Serie: Leben im Baudenkmal Historisches Bramscher Haus mit ganz neuem Charme

Von Heiner Beinke


Bramsche. Traum und Lebensziel für die einen, teurer Horror für die anderen: Am Leben in einem denkmalgeschützten Haus scheiden sich die Geister. Was macht den Reiz alter Häuser aus? In der Serie „Leben im Denkmal“ wollen wir uns mit dieser Frage beschäftigen. Heute besuchen wir Ariane Matthiesing und Maik Podszuweit am Mühlenort.

„Ist das hier das Tuchmacher-Museum?“ wird Maik Podszuweit schon einmal von Passanten gefragt, die vor seinem Fachwerkhaus am Mühlenort stehen. „Nein, das ist genau gegenüber“, antwortet der Lehrer, der zusammen mit seiner Frau Ariane Matthiesing das Haus Mühlenort 17 so liebevoll hergerichtet hat, dass man es schon einmal für ein Museum halten könnte. Allerdings eines mit durchaus modernem Innenleben.

Geschichte

Gleichwohl ist das Haus Mühlenort 17 mit der Geschichte der Bramscher Tuchmacherinnung eng verwoben. Hier hat unter anderem der Tuchmachermeister Heinrich Storch gelebt, dessen Lebensgeschichte in der Ausstellung des Museums erzählt wird. Storch prägte die Geschichte der Innung und war außerdem Mitbegründer der Bramscher Feuerwehr.

Es waren allerdings weniger diese geschichtlichen Zusammenhänge, die Ariane Matthiesing und Maik Podszuweit reizten, als das Haus zum Verkauf angeboten wurden. „Ich wollte immer schon in einem Fachwerkhaus wohnen, das hat so einen unvergleichlichen Charme“, sagt Ariane Matthiesing. Als sie das Angebot im Internet entdeckt, wird sie sofort hellhörig.

Zweifel am Anfang

Beim ersten Ortstermin zusammen mit dem Architekten und Baudenkmalspezialisten Dieter Kemp kommen dem Paar aber Zweifel. „Mein erster Gedanke war: Das geht nicht“, erinnert sich Maik Podszuweit. Es sei so dunkel gewesen, dass selbst am Tage Licht angemacht werden musste. Das altehrwürdige Haus schien an einigen Stellen baufällig, der hintere Giebel „komplett“ abgängig.

Vater als Bauleiter

Zu einem zweiten Termin kommt Vater Jürgen Podszuweit mit. Als der zusagt, die Bauleitung zu übernehmen, da er als Ruheständler die nötige Zeit und aus mehreren ähnlichen Projekten die nötige Erfahrung hat, fällt dem jungen Paar die Entscheidung leichter. Zusammen mit dem Zimmermann Hermann Schwegmann machen sie sich an die Bestandsaufnahme. „Da ist der Zimmermannshammer auch schon mal so durch eine Wand durchgeflogen“, erinnert sich Podszuweit an so manche Überraschung, wie sie ein Altbau eben bereithält. So wurden als Dämmmaterial in den Wänden alte Zeitungen, Wollreste und auch Schlüpfer verwendet. Einen kleinen Ausschnitt davon haben die Hausherren erhalten und hinter Plexiglas als Anschauungsstück für Besucher konserviert.

Spagat

Die neuen Hausbesitzer wollen so viel wie möglich von der alten Bausubstanz und Bauweise erhalten, aber nicht auf modernen Wohnkomfort verzichten. Ein Spagat, der zahlreiche Absprachen mit der Unteren Denkmalsschutzbehörde erfordert. Die zahlt zwar keinen Zuschuss, segnet aber, was als Denkmalsschutz steuerlich absetzbar ist. „Wir haben so rund 90 Prozent durchbekommen, etwa zehn Prozent wurde gestrichen“, sagt Jürgen Podszuweit. Er weiß: „Bei so einem alten Haus musst du mit viel Fingerspitzengefühl rangehen“. Bedauerlich finden es Podszuweits, dass in der ganzen Bauphase nicht einmal ein Vertreter des Denkmalsschutzes vor Ort gewesen ist.

Durchbruch

Bedenken hatte es bei der Behörde auch wegen eines Deckendurchbruchs gegeben. Der sorgt dafür, dass das Esszimmer im Erdgeschoss nun viel Licht aus dem ersten Stock bekommt und zu einem der schönsten Räume im ganzen Haus geworden ist. Das ist wohnlich und stilvoll hergerichtet, aber eben nicht authentisch. Ebenfalls nicht von der Behörde abgesegnet ist das große Fenster in der Dachschräge. Das war der Behörde zu groß. „Dann kann ich es eben nicht absetzen, aber dafür habe ich es hier schön hell“, meint Maik Podszuweit.

Das Ziel,ganz ohne Stufe im Erdgeschoss auszukommen, musste am Ende zwar aufgegeben werden, weil rund 38 Zentimeter Bodengefälle anders nicht auszugleichen waren. Ein anderes Ziel aber hat das Paar erreicht: „Wir wollten überall gehen können, ohne uns den Kopf zu stoßen“.Das ist gelungen, ohne den ganz eigenen Charakter eines verwinkelten Fachwerkhauses zu verlieren.

Bauzeit „top“

Im Juli 2016 hat das Paar das Haus erworben, am 9. September 2017 ist es in das komplett durchsanierte Haus eingezogen. „Eine Topzeit“, findet Maik Podszuweit. Eine Zeit mit viel Dreck und Schweiß, in der auch mal Tränen flossen. „Aber wir haben auch viel gelacht“, betont Ariane Matthiesing. „Zwischendurch hat bei mir irgendwann mal die Vorstellung aufgehört, wie das alles werden soll, aber jetzt ist alles toll“, ist sie mit dem Ergebnis hochzufrieden.

„Und dann ist ja auch noch die Lage toll“, ergänzt Maik Podszuweit. Wenn er aus der Haustür auf den Mühlenort spaziert, wirkt alles ein bisschen aus der Zeit gefallen. Fast könnte man erwarten, dass Meister Heinrich Storch aus der Türe tritt. Doch der hat seinen Platz im Museum gegenüber. Während gleich um die Straßenecke die Bramscher Innenstadt beginnt. Auch das gehört zum Charme des Baudenkmals.


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