Arztpraxis Balkau und Rathaus Bramsche Chefs in Bramsche und Wallenhorst loben Modell Teilzeit-Ausbildung

Besprechung von Messergebnissen am Bildschirm: Mediziner Dr. Florian Balkau (r.) und die neue Teilzeit-Auszubildende Carina Hörnschemeyer in der Praxis in Wallenhorst im Gespräch. Fotos: Marcus AlwesBesprechung von Messergebnissen am Bildschirm: Mediziner Dr. Florian Balkau (r.) und die neue Teilzeit-Auszubildende Carina Hörnschemeyer in der Praxis in Wallenhorst im Gespräch. Fotos: Marcus Alwes

Bramsche. Der eine macht es schon wieder, und auch der andere würde es wieder tun. Dr. Florian Balkau und Udo Müller haben nach durchaus erfolgreichen Premieren kein Problem damit, erneut Auszubildende in Teilzeit einzustellen. Erstgenannter in seiner Hausarztpraxis in Wallenhorst, der Zweite im Rathaus in Bramsche.

Auszubildende in Teilzeit – in der privaten Wirtschaft und in Verwaltungen sind diese immer noch Ausnahmen. „Das hat natürlich viel Flexibilität erfordert“, sagt der Mediziner Balkau rückblickend. Die junge Frau, die in seiner Praxis drei Jahre lang in Teilzeit lernte, war alleinerziehend und hatte zwei kleine Kinder zu versorgen. Es sei für die Endzwanzigerin eine Herausforderung gewesen, des Öfteren eine enorme Belastung. „Es hat vieler Gespräche miteinander bedurft“, erinnert sich Balkau. Man habe sich aber untergehakt und gestützt, „wir haben sie im Team und in Einzelgesprächen immer wieder motiviert, so dass sie letztlich einen soliden Abschluss gemacht hat.“ Die Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten (MFA) gelang. 

Teilzeitauszubildende sind nicht in Vollzeit, aber mindestens 25 Stunden pro Woche angestellt. Der Berufsschulunterricht erfolgt – wie bei allen anderen Lehrlingen auch – in vollem Umfang. Vergleichsweise kürzer fällt dagegen die Zeit in den jeweiligen Betrieben aus.

Der §8 im Berufsbildungsgesetz ermöglicht entsprechende Ausbildungen in Teilzeit. „Die Rückmeldungen der entsprechenden Arbeitgeber sind aber noch sehr unterschiedlich“, sagt Elena Kovalchuk-Völler vom MaßArbeit-Jobcenter des Landkreises Osnabrück. „Die Teilzeit-Ausbildung kommt erst nach und nach in die Köpfe der Arbeitgeber“, fügt sie hinzu, es sei eben „ein Prozess“.

72 Personen im Landkreis begannen Lehre in Teilzeit

In den Jahren 2015 bis 2018 haben 72 Personen, die von der Maßarbeit im Osnabrücker Land betreut werden und Leistungen aus dem Sozialgesetzbuch II in Anspruch nehmen, eine Lehre in Teilzeit angefangen, so Kovalchuk-Völler. Darunter seien 61 Frauen gewesen. Mehr als ein Drittel aller Azubis war älter als 25 Jahre.

Udo Müller als Personalleiter der Stadt Bramsche empfiehlt anderen Arbeitgebern durchaus, jungen Menschen mittels einer Teilzeitausbildung einen Einstieg oder eine Rückkehr in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen. „Das kann man gut machen, wenn auch auf der anderen Seite des Tisches die richtige Person sitzt. Es war hier bei uns für beide Seiten eine Win-win-Situation, das hat gut geklappt .“ Müller spielt auf jene zweifache, aber alleinerziehende Mutter an, die sich als 32-Jährige zuvor im offiziellen Bewerbungsverfahren durchgesetzt hatte und im Rathaus nach einem Teilzeitmodell fragte. „Wir haben gesagt: Okay, wir versuchen es. Wir wollten sie gerne haben“, so Müller, „wir haben dann mit dieser Kollegin nur sehr gute Erfahrungen gemacht. Sie war clever.“

Der Personalverantwortliche der Stadtverwaltung, Udo Müller (r.), und der Personalratsvorsitzende, Tobias Gregor, beim Blick auf das aktuelle Organigramm der Behörde in Bramsche.


Doch ähnlich wie in der Balkau-Praxis in Wallenhorst war es auch für die angehende Verwaltungsfachangestellte in Bramsche offenbar nicht immer einfach, alles unter den berühmten Hut zu bringen – alleinerziehend mit kleinen Kindern, mitten in einer Ausbildung. „Es hat ihr aber auch Spaß gemacht, auch das hat sie gesagt“, berichtet Udo Müller. Zudem sei sie dankbar gewesen, überhaupt die Möglichkeit einer solchen Ausbildung erhalten zu haben.

„Man muss sich darauf einlassen, dann funktioniert es“

Elena Kovalchuk-Völler vom Maßarbeit-Jobcenter hofft, künftig weitere Arbeitgeber in der Region von der Schaffung von Lehrstellenangeboten in Teilzeit überzeugen zu können. „Man muss sich darauf einlassen, dann funktioniert es“, sagt sie in Richtung der Personalverantwortlichen in Unternehmen und Verwaltungen. Noch mehr Frauen dauerhaft in den Arbeitsmarkt zu integrieren, ist Kovalchuk-Völler ein weiteres Anliegen. „Wie kriegt man in Familien die Frauen nach vorne“, fragt sie. Es gehe dabei auch um antiquierte Rollenbilder und deren Überwindung, so Kovalchuk-Völler.

Dass die Aufnahme von Teilzeit-Azubis generell auch für die Chefs in den jeweiligen Unternehmen ein wichtiger Lernprozess sein kann, gesteht unterdessen Dr. Florian Balkau ein. „Entscheidend ist, das sind keine Hilfskräfte“, sagt er mit Blick auf die Auszubildenden, „sondern das sind Teammitglieder, die allerdings eine besondere Unterstützung brauchen, weil sie eben nicht jeden Tag da sind“. Der Arzt betont, aus den vergangenen drei Jahren „ein paar Dinge für die Personalführung gelernt“ zu haben. Es gebe jetzt „sehr engmaschige Teambesprechungen, manchmal auch ohne Chef“. Man habe für die Teilzeit-Auszubildende ein Mentorensystem installiert, alle im Team seien bei auftretenden Problemen „nicht böse zu kriegen“, so Balkau, Ein wirksames Konglomerat aus kleinen Maßnahmen und Geduld sei geschaffen worden.

Balkau regt Erfolgssiegel für Praxen und Ärzte-Evaluierung an 

Nach der erfolgreichen Premiere — die junge Mutter hat anderswo eine Folgeanstellung gefunden — habe er seit dem 1. Februar erneut eine Auszubildende in Teilzeit eingestellt, erklärt der Mediziner. Einmal mehr eine Frau mit Kindern, Anfang dreißig. Auch Balkau rät anderen Betrieben und Organisationen zu einem solchen Schritt - unter einer bestimmten Voraussetzung. „Ich würde es dann tun, wenn der Geist im jeweiligen Team so ist, dass man ein schwächeres Glied in der Kette auch tragen kann“, erläutert er, und „wenn die anderen Mitarbeiter trotz all der Alltagshektik sagen, wir haben Lust, uns darum aktiv zu kümmern.“

Udo Müller will die Einstellung einer neuen Teilzeit-Auszubildenden im Rathaus in Bramsche auf jeden Fall davon abhängig machen, ob die Bewerberin oder der Bewerber einen reduzierten Umfang selbst wolle und diesen Wunsch vorbringe. „Das würden wir auf jeden Fall so machen, wenn es den Bedarf auf der anderen Seite gibt“, sagt der Personalleiter, „das wäre aber immer auf Einzelfall bezogen“. Aktuell liege ihm keine solche Anfrage vor, so Müller. Das erste Mal sei somit bisher in Bramsche auch das einzige Mal geblieben. Und in anderen Rathäusern in der Region? „Ich kenne relativ wenige Verwaltungen, die das schon gemacht haben“, erklärt Müller.

Landarzt Balkau regt übrigens an, bei erfolgreich abgeschlossenen Teilzeit-Lehren die jeweiligen Betriebe zu würdigen und zu belohnen. „Für so etwas könnte die Bundesagentur für Arbeit eine Art Siegel vergeben“, schlägt er vor. Für Arztpraxen könnte es zudem durch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) einen kleinen finanziellen Bonus geben. „Und ich wünsche mir auch, dass diese Azubis uns Ärzte evaluieren können. Nicht öffentlich im Internet, aber zum Beispiel in einer Stellungnahme gegenüber der KV“, so Balkau.

Die Debatte um Ausbildungen in Teilzeit scheint also noch lange nicht zu Ende zu sein. Sie nimmt offenbar sogar an Fahrt auf. „Steter Tropfen höhlt den Stein“, stellt Elena Kovalchuk-Völler nicht ohne Grund fest.


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