Tödlicher Verkehrsunfall Wie eine Familie aus dem Nordkreis ihr Leben nach dem Tod ihres Kindes meistert

Zu Daniels 18. Geburtstag hat Familie Gerhardt Verwandte, Freunde und Klassenkameraden eingeladen. Gemeinsam haben sie gegrillt und für sein Grab Kerzen gebastelt. Symbolfoto: colourbox.deZu Daniels 18. Geburtstag hat Familie Gerhardt Verwandte, Freunde und Klassenkameraden eingeladen. Gemeinsam haben sie gegrillt und für sein Grab Kerzen gebastelt. Symbolfoto: colourbox.de

Ueffeln. Vor dreieinhalb Jahren stirbt der 17-jährige Daniel nach einem Verkehrsunfall. Für seine Familie, die im Osnabrücker Nordkreis lebt, bricht damit eine Welt zusammen. Wie sie ihr Leben seitdem meistern und warum sie ihrer Zukunft trotz des Schicksalsschlags mutig entgegenblicken, erzählen sie im Gespräch mit unserer Redaktion.

Daniel hieß eigentlich anders und auch seine Familie möchte ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen (Die echten Namen sind der Redaktion bekannt). Sie möchten aber von Daniel erzählen und von ihrem Leben nach seinem Tod. Sie möchten anderen in ähnlichen Situationen Hoffnung geben und zeigen, dass das eigene Leben nach dem Tod eines Kindes nicht vorbei sein muss. Denn Daniels Familie ist es gelungen, an ihrem Schicksal nicht zu zerbrechen. Ihr Leben geht weiter. Anders als vorher, sicher manchmal schwerer als vorher, aber trotzdem lebenswert.

Erinnerung an Daniel

Das Wohnzimmer von Familie Gerhardt ist ein heller Raum, gemütliche Sofas und Sessel, gerahmte Familienfotos aus glücklichen Tagen an der Wand. Doch auf den zweiten Blick fällt auf, dass hier etwas anders ist als in anderen Familien. Ein großes Portrait eines Jugendlichen steht als gerahmtes Schwarz-Weiß-Bild auf der Kommode. Viele weitere Fotos sind drumherum drapiert. An der linken Wand hängt ein weiteres Portrait des Jungen. Über dem Rahmen ist eine schwarze Schleife gelegt. Daniels Mutter Heike sagt: 

"Jeder soll sehen, dass hier noch jemand war."

Daniel war ein Macher. Trotz guter Noten und eines erweiterten Realschulabschlusses wollte er unbedingt eine handwerkliche Ausbildung machen, statt weiter die Schulbank zu drücken. Sein Traumberuf: Landmaschinenmechatroniker. "Ich will arbeiten", hatte der Junge im Sommer vor seinem Schulabschluss entschlossen gesagt, als ein Lehrer vergeblich versucht hatte, ihn davon zu überzeugen, doch Abitur zu machen. Am 1. August 2015 startete sein Weg zum Traumberuf. Doch schon etwas mehr als drei Wochen später endete dieser Weg jäh. Als er mit seinem Roller auf dem Heimweg von der Arbeit war, kollidierte er wenige hundert Meter von seinem Elternhaus entfernt mit einem Auto. Der 17-Jährige starb ein paar Wochen später im Krankenhaus.

Manche wechselten die Straßenseite

"In den Tagen bis zur Beerdigung haben wir eigentlich nur funktioniert", sagt Mutter Heike. So viele Dinge waren zu erledigen. Welcher Sarg? Wie soll die Trauerfeier aussehen? Wer wird eingeladen? Erst nach der Beerdigung sei ihnen richtig bewusst geworden, was eigentlich passiert war. „Ganz lange dachte ich, dass jeden Moment die Tür aufgeht und Daniel hereinkommen würde. Ich konnte das gar nicht begreifen“, sagt sie weiter. Vater Thomas ergänzt: „Die Zeit nach der Beerdigung war besonders hart. Die Leute wussten nicht, wie sie mit uns umgehen sollten. Manche haben sogar die Straßenseite gewechselt, um nicht mit mir sprechen zu müssen.“ Er glaubt nicht, dass es böse gemeint war, doch viele Menschen seien mit Trauernden überfordert.

So etwas wie Alltag

Eine Woche nach Daniels Tod sind seine Eltern wieder zur Arbeit und sein älterer Bruder in die Schule gegangen. "Viele Lehrer sind sehr verständnisvoll gewesen und haben gesagt, dass ich rausgehen kann, wenn es mir nicht gut geht", sagt Daniels Bruder Markus. "Die Arbeit hat uns Struktur gegeben und uns geholfen, wieder zumindest ansatzweise so etwas wie Alltag zu haben", sagt seine Mutter. Dennoch seien viele Menschen distanziert gewesen. "Ich habe oft gehört, dass ich mich melden soll, wenn ich etwas brauche. Wirklich konkrete Hilfsangebote gab es aber nicht", sagt Markus rückblickend. Für Menschen in ähnlicher Situation würde er sich wünschen, dass Freunde und Bekannte mehr auf Trauernde zugehen. Sein Vater Thomas sagt: 

"Wenn man nicht selbst wieder aus dem Haus geht und die Initiative ergreift, wird es schnell einsam."

Gleichwohl habe es in der ersten Zeit aber auch Hilfe und Unterstützung durch Familie, Freunde, Arbeitskollegen und Nachbarn gegeben. Genau wie eine sehr besondere Begegnung. "Ich war einmal in einem Geschäft war, als mich plötzlich eine fremde Frau umarmt und mir Mut zugesprochen hat", berichtet Heike Gerhardt. "Ich habe später erfahren, dass sie auch ein Kind verloren hat. Es war irgendwie seltsam, hat aber auch gut getan."

Insbesondere wieder Freude an kleinen Dingen zu finden, sei der Familie zunächst sehr schwer gefallen. "Es fühlte sich alles so sinnlos und albern an", sagt Heike Gerhardt. Einige Monate nach Daniels Tod sind sie trotzdem zum runden Geburtstag einer Freundin gegangen. "Wir hatten ein sehr mulmiges Gefühl, wie es uns damit gehen wird. Doch es war ein schöner Abend und wir sind lange geblieben", erinnert sie sich und ergänzt: 

"Ich bin ja nicht bloß die trauernde Mutter. Ich bin auch noch die Mutter eines lebenden Kindes, Ehefrau, Freundin, Tochter, Arbeitnehmerin und vieles mehr. Und das möchte ich auch weiterhin sein."

Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, habe ihr auch die Selbsthilfegruppe "Verwaiste Eltern Osnabrücker Nordland", die ihren Sitz in Ueffeln bei Bramsche hat, geholfen. Bekannte hätten die Familie auf das Angebot aufmerksam gemacht. Seit etwas mehr als drei Jahren nehmen sie regelmäßig an Treffen und Aktionen teil. "Es hat gut getan, mit anderen Betroffenen über seinen Verlust und die Trauer zu reden. Man muss nichts erklären, weil alle das selbe durchgemacht haben", erklärt Heike Gerhardt. Ihr Sohn Markus hat zu Beginn auch die Geschwistergruppe besucht. Seine Eltern glauben, er sei nach Daniels Tod vielleicht hin und wieder zu kurz gekommen. "Mir hat mal jemand gesagt, dass man mit den Gedanken mehr bei denen ist, die fehlen, als bei denen, die noch da sind. Ich glaube, da ist was dran", sagt Heike Gerhardt. Markus selbst macht seinen Eltern jedoch keine Vorwürfe.

Verwaiste Eltern Osnabrücker Nordland

An jedem dritten Mittwoch im Monat trifft sich die Selbsthilfegruppe "Verwaiste Eltern" um 19.30 Uhr im Gemeindehaus in Ueffeln (Dorfstraße 44, 49565 Bramsche.) Darüber hinaus gibt es an jedem vierten Samstag im Monat ein Geschwistertreffen im Jugendheim in Gehrde (Pastors Weg, 49596 Gehrde). Während der Treffen gibt es die Gelegenheit, über die verstorbenen Kinder und Geschwister zu sprechen, oder auch nur zuzuhören. Außerdem gibt es regelmäßig Themenabende, Workshops und Gedenkgottesdienste. 
Geleitet wird die Gruppe von den Trauerbegleiterinnen Marita Olding aus Merzen, Telefon: 05466/295, E-Mail: marita-olding@web.de und Vanessa Wübbelmann aus Gehrde, Telefon: 05433/6085, E-Mail: vanessa.wuebbelmann@gmx.de
Weitere Informationen im Internet unter: www.veid-os-nordland.de

Aus der Selbsthilfegruppe hatte sie auch die Idee, Daniels 18. Geburtstag groß zu feiern. Das war etwa ein dreiviertel Jahr nach seinem Tod. 40 Gäste kamen zum Grillen, darunter Verwandte, Klassenkameraden, und Freunde. Sie haben Kerzen für das Grab gebastelt.

Eines ist Familie Gerhardt nämlich bei aller Zuversicht besonders wichtig: Daniel soll auf keinen Fall in Vergessenheit geraten. Sie freue sich immer, wenn sie das Grab ihres Sohnes besucht, so Heike Gerhardt, und jemand anderes als sie selbst Blumen oder Kerzen vorbeigebracht hat. "Es zeigt mir dann, dass auch andere noch an ihn denken." Zwar müsse er im ersten Moment schlucken, doch sei es immer schön, wenn jemand von sich aus mit ihm über Daniel spricht, sagt sein Vater. 

Ein besonderes Erinnerungsstück

Auch Markus versucht eine Verbindung zu seinem verstorbenen Bruder aufrecht zu erhalten. "Kurz vor Daniels Tod haben wir oft darüber gesprochen, dass wir uns, wenn wir das Geld haben, zusammen einen Trecker kaufen wollen, um gemeinsam daran zu schrauben." Dazu kam es nicht mehr. Doch seine Eltern boten ihm an, das Geld aus Daniels Lebensversicherung für den Kauf eines Treckers zu verwenden. "Das hätte ihm gefallen", ist sich Thomas Gerhardt sicher. Daniel war ein Macher.


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