Serie: Leben im Baudenkmal Trauzimmer im Bramscher Rathaus war mal Intensivstation

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Bramsche. Traum und Lebensziel für die einen, teurer Horror für die anderen: Am Leben in einem denkmalgeschützten Haus scheiden sich die Geister. Was macht den Reiz alter Häuser aus? In der Serie „Leben im Denkmal“ wollen wir uns mit dieser Frage beschäftigen. Heute besuchen wir das Rathaus an der Hasestraße.

Das Bramscher Rathaus liegt nicht, wie so viele andere, unmittelbar im Zentrum der Innenstadt. Die idyllische Lage an der Hase hat wohl damit zu tun, dass es auch gar nicht als Rathaus gebaut worden ist. Das markante Bauwerk entstand in den Jahren 1906 bis 1911 als Unterkunft für ledige Fabrikarbeiterinnen, die damals bei den Tuchmachern der Stadt Beschäftigung fanden. Schon im Ersten Weltkrieg wurde es als Kriegslazarett genutzt, im Jahr 1921 erwarb es der Krankenhaus-Verband für seine Zwecke. Erst seit 1962 dient es als Rathaus.

Äußere Form unverändert

Wenn ein Architekt ein Haus entwirft, das so grundverschiedenen Ansprüchen ohne größere Um- oder Anbauten genügen kann, dann ist ihm wohl ein großer Wurf gelungen. So beurteilt jedenfalls Stadtplaner Wolfgang Tangemann das Werk von Fritz Klostermeyer: „Die äußere Form ist seit über 100 Jahren nahezu unverändert und hat so grundverschiedene Nutzungen zugelassen“, staunt der Fachmann. Dabei sei im Inneren „jede Menge passiert“. Heute wirke es, „als wäre das von Anfang an ein Rathaus gewesen“.

Im anerkannt schönsten Raum des Altbaus verbringt Ulrike Stuckwisch den wohl wichtigsten Teil ihrer Dienstzeit: Die Standesbeamtin verfügt über den Schlüssel zum Trauzimmer im Erdgeschoss. Zu Krankenhauszeiten war hier die Intensivstation untergebracht, berichtet sie. Weitestgehend ohne Komplikationen verlaufen die rund 180 Trauungen im Jahr, von denen die meisten in diesem Zimmer stattfinden, das seit 2001 diesem Zweck dient und 2011 noch einmal renoviert wurde.

Für Trauungen „ideal“

Die Standesbeamtin ist glücklich mit der „tollen Ausstattung“ im Trauzimmer und vor allem mit der glücklichen Verbindung mit dem Eingangsbereich des alten Rathauses, wo die frisch getrauten Paare mit ihren Gäste anstoßen können. „Das sind von daher schon tolle Möglichkeiten hier“, findet Ulrike Stuckwisch. Wenn keine Trauungen anstehen, ist das Trauzimmer übrigens abgeschlossen: Es komme immer wieder vor, dass Paare dort „probesitzen“ wollten, erläutert die Standesbeamtin. Sie hat es vom Trauzimmer nicht weit zu ihrem Büro im Erdgeschoss des Rathauses. Es ist hell, freundlich, mit einem schönen Blick auf die Hase und dem Archivraum gleich nebenan. „Das ist hier schon ideal“, findet sie.

Im Obergeschoss des Altbaus hat Wolfgang Tangemann sein Büro. Er kann sich noch an die Zeiten erinnern, als hier, in dem markanten Raum mit dem drei Bogenfenstern, das Sitzungsszimmer war. Bei wichtigen Themen sei „die Bude bis obenhin voll gewesen“, meint er. Da habe er schon mal Sorge gehabt, ob die Statik die Belastung überhaupt hergebe. Aber auch dieser Anforderung habe sich der Klostermeyersche Bau gewachsen gezegt.

Altbau dominiert

Als im Jahr 1997 der Wettbewerb für den Rathaus-Neubau ausgeschrieben wurde, sei der „respektvolle Umgang mit dem bestehenden Gebäude“ ein zentraler Gedanke gewesen, betont Tangemann, der damals für die Vorprüfung der Wettbewerbsbeiträge verantwortlich war. So ist es kein Zufall, dass der moderne Glasbau zwar optisch einen Kontrast bildet, sich aber dem mehr als 100 Jahre alten Bau trotz des deutlich größeren Volumens klar unterordnet. Von der Hase aus ist nur der markante Altbau zu sehen.

Wenn er Skeptiker von den Vorteilen eines Altbaus überzeugen will, kann Tangemann von seinem Büro aus nicht nur auf den besonderen Charme und die Atmosphäre des Rathauses verweisen. Er kann auch gleich beweisen, dass sich Pflege alter Bausubstanz und mit heutigen Ansprüchen an Komfort und Technik verbinden lassen: Erdwärmenutzung, WC-Spülung mit Regenwasser, Photovoltaik zur Stromerzeugung sind Standards im alten wie im neuen Rathaus. „Altbau bedeutet nicht, auf moderne Technik zu verzichten“, betont Tangemann. Und wenn die Bausubstanz es hergibt, dann kann ein Ledigenheim auch ein Krankenhaus werden. Oder ein Rathaus.


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