Besonders empfindliche „Antennen“ Gesprächskreis für hochsensible Menschen in Bramsche

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Josephine Hammig und Anne Grothus (von links) laden am Sonntag wieder zum Gesprächskreis für hochsensible Menschen in den Bramscher Weltladen ein. Foto: Hildegard Wekenborg-PlackeJosephine Hammig und Anne Grothus (von links) laden am Sonntag wieder zum Gesprächskreis für hochsensible Menschen in den Bramscher Weltladen ein. Foto: Hildegard Wekenborg-Placke

Bramsche Nein - krank fühlen sie sich nicht. Ihr Zustand kann ebenso eine Bereicherung sein wie ein Problem. Josephine Hammig und Anne Grothus haben deshalb keine Selbsthilfegruppe gegründet, sondern einen Gesprächskreis für Menschen mit besonders ausgeprägten „Antennen“. Die amerikanische Psychologin Elaine Aron entwickelte für Menschen wie Hammig und Grothus einen Begriff: High Sensitive Persons“ (HSP) oder auf deutsch „hochsensible Personen“.

Einmal im Monat, an jedem ersten Sonntag, treffen sich die Mitglieder um 11 Uhr im Weltladen am Brückenort. Die Gruppe ist erst im Sommer an den Start gegangen und noch befinden sich Hammig und ihre Mitstreiter in der Startphase. Hammig hat die Anregung aus Osnabrück mitgebracht, wo sie mehrere Jahre lang einen Treff für hochsensible Menschen besuchte. Irgendwann wurde die Gruppe der Bramscherin zu groß, die Möglichkeiten zum persönlichen Austausch zu gering. Im Gespräch mit der Bramscher Ehrenamtsbeauftragten Maria Stuckenberg entstand die Idee für einen eigenen Gesprächskreis. Der Weltladen als Ort für die Treffen war ebenfalls durch Kontakte bald gefunden.

Beim ersten Treffen kamen Menschen mit unterschiedlichsten Ausprägungen der Hochsensibilität, erzählt Hammig. Nicht nur die mehr als gewöhnlich ausgeprägte Wahrnehmung im zwischenmenschlichen Bereich sei vertreten gewesen, sondern das besonders empfindliche Gehör oder der Geruchssinn. Die Teilnehmer kamen aus unterschiedlichen Berufen, Männer und Frauen waren dabei „Man kann nichts verallgemeinern“. Das betonen die beiden Frauen immer wieder.

Neurophysiologischer Hintergrund

Was für Nicht-Betroffene zunächst vielleicht etwas wenig greifbar erscheint, hat allerdings einen neurophysiologischen Hintergrund. In den 1990er Jahren von der amerikanischen Psychologin Elaine Aron geprägt, hat der Begriff HSP mittlerweile auch Eingang in die deutsche Sprache gefunden. Forscher führen die Hochsensibilität auf ein besonders empfindliches Nervensystem zurück. Das bedeutet allerdings nicht, dass Hochsensible weniger Reize aushalten, sondern eher, dass sie mehr wahrnehmen. Grund ist ein besonders empfindliches Nervensystem, beziehungsweise, wie auf der Internetseite „zartbesaitet“ zu lesen ist, eine deutliche größere Anzahl relevanter Neurotransmitter. „Viele Menschen können störende Reize wie zum Beispiel eine tickende Uhr oder einen tropfenden Wasserhahn mit der Zeit ausblenden, Hochsensiblen gelingt das meist nicht“, nennt Grothus ein Beispiel. Auf der anderen Seite erspürten hochsensible Menschen beispielsweise sehr schnell, wenn in einer Gruppe eine schlechte Stimmung herrsche, wo der Grund liege und worin eine Lösung bestehen könne. „Es kann Fluch und Segen sein“, fasst Josephine Hammig zusammen. „Viele fühlen sich von Reizen überfordert, aber es kann auch sehr schön und bereichernd sein“.

Anne Grothus erinnert sich: „Schon als Jugendliche habe ich viele Dinge anders wahrgenommen. Ich habe mich immer gefragt, warum kommen die Anderen durch Probleme so durch und ich mache mir wochenlang Gedanken.“ Später kam noch eine ausgeprägte Sensibilität gegenüber Elektrizität dazu. „Wenn ich im Bett liege und irgendwo im Haus sind Geräte nicht von der Leitung getrennt, höre ich ein Brummen und empfinde ein deutliches Vibrieren“, erzählt sie.

Viel Ruhe und Schlaf

Auch bei Josephine Hammig zeigten sich erste Anzeichen in der frühen Jugend. Seit ihrem neunten Lebensjahr leidet sie unter Migräneattacken. Große Gruppen waren nicht ihr Ding, laute Diskos später ein Gräuel. Sie fühlte sich im eigenen Körper nicht wohl, hatte das Gefühl, nicht immer so funktionieren können, wie es gefordert wurde und wie sie es von sich selbst forderte. Dennoch machte sie Abitur, nahm ein Psychologiestudium auf, dass sie aber nicht abschloss. Unter anderem, weil sie den Druck nicht aushielt. „Ich habe später oft damit gehadert“, gibt sie zu. Sie bekam Kinder, hatte trotzdem oft das Gefühl einfach „irgendwie anders zu sein“. Der Begriff HSP war seinerzeit noch kein Thema. „Mein Mann hat mir irgendwann das Buch von Elaine Aron geschenkt. Ich habe es gelesen und nur noch geheult. Aber eher vor Erleichterung. Ich konnte mir endlich erklären, was mit mir los ist“. Inzwischen weiß sie, dass sie ihre Rückzugsräume braucht, wenn zuviel auf sie einstürmt. „Ich brauche viel Ruhe und viel Schlaf. Leistungsfähig bin ich trotzdem“, unterstreicht sie. Sie hat gelernt, einen guten Weg im Umgang mit der Hochsensibilität zu finden.

Etwas anders verlief Anne Grothus‘ Lebensweg: Sie wählte wie viele hochsensible Menschen einen sozialen Beruf, konnte ihn aber nicht ausüben. Seit Jahren ist sie unter anderem wegen Depressionen und einer Essstörung frühverrentet. „Viele Hochsensible gehen aber auch ganz gesund durchs Leben. Man kann nichts verallgemeinern. Mir hat nur gutgetan, zu sehen, dass ich mit meiner Art nicht allein bin,“ sagt sie. Es war und ist kein leichter Weg aus der “wahrnehmungsbedingten Schutzlosigkeit“. Inzwischen weiß sie, was ihr guttut und mit belastenden Situationen umzugehen, „gelingt meist gut“.

Das nächste Treffen des Gesprächskreises für hochsensible Menschen ist am Sonntag, 2. Dezember 2018 um 11 Uhr im Weltladen am Brückenort. Kontakt unter HSP-Gruppe-Bramsche@web.de.


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