Nach Ferdinand von Schirach Bramscher Gymnasiasten führen Theaterstück "Terror" auf

Nele Friederichs

Meine Nachrichten

Um das Thema Bramsche Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Ist es gerechtfertigt zu töten, um Leben zu retten? Das ist die Kernfrage im Theaterstück "Terror", das Bramscher Gymnasiasten aufgeführt haben. Foto: Nele FriederichsIst es gerechtfertigt zu töten, um Leben zu retten? Das ist die Kernfrage im Theaterstück "Terror", das Bramscher Gymnasiasten aufgeführt haben. Foto: Nele Friederichs

Bramsche. Dürfen unschuldige Menschen getötet werden, um andere unschuldige Menschen zu retten? Diese Gewissensentscheidung bildet die Kernfrage bei dem Theaterstück „Terror“, das im Bramscher Greselius-Gymnasiums von Oberstufenschülern des Seminarfachs „Europa“ aufgeführt wurde.

Mehr als 130 Schüler, Lehrer und interessierte Bramscher hatten an der zweistündigen, als Gerichtsprozess aufgebauten Vorstellung teilgenommen, die auf dem gleichnamigen Drama des Bestseller-Autoren und Strafverteidigers Ferdinand von Schirach basierte. 

Dargestellt wurde der Fall des Kampfjetpiloten Lars Koch, der ohne Einwilligung seiner Vorgesetzten ein von einem Terroristen gekapertes Flugzeug abschießt, bevor dieses in einem mit 70.000 Menschen vollbesetzten Stadion einschlägt. Alle 164 Insassen sterben beim Abschuss.

Dass ein solcher Zwiespalt beim Abwägen des Wertes des einen Lebens gegenüber einem anderen in der Realität jederzeit auch hier in Deutschland denkbar wäre, machte das Theaterstück eindrucksvoll deutlich. Es verwies darauf, dass unsere aktuelle Verfassung keinen „Ermessensspielraum“ für ein Eingreifen in einem solchen Fall lassen würde; den eigentlichen „Beschützern“ der unschuldigen Bürger wären in einem solchen Notfall regelrecht die Hände gebunden.

Der Charakter Lars Koch entschied sich in dieser Situation bewusst gegen die Verfassung – und das in dem Wissen, dass er damit zwar 164 Menschen aktiv töten, aber auch 70.000 andere Leben retten würde. Auch im inszenierten Gerichtssaal herrschte über dieses Verhalten große Uneinigkeit. Wann fängt die Würde des Menschen an? Und wann endet sie? So formulierte es die von einer Schülerin dargestellte Staatsanwältin. In dem Moment, als der Pilot schoss, hätte er gleichzeitig den Flugzeuginsassen ihre Menschenwürde aberkannt, die laut unserem Grundgesetz unantastbar ist.

Prinzipien des Rechtsstaats missachtet?

Der Verteidiger des Angeklagten hielt mit „dem Weg des kleineren Übels“ dagegen. Die Prinzipien des Rechtsstaats hätten den Angeklagten in dieser Situation eines übergesetzlichen Notstandes allein gelassen und damit nur noch jene genannte Möglichkeit eröffnet, um eine noch umfassendere Katastrophe zu verhindern.

Im Anschluss an die Verhöre und Plädoyers von Staatsanwalt und Verteidiger wurden die Zuschauer gebeten, als Schöffen allein aufgrund ihres eigenen Gerechtigkeitsempfindens ein in ihren Augen gerechtes Urteil zu fällen. Dafür wurden Stimmzettel ausgeteilt und Wahlurnen aufgestellt. Nur wenige Minuten später verkündete der Richter das Urteil: 26 zu 88. Eine deutliche Mehrheit entschied sich für einen Freispruch des Angeklagten und sah es als erwiesen an, dass dem Piloten keine andere Wahl geblieben war, als das Flugzeug abzuschießen, um wenigstens den größten Teil der unschuldig Betroffenen zu retten.

Das Ergebnis des Gesellschafts-Experimentes wird in den nächsten Wochen noch weiter von den Schülerinnen und Schülern des Seminarfachs ausgearbeitet und analysiert. Zum Abschluss des Abends dankten die Schauspieler den Besuchern für die vielen freiwilligen Spenden, die unter anderem der Tafel Bramsche zu Gute kommen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN