Trainingsraum für Störer Neues Konzept am Bramscher Gymnasium

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<em>Gemeinsam</em>erarbeiten Lehrerin Anna Renard (hinten) und die Schüler einen Plan, wie es in Zukunft besser laufen kann. Die Schülerin, die sich freundlicherweise für das Foto zur Verfügung stellte, hat übrigens absolut nichts auf dem Kerbholz. Foto: Hildegard Wekenborg-PlackeGemeinsamerarbeiten Lehrerin Anna Renard (hinten) und die Schüler einen Plan, wie es in Zukunft besser laufen kann. Die Schülerin, die sich freundlicherweise für das Foto zur Verfügung stellte, hat übrigens absolut nichts auf dem Kerbholz. Foto: Hildegard Wekenborg-Placke

Bramsche. Keine Chance mehr für die Lümmel von der letzten Bank? Am Bramscher Greselius-Gymnasium versucht man jetzt, Störungen und Störern mit einem neuartigen Konzept beizukommen - dem Trainingsraum. Mit Erfolg, wie der schulfachliche Koordinator Tobias Stich versichert.

„Unterrichtsstörungen gehören zum Alltag“, räumt Anna Renard ein. Das habe es immer gegeben und werde es auch immer geben. Schüler seien auch „nicht schlimmer“ als früher. „Es geht nur darum, einen pädagogisch wertvollen Umgang damit zu finden“, sagt die Deutsch- und Biologielehrerin, die, was den Trainingsraum angeht, zu den Pionieren am Bramscher Gymnasium gehört. „Die viel positivere Variante von Vor-die-Tür-setzen“, nennt es Renard. Hintergrund des Ganzen: Schüler sollen ungestört lernen, Lehrer ebenso ungestört unterrichten können.

Wie so viele pädagogische oder Coaching-Konzepte hat die Idee vom Trainingsraum ihre Wurzeln in den USA, wo sie Ende des vergangenen Jahrhunderts entwickelt wurde. Später wurde sie von der Diplom Psychologin und Sachbuchautorin für deutsche Bedürfnisse adaptiert und auf zahlreichen pädagogischen Kongressen vorgestellt, wo die Idee auch einige Greselius-Pädagogen überzeugte. Man gründete eine Arbeitsgruppe, informierte sich an anderen Schulen in der Region „meist anderer Schulformen“ (Stich) und holte Kollegen, Schüler und Eltern mit ins Boot. Mittlerweile acht Lehrer wurden in adäquater Gesprächsführung geschult.

„Schülerinnen und Schüler lernen, dass sie über ihr Verhalten selbst entscheiden und deshalb auch selbst dafür verantwortlich sind“, heißt es auf der Internetseite www.trainingsraum-methode.de . Das bestätigt Barbara Bolz, die als stellvertretende Schulleiterin des Gymnasiums ebenfalls dem Trainingsraum-Team angehört. Seit Schuljahresbeginn 2012 arbeitet man an der Malgartener Straße mittlerweile mit dem Konzept. Basis sind konkrete Regeln, die in allen Klassen der Unter- und Mittelstufe verteilt und ausgehängt wurden. „Ich höre zu, wenn andere sprechen. Ich melde mich und warte, bis ich aufgerufen werde. Ich passe auf und lenke andere nicht ab“. Das sind nur ein paar der Regeln, die ab der fünften Klasse jeder Gymnasiast in Bramsche kennen sollte. Neu sind sie allesamt eigentlich nicht gerade .

Aber das ist den Lehrern, die mit dem Konzept arbeiten auch bewusst. „Neu ist vielmehr, dass das Programm auf die Eigenverantwortung der Schüler setzt“, erläutert Barbara Bolz - heißt, sie entscheiden selbst, ob sie die Regeln befolgen, oder eben die Konsequenzen tragen. Wer schwatzt oder mit dem Stuhl kibbelt, wird zunächst vom Lehrer angesprochen: „Was tust du gerade?“ Meist reicht das schon, hat Mathelehrer Rafael Tolksdorf beobachtet. Das Ritual ist bekannt. Vielen Schülern sei zeitweise gar nicht bewusst, dass sie störten. Ist die Störung massiver oder wiederholt sie sich, „treffen die Schüler bewusst die Entscheidung, den Unterricht zu verlassen“, formuliert es eine Mitteilung des Gymnasiums.

Der Trainingsraum selbst ist allerdings nur in der fünften und sechsten Stunde geöffnet. Wer in der ersten bis vierten Stunde negativ auffällt, bekommt einen „Reflexionsbogen“ in die Hand, den er „in unmittelbarer Nähe“ des Klassenraumes ausfüllen muss. Später kann er wieder am Unterricht teilnehmen. Was der Schüler hier zu Papier bringt, wird bei nächster Gelegenheit im Trainingsraum besprochen. Gemeinsam entsteht dann ein Plan, wie Störungen in Zukunft zu vermeiden sind.

Einen Strafcharakter sollen die vertraulichen Gespräche in dem hellen, mit Grünpflanzen ansprechend gestalteten Raum keinesfalls haben, versichern die Pädagogen. „Die Schüler merken, dass sie ernst genommen werden, sagt Bolz. „Die Kinder sehen, dass eine Grenze erreicht ist. Das wirkt auf die ganze Klasse“, ergänzt sie. Schließlich seien es nicht zuletzt die Schüler selbst, die ein ruhiges Lernklima verlangten. In den Gesprächen stelle sich nicht selten auch heraus, dass Schüler, die im Unterricht auffallen, mit Problemen in ihrem Umfeld oder der Familie kämpften. Hier werden dann die Beratungslehrer eingeschaltet, die dem Sozialraumteam bewusst nicht angehören, die Klassenlehrer und eventuell auch die Eltern. Meist sind Siebt- und Achtklässler im Trainingsraum zu finden. „Auf Oberstufenschüler ist das Konzept nicht ausgelegt“, räumt Renard ein.

Das Konzept kommt an, ist sich Koordinator Stich sicher. An vielen Schulen habe man bereits positive Erfahrungen gemacht. Stich fasst zusammen: „Wir erwarten an unserer Schule eine Entspannung des Klassen- und Schulklimas und mehr Freude und Erfolg beim Lernen“.


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