„Einzelfälle eskaliert“ Pfähle umgepflügt: Streit um Grenzen bei Bramscher Modellprojekt

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Bramsche. Die Stadt Bramsche hat insgesamt 646 Pfähle gesetzt, um die von ihr im Zuge des Wegerandstreifenprogramms ökologisch aufgewerteten Fläche abzugrenzen. Moderne Technik macht die punktgenaue Vermessung möglich, schafft aber auch ein neues Konfliktfeld mit den betroffenen Landwirten. Die ersten Pfähle wurden schon umgepflügt.

Seit 2015 betreibt die Stadt dieses Programm, bei der Randstreifen, die der Stadt gehören, als Ausgleichsmaßnahmen ökologisch aufgewertet werden (siehe zur Sache). 225 einzelne Maßnahmen gibt es in Ueffeln und Balkum, weitere 161 in Sögeln und Engter, erklärt Ingo Zapp vom Forsthof Artland, der das Programm für die Stadt mitentwickelt hat und das Monitoring, also das Überwachen des Erfolgs übernommen hat.

Landwirte angeschrieben

Im Vorfeld der Flächenmarkierung seien über 200 betroffene Landwirte angeschrieben worden, sagt Wolfgang Tangemann von der Stadt Bramsche. Möglich wird die exakte Vermessung vor Ort durch das Feldblock-System, das via GPS zentimetergenaue Markierungen zulässt. Im ersten Schritt werden kleine Markierungen gesetzt, wie sie bei Vermessungen üblich sind. Sie werden dann durch besser sichtbare Eichenspaltpfähle ersetzt, an denen eine Plakette angebracht wird mit dem Wappen der Stadt und dem Hinweis auf den Wegerandstreifen. Wer den ebenfalls angebrachten QR-Code ausliest, erfährt mehr über die Bedeutung dieses Programms.

Grenzen „vergessen“

In den allermeisten Fällen seien die Gespräche über den Grenzverlauf unproblematisch gewesen, betont Wolfgang Tangemann. „Eine Handvoll“ habe aber offensichtlich die Grenzen „völlig vergessen“. Mitunter seien frisch gesetzte Pfähle gleich wieder umgepflügt worden. Dabei sei zu den Pfählen ein Abstand von 60 Zentimetern einzuhalten. „Das sind einige wenige“, betont Tangemann noch einmal. Die aber bereiteten einigen Ärger.

Die betreffenden Wegerandstreifen seien in der Bauleitlanung förmlich als Ausgleichsmaßnahme ausgewiesen. Die Flächen seien somit nicht nur städtischer Grund, sondern auch in der Funktion geschützt. Die Stadt werde es nicht hinnehmen, wenn diese Flächen unter den Pflug genommen oder, etwa durch Pflanzenschutzmittel, geschädigt würden. „Die Politik trägt das voll mit“, betont Tangemann. Das hat Ralf Bergander (SPD) als Vorsitzender des Ausschusses für Stadtentwicklung und Umwelt in der letzten Sitzung bestätigt: Wer wissentlich öffentlichen Grund in Anspruch nehme, „ist ein Rechtsbrecher. Das ist ein Verhalten, das wir nicht tolerieren können.“

„Einzelfälle eskaliert“

„Das ist in einigen Fällen wohl eskalkiert“, glaubt Ralf Große Endebrock. Der Bramscher Landvolkvorsitzende aus Kalkriese rät beiden Seiten zur Mäßigung und verweist darauf, dass das neue Feldblock-System, das die zentimetergenaue Vermessung an Ort und Stelle ermögliche, zunächst einmal nichts mit den Eigentumsgrenzen zu tun habe: „Die Feldblockgrenze ist da, wo das Getreide steht“. Die Katastergrenzen, die die Eigentumsverhältnisse klären, könnten erst seit kurzem eingeblendet werden. Vieles habe sich „über Jahre eingeschliffen“, bittet er noch um Geduld.

Grundsätzlich begrüßt der Landvolkvorsitzende das Wegerandstreifenprogramm: „Wir begrüßen alle Maßnahmen, die den Flächenverbrauch minimieren. Jede Nachfrage hat Einfluss auf den Flächenmarkt,“ sagt Große Endebrock mit Blickauf steigede Pachtpreise für Ackerfläche. Man müsse nur „vernünftig drüber sprechen“, wobei sich die personellen Wechsel bei der Stadt nachteilig ausgewirkt hätten. Ein fester Ansprechpartner wäre wünschenswert, meint er.

Aufgrund des Erfolges des Programms wird das Thema beide Seiten weiter beschäftigen. Wolfgang Tangemann betont,die Stadt habe auf diese Weise bereits über 100.000 Werteinheiten generiert. Das hätte zusammenhängend „einige Hektar Fläche“ gebraucht. Das Baugebiet Stapelberger Weg sei zum Beispiel komplett über Wegerandstreifen ausgeglichen worden.


Die einfachen Ideen sind oft die besten: Die Stadt Bramsche nutzt ihr bereits gehörende Flächen an Wegesrändern für die Ausgleichsmaßnahmen, die nach Eingriffen in die Natur erforderlich werden. Das hat mehrere Vorteile: Die Stadt spart Geld für den Flächenankauf und muss nur den Aufwand bezahlen, um die Flächen ökologisch aufzuwerten.

Die Stadt konkurriert damit auch nicht mehr mit den Landwirten beim Ankauf von Ackerflächen, die immer knappe rund immer teurer werden. Und schließlich erweisen sich die dauerhaft aufgewerteten Flächen als ökologisch wertvoll: „Eine vielfältige Struktur aus Gräsern, Stauden, kleinen Gebüschen oder Einzelbäumen schafft Nischen für eine große Artenvielfalt,“ schreibt der BUND in einer Broschüre über Wegeraine und Gewässerrandstreifen.

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