Mythos Revoluzzerhose Vortrag in Bramsche über die Geschichte der Bluejeans

Von Andreas Wenk

Meine Nachrichten

Um das Thema Bramsche Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Passt ohne Passform: Die Bluejeans als Evergreen der Kultur- und Modegeschichte im Post-68er-Zeitalter. Das Phänomen lässt Annemarie Juli nicht los: Warum ist die Jeans modisch wie gesellschaftlich  gleichermaßen universell tragbar und unverwüstlich? Juli will dem Geheimnis in ihrer Doktorarbeit auf die Spur kommen. Das Tuchmachermuseum zeigt gerade eine Fritz-Wolf-Ausstellung zum Thema, „Was trägt der deutsche Mann im Sommer?“ Passend dazu räumte sie mit dem Mythos von der Revoluzzerhose auf.Passt ohne Passform: Die Bluejeans als Evergreen der Kultur- und Modegeschichte im Post-68er-Zeitalter. Das Phänomen lässt Annemarie Juli nicht los: Warum ist die Jeans modisch wie gesellschaftlich gleichermaßen universell tragbar und unverwüstlich? Juli will dem Geheimnis in ihrer Doktorarbeit auf die Spur kommen. Das Tuchmachermuseum zeigt gerade eine Fritz-Wolf-Ausstellung zum Thema, „Was trägt der deutsche Mann im Sommer?“ Passend dazu räumte sie mit dem Mythos von der Revoluzzerhose auf.

Bramsche. Nur wenige Zuhörer haben am Mittwoch den Weg ins Tuchmacher-Museum gefunden, um sich einen Vortrag über Bluejeans anzuhören.

Umso intensiver das Gespräch mit dem Publikum. Jeder hatte seine persönlichen Erfahrungen mit dem inzwischen allseits akzeptierten Kleidungsstück beizutragen. Ein Besucher, der seinen Namen nicht nennen wollte und selbst aus der Konfektionsbranche stammt, gab noch vor Beginn der Veranstaltung zu, es habe Jahrzehnte gebraucht, bis er seinen Frieden mit der Jeans gemacht habe. Obwohl er an dem Abend selbst eine graue Jeans trug, die klassische Bluejeans sei für ihn nach wie vor tabu, stemmte er sich gegen den Zeitgeist.

Dass die 68er als Protestgeneration die Bluejeans erfunden hätte, mit dem vom Hersteller Levis befeuerten Mythos hatte die Referentin des Abends, Annemarie Juli, nach wenigen Minuten aufgeräumt. Die von ihr präsentierte Entstehungsgeschichte ging kaum über Wikipedia hinaus. Wesentlich interessanter dagegen ihre empirischen Befunde. Die ehemalige Kultur-Politikberaterin promoviert an der Uni Osnabrück in Kulturwissenschaften derzeit über das Thema Jeans. Als eine der spannenden Fragestellungen kristallisierte sich schließlich heraus, wie es das Beinkleid von der Arbeiterhose über das Statussymbol der Nonkonformisten zu einem modischen Dauerbrenner geschafft hat. Eine Stichprobe in der Osnabrücker Innenstadt hatte ergeben, dass rund 70 Prozent in Jeans unterwegs waren. Obwohl sich die Jeans quer durch alle Bevölkerungsgruppen durchgesetzt hat und 90 Prozent der Weltbevölkerung solche Hosen tragen oder im Schrank aufbewahren, gibt es typische Vertreter der Jeans-Fangemeinde. Das sind laut Juli vor allem ältere Männer und Frauen mittleren Alters.

Mythos lebt weiter

Galt die Bluejeans ab Ende der 60er-Jahre vor allem als Statement der Nonkonformisten, hat sich das offenbar ins Gegenteil verkehrt. Heute eignet sie sich besonders, um nicht aus der Masse herauszustechen. Und dennoch lebt der Mythos von Freiheit und Abenteuer in dem stabilen Denim-Stoff offenbar weiter. Die Hose als Abbild menschlicher Ambivalenz, einerseits Individualität zu demonstrieren und andererseits dazuzugehören? Für Juli ist genau das eines der Phänomene, die es wissenschaftlich zu untersuchen gilt. Obwohl sie zuvor bereits auf die Kraft der Werbung verwiesen hat, überließ Juli es den Zuhörern, selbst die einleuchtendsten Beispiele für diese These vorzutragen: So seien geschlitzte Jeans-Beinhosen schon beim Discounter zu kaufen und für Luxus-Versionen von Bluejeans mit Pailletten, Steinen oder Stickereien würden heute mehr als tausend Euro bezahlt. All das zeige, wie Trends zur Abgrenzung und Individualisierung umgehend als Marktnische erkannt und industriell bedient würden. Die Jeans also ein Mischung aus Projektionsfläche und Chamäleon?

Juli zitierte in ihrem Vortrag Bilder wie das vom Auftritt des Daimler-Chefs Dieter Zetsche bei den Grünen, die diesen Schluss nahelegten. Dort präsentierte sich Zetsche in Jeans und Turnschuhen. Das erinnert eher an die frühen Auftritte von Joschka Fischer im Bundestag als an einen der bestbezahlten deutschen Manager eines Dax-Schwergewichts. Die Presse habe seinerzeit entsprechend hämisch mit Worten wie „Wolf im Schafspelz“ reagiert. „Anders und doch einer von Euch“, genau diese Botschaft scheint die Jeans unsterblich zu machen. Weitere Belege: Aufnahmen von Obama auf der Gangway oder vom holländischen Königspaar, alle in Jeans.

Andere Bilder wie das von Rudi Dutschke im Gespräch mit Ralf Dahrendorf, von Demonstranten in Osnabrück im Jahr 1968 oder von Sartre, einem der geistigen Wegweiser der 68er-Bewegung, zeigten hingegen, die wahren Revolutionäre und Vordenker kamen scheinbar angepasst und selbst nach damaligen Maßstäben eher korrekt gekleidet daher.

Globale "Uniform"

Bleibt Julis zentrale Frage: „Warum tragen in einer individualisierten Gesellschaft so viele Menschen freiwillig diese globale 'Uniform'?“ Die Antwort darauf wird noch auf sich warten lassen. Juli versprach jedoch, die Ergebnisse ihrer Dissertation zu einem späteren Zeitpunkt offenzulegen. Das Tuchmacher-Museum wäre auch dafür ein mehr als geeigneter Ort. Mehr als drei Zuhörer wären allerdings wünschenswert, da – wie an diesem Abend zu hören war – die Frage fast jeden von uns betrifft.

Mehr über die 68er in und um Osnabrück zeigen Ausstellungen im Stadtgaleriecafé und Haus der Jugend in Osnabrück sowie eine begleitende Veranstaltungsreihe.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN