Aus den frühen Jahren der DDR Evinghausener Waldorfschüler spielen "Das schweigende Klassenzimmer"

Von Holger Schulze

Berechtigten Beifall von den beiden Klassenbetreuern, dem Regisseur und dem Publikum erhielten die beiden 12. Klassen der Waldorfschule für ihre Version des Theaterstücks „Das schweigende Klassenzimmer“. Fotos: Holger SchulzeBerechtigten Beifall von den beiden Klassenbetreuern, dem Regisseur und dem Publikum erhielten die beiden 12. Klassen der Waldorfschule für ihre Version des Theaterstücks „Das schweigende Klassenzimmer“. Fotos: Holger Schulze

Evinghausen. Mit drei öffentlichen Vorstellungen des Stücks "Das schweigende Klassenzimmer" am Wochenende schlossen die beiden 12. Klassen der Waldorfschule Evinghausen ihr vierwöchiges Theaterprojekt ab.

Durchgehend gespannte Aufmerksamkeit des Publikums während der Aufführung und minutenlanger Beifall am Schluss waren neben den zahlreichen Erfahrungen, gesammelt in einem groß angelegten Gemeinschaftserlebnis, das den großen Aufwand belohnende Ergebnis der Schauspielproduktion.

Gespielt wurde „Das schweigende Klassenzimmer“, eine wahre Geschichte aus den Anfängen der DDR. Zum Inhalt: Ein Abiturientenjahrgang ist entsetzt über die blutigen Vorgänge beim Ungarnaufstand im Jahre 1956 und beschließt hiergegen ein Zeichen zu setzen. Nur durch ein minutenlanges Schweigen im Geschichtsunterricht wird bis hinauf in die Ministerebene der Machtapparat des Staates auf den Plan gerufen, der mit empfindlichen Repressalien gegen diese Form der „Konterrevolution“ auf den ideologiefreien und einleuchtend richtigen Gedanken reagiert, dass es doch nicht angehen kann, dass Sozialisten Sozialisten erschießen.


„Wir wünschen allen Zuschauern viel Spaß und hoffentlich auch ein paar Gänsehautmomente bei unserem Klassenspiel“, war  den Anfangsseiten des Programmheftes zu entnehmen. Sehr viel Einsatz und Kreativität hatten die Schülerinnen und Schüler in die Verwirklichung dieser Hoffnung investiert.  

Kulissenbau, Requisitenbeschaffung, Marketing, Programmheft- sowie Plakatgestaltung, und all dies neben den intensiven Proben, gehören  zum Standard bei solchen Klassenspielen. Auch gibt es so gut wie jedes Jahr individuelle Anpassungen und Erweiterungen in den jeweils ausgewählten Stücken. Was die beiden aktuellen 12. Klassen jedoch insgesamt aus dem Theaterstück gemacht haben, ging diese Mal noch über den an sich schon umfänglichen Einsatz hinaus.  

Es gab Videoeinspieler, Gesang, Tanz zu eigens für die Vorstellungen von einem Schüler komponierter Musik 


sowie eine überaus dynamisch dargestellte Schlägerei. Außerdem wurde das Publikum bestens in den Handlungsablauf integriert. Eine Liveband verlieh den Geschehnissen auf der Bühne durch musikalische Improvisationen nochmal eine besondere Eindrucksdichte verlieh. All dies dürfte es wohl in der Geschichte der Klassenspiele an der Waldorfschule Evinghausen in dieser Vollständigkeit bisher noch nicht gegeben haben.

Hinzu kam eine schauspielerische Leistung, die aus Darstellern einzelner Charaktere auf der Bühne bislang ganz andere Typen als bisher gekannt werden ließ. Die professionelle Regiearbeit des studierten Schauspielers Simeon Wutte hatte es zudem zustande gebracht, dass selbst das Zuspiel von Statisten ohne Text so gut wie keine Wünsche in Mimik und Gestik offen ließ.  

Eindrucksvoll durcharrangierte Massenszenen, fast schon einschüchternde Darstellungen eines aus dem Ruder gelaufenen Machtapparates, der mit den Mitteln Drohung, Täuschung oder Erpressung eine schlichte Schülergeste zu einem Angriff auf Gesellschaft und Staat hochstilisiert,


 aber auch entspannende Szenen wie die von fröhlich tanzenden jungen Leuten oder die im Wohnzimmer aufkeimende junge Verliebtheit machten die Aufführung zu einer wirklich runden Sache ohne Längen.

„Wir wollen auch zum Nachdenken anregen“ hatte einer der Hauptdarsteller beim Pressegespräch zum Vorbericht angedeutet. Auch das konnten die Schülerinnen und Schüler  mit ihrem Stück perfekt umsetzen.  

Das auf den ersten Blick als durch die Wiedervereinigung längst überwunden geglaubte Geschichte aus vergangenen Tagen daher kommende Theaterstück zeigt  auf den zweiten Blick seine tagesaktuelle Brisanz. Damals war und heute ist es wieder die Jugend, die der Erwachsenenwelt den Spiegel vorhält. 

„Auf welcher Seite stehst du?“, war die gesungene Frage der Schüler zum Schluss der Vorstellung an das Publikum.


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