Klaus Dierker (LAB) im Gespräch Pläne und Perspektiven für das Ankunftszentrum Bramsche

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Als Ankunftszentrum Bramsche firmiert die Aufnahme-Einrichtung für Asylbewerber in Hesepe,seit Landesaufnahmebehörde, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sowie Arbeitsagentur hier eng zusammenwirken. Foto: Björn DieckmannAls Ankunftszentrum Bramsche firmiert die Aufnahme-Einrichtung für Asylbewerber in Hesepe,seit Landesaufnahmebehörde, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sowie Arbeitsagentur hier eng zusammenwirken. Foto: Björn Dieckmann

Hesepe. Noch immer ist ungewiss, ob das Land Niedersachsen das Areal und die Gebäude des Ankunftszentrums Bramsche vom Bund ankaufen wird. Klaus Dierker als Standortleiter der Landesaufnahmebehörde (LAB) hofft auf eine baldige Entscheidung.

Vor Jahresfrist schien der Erwerb des Grund und Bodens in Hesepe durch das Land Niedersachsen schon ausgemachte Sache, ein Kaufpreis von 31,5 Millionen Euro wurde genannt. Durch den Regierungswechsel in Hannover hat sich das Vorhaben allerdings verzögert. Klaus Dierker ist jedoch optimistisch, "dass es bald zu einer Lösung kommt und wir damit langfristige Planungssicherheit gewinnen werden." Denn derzeit sei der Schwebezustand durchaus "ein Hemmschuh", meint der umtriebige Standortleiter der Landesaufnahmebehörde, die vor Ort unter dem Titel "Ankunftszentrum" mittlerweile eng mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zusammenarbeitet.

In einem ausführlichen Gespräch mit unserer Redaktion äußert sich Dierker zum aktuellen Stand in Erstaufnahme-Einrichtung für Asylbewerber, die im Volksmund weiterhin meist knapp als "LAB" oder auch als "Lager" bezeichnet wird. Was Dierker mit dem "Hemmschuh" meint, wird besonders beim Blick auf geplante Baumaßnahmen deutlich.

Foto: Manuel Glasfort


Bauvorhaben

"Wir haben zwei Bauphasen vorgesehen für die Modernisierung der Gebäude und der gesamten Infrastruktur", sagt Dierker. Da sei man "auch schon gut unterwegs", allerdings bislang überwiegend im Bereich von Instandhaltungsarbeiten. "Wir renovieren einige Unterkünfte, das ist teils bereits abgeschlossen, teils noch im Werden", so Dierker. Dabei auftreten würde auch immer wieder die ein oder andere Überraschung, wie er schmunzelnd berichtet: "Die Niederländer, die früher hier das Nato-Camp betrieben, hatten offenbar nicht so genormte Tür-Maße, wie das in Deutschland üblich ist. Da sind wir vor Beginn der Arbeiten gar nicht drauf gekommen." Ziel sei, die Unterkünfte insgesamt auf einen modernen Stand zu bringen. "Beengt bleiben wird es aber für die Bewohner trotzdem. Es ist hier eine Massenunterkunft, das lässt sich nicht ändern", so Dierker.

Über die Modernisierung hinaus hat die LAB auch einige größere Umgestaltungsmaßnahmen ins Auge gefasst. Hier allerdings ist vieles zum gegenwärtigen Stand noch nicht möglich, "so lange nicht geklärt ist, ob es zu einem Erwerb durch das Land oder zumindest zu einem langfristigen Pachtvertrag kommt", erklärt Dierker. Vorgesehen ist dennoch bereits eine neue Gliederung des gesamten Geländes. Dazu gehört der Aufbau eines Aufnahmegebäudes statt des jetzigen kleinen Pförtnerhauses, in dem die neu Ankommenden dann auch die erste Nacht verbringen können und die Erstuntersuchung durchgeführt werden kann. Eine neue Sanitätsstation soll eingerichtet werden, "in der wir auch Röntgenuntersuchungen machen können", so Dierker. Bisher müssen die Neubewohner dafür immer in umliegende Krankenhäuser gebracht werden. Die Schule und der Kindergarten auf dem Gelände sollen näher zusammenrücken, ein Zentrum für Erwachsenenbildung entstehen. Auch die Kollegen vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sollen künftig aus ihren Containern in "richtige" Gebäude umziehen.

Foto: Björn Dieckmann


Aktuelle Zahlen

"Wir können bis zu 1200 Menschen unterbringen – wenn alle Unterkünfte zur Verfügung stehen, was im Moment eben nicht der Fall ist", sagt Dierker. Der Andrang sei allerdings auch nicht so groß. Derzeit seien zwischen 750 und 800 Personen untergebracht. "In diesem Bereich hat es sich in etwa eingependelt. Mal sind es etwas mehr, mal etwas weniger", so Dierker. Neben den Gebäuden gibt es noch wenige Container. Die aber stehen nach Dierkers Meinung "den festen Unterkünften in nichts nach". 

Sicherheit und Soziales

"Der Höchststand, den wir hier mal hatten in letzter Zeit, waren Menschen aus 94 Herkunftsländern", berichtet Dierker. "Natürlich bringen all diese Menschen ihre verschiedenen Kulturen, Ethnien, Religionen und Erlebnisse mit. Das kann schonmal zu Konflikten führen", räumt der LAB-Standortleiter ein. Das gelte insbesondere für diejenigen, "die eine schlechte Bleibeperspektive haben und länger hier untergebracht sind. Da wächst bei manchem der Frust, und der ein oder andere rutscht in die Kleinkriminalität", weiß Dierker, der aber auch darauf verweist, "dass wir in den vergangenen sechs Monaten keine gravierenden Schwierigkeiten hier auf dem Gelände hatten." Eine körperliche Auseinandersetzung unter Bewohnern habe es gegeben, einen Verdacht auf sexuelle Nötigung, "der sich allerdings nicht aufklären ließ, da die betreffende Frau auch keine Strafanzeige erstattet hat", berichtet Dierker, der nicht nur in diesem Zusammenhang darauf verweist, dass es ein besonders geschütztes Haus für Frauen auf dem Gelände gebe. 

Die Bewohner würden durch mittlerweile 17 Sozialarbeiter betreut, "und das unmittelbar ab der Ankunft bei der Registrierung, wenn sich die Mitarbeiter einen ersten Eindruck verschaffen: 'Was hat der? Was bringt er mit?'. Hilfreich seien ebenso die Hauswarte in den Unterkünften. "In jedem Haus gibt es einen. Als erster Ansprechpartner für die dort wohnenden Menschen. Aber auch, um auf mögliche Probleme hinzuweisen." Nach wie vor sei Polizei auf dem Gelände präsent, was Dierker aus zweierlei Gründen begrüßt: "Zum einen natürlich, weil auch die Beamten eine Kontrollfunktion ausüben. Zum anderen aber auch, weil einige unserer Bewohner dadurch zum ersten Mal eine demokratische Polizei kennenlernen, die für den Bürger da ist." Nicht zuletzt lobt Dierker zudem das Wirken der neuen Streetworkerin Heike Harms, die "in vielen Gesprächen schon Misstrauen und Missverständnisse zwischen unseren Bewohnern und den Einwohnern von Hesepe abbauen konnte", wie Dierker meint.

Vernetzung

Großen Wert legt Klaus Dierker auf Vernetzung auf vielen Ebenen. Er nennt die Zusammenarbeit mit der Stadt Bramsche, mit Stadt und Landkreis Osnabrück, mit der Polizei, Hilfsorganisationen, der Begegnungsstätte. Insbesondere aber auch mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf). "Das hat sich sehr gut eingespielt", ist er überzeugt – nicht nur durch das Zusammenwirken der Handelnden, sondern auch durch die Vernetzung im technischen Sinne. "Nach der Registrierung und Erstuntersuchung durch die Landesaufnahmebehörde können wir das Verfahren nahtlos an das Bamf weitergeben", so Dierker. Ziel sei, das von der Ankunft eines Schutzsuchenden bis zur Antragstellung höchstens eine Woche vergehe. "Und das klappt auch meistens", betont Dierker. Asylbewerber mit guter Bleibeperspektive bleiben laut Dierker "maximal sechs Wochen" in Hesepe, bevor sie auf die Kommunen verteilt werden und dort Wohnungen beziehen. Bis dahin werden Wegweiserkurse angeboten und die Arbeitsagentur prüft berufliche Perspektiven. Menschen ohne Bleibeperspektive, beispielsweise aus sicheren Herkunftsländern, bleiben bis zu sechs Monate. "Wenn dann noch kein endgültiger Entscheid über ihr Asylverfahren vorliegt, werden auch sie noch in die Kommunen verteilt", erklärt Dierker.

Foto: Björn Dieckmann

Perspektiven

Neben der Hoffnung, dass sich die Eigentumsfragen bald klären, geht Dierker abschließend auch auf die Frage einer möglichen Umwandlung des Ankunftszentrums in ein sogenanntes Anker-Zentrum ("Anker" für "Ankunft, Entscheidung, Rückführung", die Bundesinnenminister Horst Seehofer im vergangenen Jahr vehement gefordert hatte. "Vieles von dem, was ein Anker-Zentrum nach meiner Kenntnis ausmachen würde, haben wir heute schon: Die Zusammenarbeit der Behörden, zwischen Aufnahmebehörde und Bamf, mit Fachleuten zur Feststellung möglicherweise falsch genannter Identitäten und vielem mehr. Was wir nicht haben, sind Gerichte vor Ort, aber auch da besteht natürlich ein enger Austausch", so Dierker. Die Diskussion um Ankerzentren sei ohnehin stiller geworden. "Wahrscheinlich", so vermutet Dierker, "weil man zu dem Schluss gekommen ist, dass man nicht zu schnelleren Rückführungen kommt, wenn man die Menschen in den Einrichtungen behält." Wichtiger seien Angebote und Beratung zur freiwilligen Rückkehr und außerdem wirksame Kooperationsvereinbarungen zur Wiederaufnahme abgelehnter Asylbewerber mit deren Herkunftsstaaten.     

Die Geschichte des Standorts

Am 29. Juli 1988 wird das „Willem-Versteegh-Kamp“ der niederländischen Armee in Hesepe endgültig geschlossen. Mit dem Ende des NATO Camps beginnt eine wechselvolle Geschichte des 17,4 Hektar großen Geländes mit elf Verwaltungsgebäuden und elf Unterkünften. Danach wechselte der Name alle paar Jahre, aber Hesepe war immer Anlaufpunkt für schutzbedürftige Menschen. Von 1989 bis 2000 war Hesepe offzielles Grenzdurchgangslager mit 2600 Betten. Bis zum Ende dieser Ära kamen hier eine halbe Million Spätaussiedler an. Danach war das Lager Landesaufnahmestelle, Gemeinschaftsunterkunft für Ausländer, Erstaufnahmeeinrichtung und jetzt „Ankunftszentrum“.



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