Serie: Leben im Denkmal Bramscher "Suptur" Symbol großbürgerlicher Wohnkultur

Für großbürgerliche Wohnkultur der frühen 1900er Jahre steht die Bramscher Superintendentur, in der Hans Hentschel lebt und arbeitet. Fotos: Hildegard Wekenborg-PlackeFür großbürgerliche Wohnkultur der frühen 1900er Jahre steht die Bramscher Superintendentur, in der Hans Hentschel lebt und arbeitet. Fotos: Hildegard Wekenborg-Placke

Bramsche. Traum und Lebensziel für die einen, teurer Horror für die anderen: Am Leben in einem denkmalgeschützten Haus scheiden sich die Geister. Was macht den Reiz alter Häuser aus? In der Serie „Leben im Denkmal“ wollen wir uns mit dieser Frage beschäftigen. Heute besuchen wir die Superintendentur in Bramsche.

Superintendent Hans Hentschel muss fast die Finger dazunehmen, wenn es um die Anzahl der Räume geht, die seine Frau Hille und er eigentlich bewohnen könnten. "Könnten", denn einen großen Teil der elf Räume nutzen die beiden gar nicht. Oder heizen sie zumindest nicht. Wobei die Zahl  noch reichlich heruntergerechnet ist. Nicht dabei sind das Arbeitszimmer des Superintendenten und Sekretariat, Küche, Vorratsraum, die drei bei Hentschels Einzug gar nicht erst renovierten Gesindezimmer unter dem Dach und die Kellerräume, die nur zum Teil für Archiv und Registratur genutzt werden.



Dita Graffe kennt die Geschichte der Superintendentur wie kaum eine Zweite. Hentschel hat sie deshalb zur Unterstützung dazugeholt, wenn es um die Geschichte seiner "Dienstwohnung" geht. Bei Nachfrage erschließt sich auch, warum das so ist. Graffe, die vielen als Kirchenführerin in St. Martin bekannt ist, war jahrelang unter mehreren Superintendenten als sogenannte Ephoralsekretärin tätig. Dazu kommt ihr ausgeprägtes geschichtliches Interesse. Graffe weiß , wo in der Superintendentur die alten Schätze lagern, Bibeln, die zum Teil hunderte Jahre alt sind oder alte Akten. Das meiste hat zwar mehr ideellen Werte, aber spannend ist es doch, in einem mehr als 300 Jahre alten Kirchenbuch zu blättern.



Die Superintendentur ist ein altes Gebäude mit allen Probleme, die dies so mit sich bringt. In den Kellerräumen beginnt Feuchtigkeit ihre Spuren zu hinterlassen. Für die alten Bücher ist  ein solches Klima nicht gerade förderlich. Alles, was wirklich wertvoll ist, wurde inzwischen nach Hannover gebracht, wo sie in die Räume der Landeskirche besser gelagert werden können. Graffe zieht dennoch eine Bibel in der Version des "Martini Lutheri" aus einem schlichten Kellerregal. 1759 wurde sie gedruckt und ist mit einem lederüberzogenen Holzdeckel versehen. "Heilige Schrift, Altes und Neues Testament" ist auf dem Deckblatt in kunstvoll verzierten Lettern zu lesen.




Noch älter ist das Exemplar, das 1676 der Kirche St. Martin gestiftet und zum 900-jährigen Jubiläum im Jahr 1997 restauriert wurde. Graffe schließt den Stahlschrank auf. Wieder Spuren des unzuträglichen Raumklimas - erster Schimmel hat sich auf den Buchdeckeln gebildet. Es muss etwas getan werden. In die Amtszeit von Hans Hentschel, der im Sommer in Ruhestand geht, wird das möglicherweise nicht mehr fallen.

Gerade die Kellerräume scheinen Geschichten  zu erzählen. Sie handeln von Zwangsarbeitern, die ein Vorgänger Hentschels hier versteckte. Von dem Landstreicher, der in jedem Frühjahr auftauchte, den Garten der Suptur in Schuss brachte, es sich solange im Keller - mit eigener Dusche -gemütlich machte und dem im Sommer dann die Füße kribbelten und er weiter zog. Dita Graffe kennt viele solche Geschichten. Die vom ersten Kuss, den ein Bramscher seinem Mädchen während der Party eines Superintendenten-Sohnes gab, ist allerdings nicht von ihr.

Es waren andere Familien als heute, die seinerzeit in der Suptur lebten. Sechs, sieben Kinder waren keine Seltenheit, erinnert sich die ehemalige Sekretärin Graffe. Und es wurde anders gelebt. "Mit so vielen Kindern und einem großen Garten, da brauchte die Frau schon Unterstützung" vermutet Graffe. Auch kam der Pfarrfrau bis weit über die Hälfte des vergangenen Jahrhunderts eine ganz andere Rolle zu. Sie hatte ihren Mann in der Gemeinde zu unterstützen, wohltätige Aufgaben wahrzunehmen und ein für jeden Hilfesuchenden offene Haus zu führen. "Ich kenne das Leben in einem so großen Haus  aus meiner eigenen Kindheit", schmunzelt Hentschel. "Meine Mutter führte auch eine 'Herberge der Heimat'" im Pfarrhaus".




Es hatte aber nicht nur praktische Gründe, dass die Kirche in Bramsche 1909 so repräsentativ baute. "Großbürgerlich" nennt Hentschel den Baustil. Der Superintendent gehörte damals zur städtischen "Haute Voleé", in einer Reihe unter anderem mit den Tuchfabrikanten, die sich in Bahnhofs- und Lindenstraße Villen errichten ließen. "Nach dem Gottesdienst ging man auf eine Tasse Tee zum Superintendenten", weiß Dita Graffe aus alten Erzählungen. Mit der Arbeiterschaft, die in den Tuchfabriken ihren kargen Lohn verdienten, pflegten die Superintendenten zu Anfang der 1900er Jahre nicht viel Umgang. Viele Arbeiter bekannten sich zu den - nicht gerade kirchennahen - Sozialdemokraten. "Es war schon eine Standesgesellschaft", meint Hentschel. Erst zur NS-Zeit und während des Zweiten Weltkrieges suchte Superintendent Bruno, der durchaus regimekritisch eingestellt war, den Kontakt zu den Bramscher Arbeitern.

In den folgenden Jahrzehnten drückten jeder neue Superintendent und seine Familie dem denkmalgeschützten Gebäude ihren Stempel auf. Geblieben sind unter anderem die Jugendstilfliesen im Flur,




 das Relief von Maria und Martha ("eine ganz spannende Frauengeschichte", Hentschel) 




und die grundsätzliche Raumaufteilung, wenn das Gebäude auch funktionell vor ein paar Jahrzehnten "gedreht wurde". Lagen früher die Wohnzimmer und Küche zur Kirchhofstraße hin, sind dort jetzt die Diensträume untergebracht. Gewohnt wird jetzt "hinten raus". Nicht mehr vorhanden sind deshalb die Kirchenbänke aus der Sakristei, die halbhohe Eichenverschalung der Räume und die bleiverglasten Türen, die einst Verwaltungs- vom Wohntrakt trennten. Familie Hentschel schätzt die Ruhe und den direkten Zugang zum großen, pflegeleichten Garten, den sie immer wieder für Veranstaltungen öffnet. Die "Kultur in der Suptur" ist nur ein Beispiel. Ein Wohnsitz wie die Suptur verpflichtet, findet der "Sup".


Das Großbürgerlich-Repräsentative ist dennoch nicht das Ding von Hans und Hille Hentschel. Das große Wohnzimmer mit Glasfront zum Garten hin und Steck an der Decke nutzt das Ehepaar selten bis nie. Der ziemlich kleine Fernseher steht in einem kleineren Raum neben dem Wohnzimmer. Hentschels sind Freunde gedruckter Geschichten. Die Räume in der Suptur sind hoch und deshalb, trotz energetischer Sanierung - schwer zu heizen. Energieverschwendung und der von der Kirche geforderte nachhaltige Umgang mit den Ressourcen sind aber schlecht vereinbar.




Das alles sind allerdings Probleme, die das Ehepaar Hentschel nicht mehr lange umtreiben werden. An vielen Ecken stehen bereits gepackte Umzugskartons. Ab dem Sommer ist der Superintendent Pensionär, betreut für ein paar Monate eine Gemeinde in England und zieht dann in den bereits erworbenen "Ruhesitz" in Oldenburg. Das riesige Haus und die Energiekosten sind dann Sache seines Nachfolgers. "Heute würden in so einem Haus vier Familien wohnen", sagt Hentschel.


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