Vernissage des Kunstvereins Ausstellung zum Grundgesetz im Bramscher Tuchmacher-Museum

Sorgte für viel Aufsehen: Die „fette Henne“ im Eingangsbereich des Bramscher Tuchmacher-Museums. Ruth Röttenbacher stellt den Bundesadler als heldenhaften Verteidiger der Grundwerte dar, der immer unter Beschuss steht. Foto: Andreas WenkSorgte für viel Aufsehen: Die „fette Henne“ im Eingangsbereich des Bramscher Tuchmacher-Museums. Ruth Röttenbacher stellt den Bundesadler als heldenhaften Verteidiger der Grundwerte dar, der immer unter Beschuss steht. Foto: Andreas Wenk

Bramsche. Erstmals hat sich der Bramscher Verein für bildende Kunst ein übergeordnetes Thema für seine Jahresausstellung gewählt: 70 Jahre Grundgesetz. Im Tuchmacher-Museum fand nun die Vernissage statt.

Entstanden ist ein Kaleidoskop künstlerischer Stile und Ideen rund um unsere Grundrechte, deren drohende Aushöhlung und gegenseitigen Respekt. Zur Vernissage waren knapp 100 vorwiegend ältere Gäste gekommen. Dennoch waren auch ein paar jüngere Gesichter zu sehen, so wie Gerrit Staas und David Budweg. Sie schlichen noch durch das Tuchmacher-Museum nachdem die meisten Gäste bereits nach Hause geströmt waren. Vor allem Siegfried Konackis Marionette II hatte es ihnen bis dahin angetan. Das Thema: Artikel 2, das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Die Figur erinnert teilweise an eine Holzgliederpuppe und sitzt auf einer Schere in der Hand auf einem dicken Wälzer, als ob sie sich das aus dem Grundgesetz herausschneiden möchte, was ihr gefällt.

Sorgten für eine festlichen Rahmen und begleiteten anschließend selbst den Rundgang mit ihrem virtuosen Spiel: Isabelle Kottke und Martin Remme.

Ganz anders das Werk von Karin Bormann. Die langjährige Vorsitzende des Vereins ruft den Betrachter dazu auf, die angeblich unantastbare Würde des Menschen zu achten und erinnert unter ihrer Zeichnung an die Ausbeutung von Paketboten oder appelliert daran, beim Thema Grundrechte nicht nur die eigenen Rechte in den Vordergrund zu rücken.

Eine besonderer Publikumsmagnet: das Werk von Ruth Röttenbacher. Auf Schwarz, Rot, Gold breitet der Bundesadler seine Schwingen über einzelnen Grundgesetzartikeln aus, umarmt sie fast mit seinen Flügeln und bewahrt sie vor Angriffen, dargestellt als Pfeile mit kritischen Aufschriften wie „Staatstrojaner“, „Fehlende Chancengleichheit in der Bildung“ oder „Tarifeinheitsgesetz – das Streikrecht wird ausgehöhlt.“ Viele Besucher wie Irene Erben nehmen sich die Zeit, das dreidimensionale Großformat in Mischtechnik mit seinen vielen kleinen Texten genauer unter die Lupe zu nehmen. „Interessant“ entfährt es ihr, will das aber nicht auf das einzelne Werk beschränkt wissen, sondern lobt die „Vielfalt“ und die unterschiedlichen Ideen, mit denen die Künstler an das Thema herangegangen sind. So etwa Franz Rzehak, dessen aufmerksame Kamera Szenen einfängt, die eine schont fast skurrile Lebensfreude verraten und nicht vor menschenunwürdigem sozialem Elend zurückschreckt.

Bürgermeister Heiner Pahlmann nannte es eine „wirklich tolle Idee“, sich angesichts des Jubiläums „70 Jahre Grundgesetz“ künstlerisch damit auseinanderzusetzen. Mit Blick auf den Wechsel im Vorstand des Kunstvereins sagte er, obwohl die Eröffnung der Jahresausstellung einen festen Platz in seinem Kalender habe, sei das nach dem Abgang von Karin Bormann ein „Neuanfang.“ Der neue Vorsitzende Dr. Reinhard Röttenbacher hält sich bescheiden im Hintergrund (rechts).

Mit Humor und Ironie präsentierte sich Reinhard Röttenbacher als neuer Vereinsvorsitzender. „Wer Pahlmann einlädt, dem bleibt nicht mehr viel zu sagen“ meinte Röttenbacher nach der Eröffnungsrede des Bürgermeisters. Er wolle dennoch versuchen, das Gesagte „zu variieren.“ Beide Redner hoben hervor, das Grundgesetz sei heute noch so aktuell wie vor 70 Jahren und beide erklärten, jeder Einzelne sei aufgerufen, die darin enthaltenen Grundwerte zu verteidigen.

Nach den jüngsten Landtagswahlergebnissen warnten sie vor einem neu aufkeimenden Rechtspopulismus. Röttenbacher hob zudem hervor, dass sich mit dem Grundgesetz eine „kopernikanische“ Wende vollzogen habe. Statt als Obrigkeit verstehe sich der Staat seither als Institution im Dienste der Bürger. Isabelle Kottke (Klarinette) und Martin Remme (Klarinette und Flügel) verliehen dem Abend einen festlichen Rahmen. Das Publikum dankte es ihnen mit kräftigem Applaus.

Die Werke des Vereins für Bildende Kunst sind bis Sonntag, 8. Dezember 2019, im Bramscher Tuchmacher-Museum zu sehen.


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