsberger Mantel

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Bramsche. Da liegt er – in der Vitrine, harmlos, zusammengelegt, unauffällig gemustert, erdfarben. Fast könnte man sagen, ein bisschen langweilig. Interessant nur für Wissenschaftler? Aber das ist ein Fehlschluss. Der Umhang, dessen fadengenaue Replik im Tuchmachermuseum zu sehen ist, hat eine Geschichte, die fast ein bisschen etwas von Ötzis blutrünstiger Vergangenheit hat. Aber das offenbart sich dem Besucher erst auf den zweiten Blick.

Museumsleiterin Kerstin Schumann ist zu sehr Wissenschaftlerin, als dass sie nicht zuerst von der historischen Bedeutung des Fundes aus dem Gerumsberger Moor in Südwestschweden spricht. Erik Rydberg war noch ein junger Mann, als er beim Torfstechen im Hjortmossen Moor auf ein seltsames, mit Tau verschnürtes und mit Steinen beschwertes Paket stieß. Erik war neugierig, vielleicht konnte man den Fund ja irgendwie gebrauchen, und nahm ihn mit nach Hause. Seine Mutter – ganz praktische Hausfrau – wusch das dicke, offenbar strapazierfähige braune rund zugeschnittene Tuch erst einmal durch und hängte es zum Trocknen auf. Die Zeiten waren schlecht, da wirft man Dinge nicht einfach weg.

„Alle Historiker hätten die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen“, schüttelt es Kerstin Schumann immer noch, wenn sie an den Umgang mit dem kostbaren Fund denkt. Was da, vom Moorwasser braun gefärbt, in Mutter Rydbergs Waschzuber gewandert war, war der älteste belegte Fund eines Musters, das wir heute noch als Hahnentritt kennen. Analysen datierten die Entstehungszeit des Fundes später auf 360 bis 100 vor Christus, das heißt in die vorrömische Eisenzeit.

Zum Glück für die Nachwelt wurde ein Nachbar Rydbergs aufmerksam, der sich für Heimatgeschichte interessierte. Er bot den Fund einem Museum vor Ort an. Man winkte ab: kein Interesse. Aber der rührige Heimatforscher ließ nicht locker. Er bot den Mantel dem National Historic Museum in Stockholm an. Dessen Mitarbeiter nahmen Kontakt zur Universität Kopenhagen auf, wo man sich des Stoffstücks aus dem schwedischen Moor annahm, es nachwebte und entdeckte, was Stoff für einen historischen Krimi abgeben könnte.

Der Mantel war offensichtlich von 32 Messerstichen im Rücken und Brustbereich durchlöchert, die seinem Träger mit Sicherheit das Leben gekostet haben, erzählt Kerstin Schumann. Sollte das Opfer einfach ins Moor geworfen worden sein? Verpackten und versteckten die Mörder die Bekleidung, um die Spuren des Verbrechens zu vertuschen? „Räuberpistolen“ , bremst die Museumsleiterin allzu wilde Spekulationen, die ihr offenbar aber selbst durchaus Spaß machen. Aber es könnte ja durchaus so gewesen sein. Dabei sieht der Mantel doch so harmlos aus und eigentlich ein bisschen langweilig. Wie Opas Jackett aus den 50er-Jahren.


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