Sorgen und Fragen der Bürger Bramscher „Stadtgespräche“ zum Thema Straßenprostitution

Von Holger Schulze

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Bramsche. Ein Großaufgebot an Fachleuten hatte Maria Stuckenberg, Gleichstellungsbeauftragte bei der Stadt Bramsche, für das Stadtgespräch zum Thema Straßenprostitution an der B68 eingeladen.

Neben Bürgermeister Heiner Pahlmann waren Klaus Wübbolding vom Fachdienst Ordnung beim Landkreis Osnabrück, Mathias Hintz und Andreas Schulte, Mitarbeiter der Stadt Bramsche beziehungsweise des Samtgemeinde Bersenbrück, Reinhard Hagen für das Polizeikommissariat Bersenbrück, Katrin Lehmann von der Hilfsorganisation Solwodi Osnabrück, Felizitas Exner, die aufsuchende Sozialarbeiterin an der B68, Dr. Gerhard Bojara und Dr. Kathrin Brower-Rabinowitsch vom Gesundheitsdienst des Landkreises und der Stadt Osnabrück am Mittwochabend in die Kornmühle gekommen, um mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern über den Straßenstrich im Thiener Feld hinter Hesepe zu diskutieren. Auch die Gleichstellungsbeauftragten von Bersenbrück, Wallenhorst und des Landkreises, Regina Bien, Kornelia Böert und Monika Schulte, sowie die Bürgermeisterin von Alfhausen, Anges Droste, hatten im Publikum Platz genommen.

Heiner Pahlmann begrüßte die rund 20 Zuhörer zum dritten Stadtgespräch in dieser Reihe. Eltern und Gewerbetreibende würden nach einem Sperrgebiet fragen, gab er die Stimmung in der Bürgerschaft weiter, wie sie im Rathaus wahrgenommen wird. Wie das rechtlich aussieht, sollte mit den Experten erörtert werden.

Mit einem Brainstorming des Publikums, dessen Ergebnisse auf Zetteln notiert wurden, begann der Abend. „Was stört mich an der Situation an der B68?“ und „Was sollte dagegen unternommen werden?“ waren die Fragen, denen hierbei nachgegangen wurde.

Als störend empfunden

Als störend empfunden wurden in Stichworten die Missachtung der Menschenwürde, die Hygienezustände, die fehlende Freiwilligkeit der Frauen, abgelenkte Fahrer und Unfallgefahr, Müll und Dreck, Bagatellisierung, Angst vor Gewalt, mafiöse Strukturen, Menschenhandel oder die Sorge um die Kinder, die sehen, dass Frauen Ware sind. All dies wurde auf roten Zetteln an eine Pinnwand geheftet.

In Grün rankten daneben Vorschläge für Veränderungen, um die Situation abzustellen. Genannt wurden Gesundheitsfürsorge, Krankenversicherung anbieten, Verbot nach dem Nordischen Modell, Ausstiegsmöglichkeiten und Sprachkurse anbieten, Öffentlichkeit für diese Tätigkeit schaffen, mehr Kontrollen zur Abschreckung durchführen, Sperrgebiet einrichten, weiter in den Wald schicken, Aufklärung sowie Gesetzesänderungen.

Krieg, Armut, Arbeitslosigkeit als Gründe

Katrin Lehmann von der Organisation Solwodi, Hilfe für Frauen, die Opfer von Menschenhandel geworden sind, berichtete anschließend aus ihrer Arbeit. Die anschaffenden Frauen kämen wegen Krieg, Armut, Arbeitslosigkeit und frauenspezifische Gewalt nach Europa. Sie verschulden sich, gehen Abhängigkeiten ein und müssen sich für die Schulden prostituieren. Auch die Osterweiterung führte zu einer Zunahme der Prostitution insgesamt. Seit 2017 sind Beratungen, Anmeldungen sowie die Erlaubnispflicht für Bordelle und Betreiber und auch die Kondompflicht gesetzlich vorgeschrieben, berichtete Katrin Lehmann. Das Nordische Modell stellt den Sexkauf und die Förderung der Prostitution unter Strafe. Das Anbieten und somit die Prostituierten bleiben hingegen straffrei. Ab Oktober werden nun die Frauen auf dem Straßenstrich an der B68 von zwei Sozialarbeiterinnen aufgesucht, um sie kennenzulernen und nach Möglichkeiten der Unterstützung zu suchen, um Vertrauen aufzubauen und das Angebot der Kontaktaufnahme durch die Prostituierten selbst zu unterbreiten.

„241 Beratungen sind inzwischen durchgeführt worden“, berichtete Gerhard Bojara aus der Arbeit des Gesundheitsdienstes. Zudem schilderte er die Entstehungsgeschichte des aktuellem Prostituiertenschutzgesetzes und dessen Unzulänglichkeiten

Aus der Sicht der Polizei verwies Reinhard Hagen auf den fast nicht vorhandenen Handlungsspielraum der Polizei, solange es an der B68 nicht zu ordnungswidrigen oder kriminellen Handlungen kommt. Hilfe von den dort arbeitenden Bulgarinnen werde hingegen nicht angefordert. Auch ein vermehrtes Unfallaufkommen im Bereich des Straßenstriches würde nicht durch die Zahlen belegt, sodass für die Polizei lediglich „Akzeptanzgespräche“ geführt werden können.

Erlaubte Tätigkeit

Abschließend schilderte Klaus Wübbolding die Kompetenzen des Ordnungsdienstes vom Landkreis Osnabrück, die sich im Wesentlichen auf das Ausstellen der Anmeldebescheinigungen für die Prostituierten und auf die Kontrolle der Bordelle beschränkt. Im Thiener Feld gäbe es noch keine Kontrollen, weil die Tätigkeit erlaubt ist.

In ihrem Schlusswort verwies Maria Stuckenberg auf die „unheimlich unbefriedigende Situation. Wir haben Frauen, die stehen an der Straße und müssen diese Arbeit auf freiem Feld verrichten. Wieso kann hier kein wirksamer Schutz für die Frauen eingerichtet werden?“

Die Praxis müsse einfach zeigen, dass das Schutzgesetz nachgebessert werden muss. „Die Schicksals der Frauen müssen eigentlich jeden von uns ins Herz treffen. Lassen Sie es zum Thema werden“, forderte die Gleichstellungsbeauftragte das Publikum auf. Als weitere Informationsquellen empfahl Maria Stuckenberg den Film „Bordell Deutschland“. Auch Solwodi Osnabrück geht in Schulen und referiert vor Gruppen.


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