E-Mail aus ...Aberdeen Malte aus Bramsche betreut Menschen in schottischem Camphill-Dorf

In dem Camphill-Dorf in der Nähe von Aberdeen in Schottland leben und arbeiten Menschen mit Betreuungsbedarf, Freiwillige und Mitarbeiter der Einrichtung eng zusammen. Foto: Malte SchulzeIn dem Camphill-Dorf in der Nähe von Aberdeen in Schottland leben und arbeiten Menschen mit Betreuungsbedarf, Freiwillige und Mitarbeiter der Einrichtung eng zusammen. Foto: Malte Schulze

Bramsche/Aberdeen. Junge Bramscherinnen und Bramscher sind in aller Welt als Freiwilligendienstleistende unterwegs. Bei aller Verschiedenheit der Träger und der jeweiligen Anforderungen: Sie alle reizt es, neue Welten kennenzulernen. In unserer Reihe „E-Mail aus....“ berichten sie über ihre Erfahrungen. Heute schreibt Malte Schulze aus Aberdeen in Schottland.

"Heute möchte ich gerne die Camphill-Einrichtung in der Nähe von Aberdeen, in der ich seit August arbeite, ein wenig näher vorstellen. 1939 war es der Österreicher Karl König, der just in dieser Einrichtung diese inzwischen in mehreren Erdteilen verbreitete Form des Zusammenlebens von Menschen mit und ohne Behinderung ins Leben rief. Sein Ziel war es, Gemeinschaften aufzubauen, in denen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene eine Umgebung geschaffen wird, welche ein Gefühl der Zugehörigkeit vermittelt, Unterstützung bietet und lebenslängliches Lernen und persönliches Wachstum ermöglicht. Als Grundlage für seine Arbeit griff Karl König auch auf die heilpädagogischen Vorträge von Rudolf Steiner zurück, der eben nicht nur die maßgeblichen Impulse für die Waldorfschulen gesetzt, sondern auch noch in vielen anderen Bereichen auf Anfrage nachhaltige Gedanken beisteuerte.

Zusammenleben auf einem abgeschlossene Gelände

Klassisch für Camphill ist zum einen die dorfähnliche Wohnsituation. In meinem Estate leben die "residents" oder auch students genannten Betreuten, wir coworker sowie die Hauskoordinatoren mit ihren Familien auf einem abgeschlossenen Gelände zusammen. Mit der sich ebenfalls dort befindlichen Schule und den verschiedensten Workshops ist für jeden Einzelnen der Arbeitsplatz nur einen Katzensprung entfernt. Ich wohne in einem der sechs Häuser, in denen sich coworker und residentsden Wohnraum teilen. Nur zwei Türen weiter wohnt der "resident", mit dem ich am meisten arbeite. Dementsprechend wohne ich direkt am Arbeitsplatz und bin selbst an meinen freien Tagen, sofern ich nicht etwas außerhalb des Estates unternehme, mehr oder weniger in den Alltag mit eingebunden. Einerseits wird man dadurch sehr eng in die Gemeinschaft integriert. Andererseits wird einem auch verhältnismäßig wenig Rückzugsraum geboten.

Seit 1939 ist ja einiges an Zeit vergangen und dies hat natürlich auch seine Spuren an Camphill hinterlassen. Zwar findet man noch sehr traditionell anthroposophische Häuser, aber tendenziell wurde mit der Zeit alles zugänglicher für Leute ohne einen Hintergrund in der Steiner'schen Welt. Dies ist heute deutlich an der Zusammensetzung meiner Mitfreiwilligen erkennbar. Gerade einmal fünf der rund 50 FSJler, mit denen ich im August in das Jahr gestartet bin, haben wie ich eine Waldorfschule besucht.

Pflegestandards und Traditionen

Natürlich wird sich hier auch an die immer stärker regulierten Pflegestandards gehalten, was der Tradition an einigen Stellen den Rang abläuft.

Für unsere residents oder auch students genannten Betreuten bedeutet Camphill im Vergleich zu Mainstream-Einrichtungen hauptsächlich zweierlei: Ein breit gefächertes Therapieprogramm mit Kunst- und Farblichttherapie, Eurhythmie und einem alternativen Ansatz bei der medizinischen Versorgung.

Verhaltensmuster, gerade solche, die Herausforderungen an das direkte Umfeld darstellen, werden nämlich nicht sofort mit Medikamenten angegangen, sondern es wird eher auf andere Möglichkeiten gesetzt. Als Resultat bleiben unsere students mehr sie selbst und als coworker hat man einen Haufen an Geschichten zu erzählen, wie man bei den unterschiedlichsten Formen von „herausforderndem Verhalten“ unterstützen durfte. Dazu aber ein andermal mehr.

Wichtig ist abschließend, dass es natürlich nicht „die Camphill-Erfahrung“ gibt. Durch die extrem individualisierten Programme der students kann man auch im selben Haus komplett unterschiedliche Erfahrungen sammeln, je nachdem mit wem man gerade arbeitet. Und das ist auch gut so.


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