Vernebler und frische Möhren Im Hitzesommer stehen in Sögeln die Kühe unter der Dusche

Von Hildegard Wekenborg-Placke


Sögeln/ Kalkriese. Hitze und Dürre machen derzeit nicht nur Mais, Gras und Getreide zu schaffen. Auch das liebe Vieh leidet unter der Hitze. Landwirte versuchen, Abhilfe zu schaffen und das durchaus auch aus wirtschaftlichen Gründen.

„Kühe mögen lieber minus zehn Grad als plus 30 Grad“, sagt Landwirt Ralf Große-Endebrock aus Kalkriese. In seinem Offenstall, durch den immer ein Lüftchen weht, sorgen Ventilatoren für zusätzliche Luftbewegung. Um den Komfort für das Rindvieh noch zu erhöhen, hat der Vorsitzende des Bramscher Landvolks die „Luftquirle“ mit Verneblerdüsen ausgestattet, die stetig feuchte und damit kühlere Luft erzeugen. Auch sein Stellvertreter beim Landvolk, Jan-Gerd Bührmann aus Sögeln, verschafft seinen Kühen Abkühlung. Immer vor dem Melken werden im Wartebereich vor der Melkanlage an der Decke die Sprühduschen angeschaltet. Sanft regnet es auf die Tiere herab, bald glänzt das Fell vor Nässe. „Zuerst waren sie ein bisschen ängstlich, aber jetzt genießen sie das richtig“, berichtet Bührmann. Große-Endebrock nickt zustimmend. „Nach draußen gehen die Kühe sowieso im Moment nicht freiwillig“.

Beide Landwirte wirtschaften konventionell - und das aus Überzeugung. Dennoch: „Wir wollen doch, dass es unseren Tieren gut geht und deshalb denken wir immer darüber nach, was man verbessern könnte“, sagt Bührmann. „Nur wenn es den Tieren gut geht, liefern sie auch“, räumt er ein.

Kaum einen halben Meter hoch

Und dazu gehört ausreichendes und ausgewogenes Futter. Der Mais steht aber an manchen Stellen kaum einen halben Meter hoch, wo er in normalen Jahren einen erwachsenen Mann überragt. Die Blätter sind vertrocknet, die Kolben winzig oder gar nicht erst ausgebildet. Für Milchviehhalter wie Bührmann ist besonders Letzteres eine Katastrophe. „Etwa 50 Prozent des Nährstoffgehaltes kommen aus dem Kolben“, berichtet er. Wird solcher Mais siliert, ist die Silage nährstoffärmer als sonst, einmal abgesehen davon, dass die Menge nicht annähernd an gute Jahre heranreicht. Ein Ausweichen auf Grassilage ist in diesem Glutsommer keine Alternative. Wo Grünland sonst zum Weiden oder zur Heumahd dienen, ist Steppe. Ralf Große-Endebrock zeigt das Feld eines Nachbarn in Kalkriese: „Hier vertrocknet gerade die dritte Mahd. Eigentlich müsste hier schon mindestens die Vierte stehen.“ Ein paar hundert Meter weiter bietet sein eigenes Land ein trauriges Bild. Vereinzelte trockene Halme, Sand, der durch die Finger rinnt. Sogar dem sonst üppig wucherndem „Beikraut“ ist es vielfach zu trocken. „Wir haben Ackergras gesät, als Regen angesagt war. Es gab ein Schauer und dann nichts mehr. Das Gras ist gekeimt und gleich wieder im Boden vertrocknet. Arbeit und Saatgut können wir in den Wind schreiben,“ berichtet Große -Endebrock.

Extreme Trockenheit

Auf dem sandigen Boden in Kalkriese ist die Trockenheit extrem. Von mindestens 50 Prozent Ernteeinbußen spricht der Landvolkvorsitzende. Über Sögeln hat sich die eine oder andere Regenwolke mehr ausgeregnet, sodass hier alles noch etwas grüner wirkt. Dennoch ist Milcherzeuger Bührmann kurzfristig fast mehr betroffen als sein Berufskollege in Kalkriese. Das Futter für die Kühe, in erster Linie Silage, wird vor Ort produziert. Silage verdirbt bei den derzeitigen Temperaturen während des Transportes. Außerdem braucht sie viel Transportkapazitäten. Zukauf ist deshalb keine Alternative. Getreide, und das bekommen Schweine in erster Linie, ist wesentlich nährstoffhaltiger und überall zu kaufen, wenn auch teuer.. Kühe als Wiederkäuer sind aber auf die Faserbestandteile der Silage angewiesen, erklären die beiden Landwirte. Große Endebrock, der sowohl Schweine wie auch Kühe hält, meint: „Wir strecken derzeit das Rinderfutter,. in dem wir Heu und Getreide mischen. So kann man alles ein bisschen schieben“.Den Gesetzen des Marktes entgehen letztlich beide nicht. Futter ist knapp und teuer, manche Landwirte sind gezwungen, ihre Tiere zu verkaufen, Rindfleisch ist deshalb reichlich auf dem Markt und billig. „Da kann es bei einigen schon an die Existenz gehen“, meinen beide. Bleibt nur das Warten auf den großen Regen.

„Da müssen wir jetzt durch“

So soll der Mais aussehen (oben), so sieht er derzeit vielerorts aus.

„Da müssen wir jetzt durch“, bringt Biobauer Michael Kruse auf den Punkt, was konventionell wie alternativ wirtschaftende Kollegen derzeit verbindet. Durch Kruses mobile Hühnerställe zieht immerhin ein Lüftchen. Die Ställe auf andere, eventuell grünere Wiesen zu ziehen, ist allerdings nicht möglich,. Der Boden ist steinhart, sodass Kruse keine Zaunpflöcke einschlagen kann. „Wir merken schon, dass die Dotter blasser werden. Das Karotin aus dem frischen Gras fehlt“. Kruse versucht, mit frischen Möhren gegenzusteuern. Die Tiere brauchen Beschäftigung. Aber draußen kratzen und picken? Da warten die Hühner lieber auf die kühleren Abendstunden.


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