Gedankenkreisel durchbrechen Bramscher Gruppe sucht gemeinsam Wege aus der Essstörung

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Ganz gelassen mit dem Thema Essen umgehen möchten Sabine Christan und die Mitglieder ihrer Selbsthilfegruppe. Alle leiden unter Essstörungen. Foto: Hildegard Wekenborg-PlackeGanz gelassen mit dem Thema Essen umgehen möchten Sabine Christan und die Mitglieder ihrer Selbsthilfegruppe. Alle leiden unter Essstörungen. Foto: Hildegard Wekenborg-Placke

Bramsche. Sie alle haben Erfahrungen mit ungesundem Essverhalten, mit Magersucht, Fressattacken und auf die Dauer wirkungslosen Diäten. In der Bramscher Selbsthilfegruppe „Gelassen essen“ geben sich die Mitglieder gegenseitig Halt und Hilfe auf dem Weg aus dem Gedankenkreisel, der sich nur um das Essen dreht.

Sabine Christan leitet die Gruppe, die sich wöchentlich in ihrem Wohnzimmer an der Bonhoefferstraße in Bramsche trifft. Die ehemalige Grundschullehrerin, die nach ihrer Frühpensionierung eine Ausbildung zur Heilpraktikerin Psychotherapie absolviert hat, hat die Gruppe vor sieben Jahren gegründet, denn sie ist selbst betroffen. Die erste Diät machte sie ( „ich war schon pummelig“)schon mit zwölf Jahren, auf Anweisung ihrer Mutter und ohne fachlichen Beistand, nur rigides Kalorienzählen und extremer Sport. Zahllose weitere Diäten folgten, dazwischen „Fressattacken“, wie sie selbst sagt.

Monika Martin*, die eigentlich ganz anders heißt, aber ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, nickt. Vor elf Jahren wurde bei ihr eine psychische Erkrankung diagnostiziert. Das Gefühlschaos verleitete sie, immer mehr zu essen. „Es kam so schleichend. Essen ist Belohnung, es beruhigt. Es ist unvorstellbar, welche Mengen ich schließlich in mich hineingeschaufelt habe“, meint sie. Da blieb es nicht bei der berühmten ganzen Tafel Schokolade statt des einen Stücks. Sie stopfte Essen in sich hinein, bis ihr schlecht wurde und sie sich übergeben musste. „Und im Anschluss fühlt man sich schlecht, man ist böse auf sich selbst und kann wieder nur an Essen denken. Wie man mehr bekommt oder wie man es wieder los wird“.

„Unglaublich kreativ“

Gruppenleiterin Christan bestätigt das. Und auch, dass Menschen mit Essstörungen unglaublich kreativ werden, ihre Probleme vor der Umwelt zu verbergen. In der Öffentlichkeit hätten sie meist nur ganz wenig gegessen, berichten beide. Zuhause gibt es dann kein Halten mehr. „Der Gedanke an essen war immer präsent, wie eine Endlosschleife. Es ist unfassbar, wieviel wertvolle Lebenszeit ich mit dem Gedanken daran vergeudet habe zwischen Übergewicht und Magersucht.. Es ist ganz klar ein Suchtverhalten“, sagt Christan. Diesem Teufelskreis wollen die Gruppenmitglieder entkommen.

Bis beide Frauen sich eingestehen konnten, dass Essen für sie Suchtcharakter hat, verging eine lange Zeit. „Ich habe zwar abgenommen, als das erste Kind da war“, sagt Christan, die unkontrollierbaren Gedanken seien aber zunächst geblieben. Christan stellte in den folgenden Jahren ihre Ernährung um, verzichtet jetzt zum Beispiel konsequent auf jeglichen Zucker, weil der Hunger auf Süßes und vor allem seine Befriedigung bei ihr umgehend neue Essattacken auslösten. „Man muss darüber nachdenken, was einem wirklich fehlt und versuchen, Lösungen zu finden“. Das ist nicht immer leicht, sind sich Sabine Christan und Monika Martin einig. „Die Menschen stehen immer stärker unter Druck und viele retten sich ins Essen“, meint Christan. Besonders Jugendliche setzten sich selbst unter Druck, um fragwürdigen Schönheitsidealen nachzueifern. „Als Jugendliche wusste ich gar nicht, dass es so etwas wie Essstörungen gibt“, erinnert sie sich.. Außerdem war und ist das Thema extrem schambesetzt. „ Ich wusste wohl, dass etwas nicht stimmt, aber ich habe mich nicht getraut, einen Arzt zu fragen. Stattdessen habe ich bei der Krankenkasse angerufen und um eine Ernährungsberatung gebeten“, fährt sie fort. Man empfahl ihr, einen Arzt zu konsultieren - was sie nie tat.

„Ohne dumme Bemerkungen“

In der Selbsthilfegruppe kennt jeder solche Erlebnisse. „Hier können wir darüber reden, ohne dass jemand dumme Bemerkungen macht. Und wir müssen uns nicht schämen“, sagt Martin. Die Stunden beginnen meist mit einer Gesprächsrunde, manchmal folgen Yoga- oder Atemübungen. Es wird auch zusammen gekocht oder aus Büchern zum Thema gelesen. Das Wichtigste ist aber der Halt, den sich die Gruppenmitglieder gegenseitig geben, wenn die Sucht sich bemerkbar macht. Beim Suchtmittel Essen ist Abstinenz schließlich nicht möglich.

Martin* hat noch ein Anliegen. „Übergewichtige sind die einzige gesellschaftliche Gruppe, über die man sich ungestraft lustig machen kann“, beklagt sie. „Ein bisschen mehr Verständnis für die Ursachen und Toleranz gegenüber den Betroffenen wären uns sehr wichtig“.

*Name geändert


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