"Hier wollen wir nicht wieder weg" Tuchmachergeschichte in "Thölens Haus" in Bramsche

Seit Jahrhunderten im Besitz der Familie Thöle ist das Haus Mühlenort 21. Sabine (geb. Thöle) und Wolfgang Asselmeyer haben es liebevoll renoviert. Fotos: Hildegard Wekenborg-PlackeSeit Jahrhunderten im Besitz der Familie Thöle ist das Haus Mühlenort 21. Sabine (geb. Thöle) und Wolfgang Asselmeyer haben es liebevoll renoviert. Fotos: Hildegard Wekenborg-Placke

Bramsche. "Mühlenort 21" in Bramsche , ein schmuckes, langgezogenes Fachwerkhaus, ist ein "richtiges Tuchmacherhaus". Im 19. Jahrhundert residierte hier die "Frau Meisterin", Gesche Thöle. Heute sagen Sabine und Wolfgang Asselmeyer: "Wir wollen hier nicht mehr weg".

Unser Besuch beginnt mit einer leichten Verwirrung. Haus Nr. 21, das Denkmalschutzzeichen neben der Eingangstür, aber an der Tür ein andere Name. Ein kurzer Anruf bringt Klarheit. Ein paar Meter durch den schmalen Gang, den das Fachwerkhaus vom Nebengebäude trennt, schon steht der ehemalige Küster von St. Martin in der Tür und sorgt gleich für Klarheit.




 Nr. 21 teilt sich auf in das "Steinhaus", in dem Asselmeyers wohnen, und das Vorderhaus zum Mühlenort hin , wo inzwischen Tochter Julia mit Ehemann wohnt. Daher also der unerwartete Name. 

Bevor Asselmeyers das Haus im Jahr 1995 übernahmen und dann im Zuge der Altstadtsanierung renovierten, war der Zuschnitt noch ganz anders und das hat mit der Geschichte des Mühlenortes zu tun.  Hier waren in früheren Jahrhunderten die Tuchmacher zuhause, hier wurde gelebt und gearbeitet. Sabine Asselmeyer ist eine geborene Thöle und entstammt somit einer alten Bramscher Tuchmacherfamilie, deren Urmutter Gesche Thöle, die besagte "Frau Meisterin" ist. Von 1791 bis 1871 lebte sie im Haus Nummer 21, zog hier ihre neun Kinder groß, erwarb jung den Meistertitel im Tuchmacherhandwerk und arbeitete mit ihrem Mann, ebenfalls Tuchmachermeister, an den Webstühlen im Obergeschoss des Hauses. "Sie konnten alle von der Tuchmacherei leben", weiß Sabine Asselmeyer aus Veröffentlichungen, die im Zusammenhang mit der Gründung des Tuchmacher-Museums erschienen sind.  Auch ihre Eltern waren Tuchmacher. "Ich kann mich an die Webstühle noch erinnern. Das ist meine Kindheit. Wir haben alle noch ein bisschen weben gelernt", erzählt sie. Details wie das Weberschiffchen an der Wand und die Tuchschere zeugen von der Geschichte des Hauses.




Heute näht sie mehr. Ein altes Schätzchen ist ihre Pfaff-Nähmaschine, die man zusätzlich zum Elektroantritt noch mit Fußantritt betreiben kann, aber auch. 



Irgendwann ging es mit der Tuchmacherzunft bergab, industriell gefertigte Stoffe waren billiger, Vater Thöle verlegte sich aufs Handeln mit Wolle und Stoffen. "Wo heute Ricki (das Restaurant Akropolis, die Red.) ist, hatten wir früher ein Textilgeschäft", erzählt sie. 

Das ursprüngliche "Thölen Haus" am Mühlenort war nach dem Krieg vermietet, später stand es dann leer und wurde dadurch nicht gerade besser. Durch Feuchtigkeit und andere Witterungseinflüsse litten die tragenden Balken, auch das Mauerwerk, auf dem das Fachwerk aufgesetzt war, verfiel. Inzwischen lief aber das Sanierungsprogramm "Südwestliche Altstadt" und Asselmeyers, die ganz in der Nähe wohnten, sahen sich vor der Alternative "übernehmen oder abreißen".  Wolfgang Asselmeyer stammt aus St. Andreasberg im Harz, eine kleine Grubenlampe im Flur erinnert noch daran,  




 aber er mochte das Ensemble am Mühlenort und seine Frau brachte es nicht übers Herz das "Stammhaus der Thölen"  den Baggern zu überlassen. "Wenn wir gewusst hätten, was das kostet, wer weiß...", meint Wolfgang Asselmeyer, aber so ganz ernst meint er das nicht.

Das Haus wurde kernsaniert, oder besser komplett entkernt. Fast 18 Zentimeter war das Haus im Lauf der Zeit abgesackt. "Alles krumm und schief", erinnern sich die Besitzer. Mit drei großen Hebekränen wurde das Haus schließlich gerichtet und die unteren Steinmauern durch Fachwerk wie im gesamten Haus ersetzt. Die Räume waren niedrig, Asselmeyers aber nicht klein. Also musste der Boden tiefer gelegt werden. Im Kriechkeller des alten Gebäudes fand sich beim Ausräumen noch Eingemachtes aus den 1950er Jahren, auch Kohlen und Brikett lagen dort noch. "Das musste alles raus", erinnert sich  Asselmeyer.  Der Kriechkeller  musste weichen , damit ein separates zweites Treppenhaus eingebaut werden konnte. Konsequenz: "Ich habe fast keinen Stauraum", sagt Sabine Asselmeyer und öffnet die Tür  zu einen winzigen quadratischen Raum, in dem alles verschwinden muss, was nicht direkt gebraucht wird.

Vieles konnte in dem Haus erhalten werden. Die Kastenfenster beispielsweise, zwischen denen sich so schön Erinnerungsstücke platzieren lassen. 




Oder die alten Holztüren , die die Eigentümer vergrößern und an die neue Raumhöhe im Untergeschoss anpassen ließen. "Die fünf Türen haben damals 11 000 DM gekostet. Ich habe erst den Handwerker angerufen und gefragt, ob sie aus Versehen eine Null zuviel aufgeschrieben", erinnert sich Sabine Asselmeyer an den Schreck angesichts der unerwartet hohen Kosten. Erhalten blieb auch die zweigeteilte Tür neben der eigentlichen Eingangstür. "Das ist eine Klöntür ", lachen Asselmeyers. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was damit gemeint ist. 

"Kopfeinziehen" ist dann angesagt im oberen Geschoss, oder besser schon auf dem Weg dahin. Massive Holzbalken ziehen sich durch das gesamte Gebäude. Dort, wo Asselmeyers jetzt ihr Wohnzimmer haben , standen schließlich früher die Webstühle. Durch Aussparungen in den Balken liefen die Antriebsriemen der Maschinen. Die Menschen waren offenbar früher viel kleiner. Im Obergeschoss ist die Decke bequem mit ausgestrecktem Arm zu erreichen. 




Wie auch im Untergeschoss sind die Steinwände nur mit  einem dünnen Putz überzogen. Unebenheiten oder leicht krumme Fensterleibungen sind geblieben, wie sie immer waren und so soll es auch bleiben.




 "Wir leben hier sehr gesund", hebt Sabine Asselmeyer darauf an, dass "es zwar nicht zieht", aber doch eine gewisser Luftzirkulation herrscht.  Eine dicke schwarze Spinne flitzt unter der Dielentür durch. Sabine Asselmeyer nimmt sie mit einem Stück Papier auf und befördert sie sanft ins Freie. "Wo die wohnen möchten, ist es gesund", schmunzelt sie. Schadstoffe wurden am "Mühlenort 21" nicht verbaut, einige Gefache sind sogar in Lehmbauweise gearbeitet. Die Besitzer sind stolz darauf, genau so wie auf ihre liebevoll eingerichteten Außensitzplätze, die das Grundstück optimal ausnützen. "Wir bleiben hier", versichern sie eines über das andere Mal. Und vergessen dabei auch nicht die "tolle Nachbarschaft" zu den Bewohnern der umliegenden Häuser. "Die Gärten stoßen hinten alle aneinander und wir haben keine Zäune". 



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