zuletzt aktualisiert vor

Gelebte Inklusion Bramscher Waldhotel Renzenbrink beschäftigt junge Frau mit Behinderung

Von Joachim Dierks

Eine Anstellung hat Kellie Ann Tanner (am Topf) mithilfe von Diedrich Hesse und Inge Völkle, Hubert Felhölter (Lebenshilfe e. V.) und Erwin Radtke (HpH Bersenbrück) (von links) im Waldhotel Renzenbrink gefunden. Foto: Joachim DierksEine Anstellung hat Kellie Ann Tanner (am Topf) mithilfe von Diedrich Hesse und Inge Völkle, Hubert Felhölter (Lebenshilfe e. V.) und Erwin Radtke (HpH Bersenbrück) (von links) im Waldhotel Renzenbrink gefunden. Foto: Joachim Dierks

Bramsche. Sie kochen nicht nur ihr eigenes Süppchen, sondern sie blicken über den Tellerrand hinaus. Die Macher des „Netzwerks Renzenbrink“ erfüllen das Schlagwort von der Inklusion mit Leben. Sie haben Kellie Ann Tanner, einer jungen Frau mit einer Behinderung, eine Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt verschafft – im ersten Integrationshotel Niedersachsens, dem Waldhotel Renzenbrink.

Mehrere günstige Faktoren mussten zusammentreffen, bis es so weit war. Da ist zum einen Inge Völkle, geborene Renzenbrink, die das 150 Jahre alte Waldhotel Renzenbrink übernahm und nach einer neuen Ausrichtung suchte. Da ist der gelernte Ergotherapeut Diedrich Hesse, der viele Jahre als Betreuer in einer Behinderten-Einrichtung arbeitete und nun einmal die Probe aufs Exempel statuieren wollte: Wie lässt sich unter den Bedingungen der deutschen Arbeitswelt Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention verwirklichen, der die Inklusion, also die Einbeziehung behinderter Menschen in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, fordert?

Der nächste glückliche Umstand war, dass die beiden in Bramsche Mitstreiter fanden, die bereit waren, in einem gemeinnützigen Verein „Netzwerk Renzenbrink“ ehrenamtlich mitzuarbeiten. Das Netzwerk begann, sich zu vergrößern, und knüpfte Kontakte zu Einrichtungen der Sozialhilfe. Die Heilpädagogische Hilfe Bersenbrück (HpH), die Lebenshilfe Osnabrück und der Landkreis waren sofort dabei, als sie von den ersten Schritten dieser Privatinitiative hörten.

Schließlich ist Artikel 24 geltendes Recht in Deutschland, doch tatsächlich gibt es noch nicht sehr viele Beispiele der Inklusion Behinderter in den „ersten“ Arbeitsmarkt. Da ist zum anderen der sechs Hektar große Naturraum um das Hotel. See, Wiesen, die elfköpfige Eselherde samt Stallungen, Gärten und ein Kinderspielplatz bieten viele Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit Handicaps. Sie sind schließlich die Hauptakteure des Konzepts. Eine Reihe von Praktikanten, die von der HpH vermittelt wurden, waren und sind im Außenbereich und in der Küche mit Erfolg eingesetzt. Mit Kellie Ann Tanner wurde nun ein neues Kapitel aufgeschlagen. Die 27-jährige gebürtige Kanadierin leidet an einer seelischen Behinderung, die es ihr verwehrte, einen normalen Beruf zu ergreifen. Die Bersenbrücker Gemeinnützigen Werkstätten qualifizierten sie in Praktika in Küchen und Altenheimen für hauswirtschaftliche Tätigkeiten. Ein Schnupper-Praktikum auf dem Renzenbrink schloss sich an. Kellie kam hier so gut mit dem Arbeitsumfeld und dem individuell steuerbaren Arbeitstempo zurecht, dass das Netzwerk ihr eine reguläre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung vermittelte. Dabei bringt Kellie das persönliche Budget, das ihr als monatliche Geldleistung von der Arbeitsagentur zusteht, in das Arbeitsverhältnis ein. „Das ist wie ein Lohnkostenzuschuss, sodass das Hotel als Arbeitgeber einen Ausgleich für die Minderleistung des Behinderten erhält, ihn aber ansonsten ganz normal nach Tarif bezahlt“, erläutert Hesse, „das hat etwas mit Selbstachtung zu tun.“ Und Inge Völkle ergänzt: „Indem der Behinderte selbst bestimmt, wie und wo er sein persönliches Budget einsetzt, entsteht ein gewisser Wettbewerb zwischen Trägern der Sozialhilfe und privaten Arbeitgebern wie uns, der durchaus erwünscht ist.“

Nun rührt Kellie im Kochtopf, macht die Hotelzimmer sauber und hilft an der Theke, ganz normal, wie Hunderttausende Nachwuchskräfte in der Gastronomie auch. „Fast ganz normal“, schränkt Völkle ein, „weil wir ein kleiner Familienbetrieb sind, können wir auf jeden Einzelnen besondere Rücksicht nehmen.“


0 Kommentare