Selbsthilfegruppen in Bramsche Mit den „Freundeskreisen“ gemeinsam gegen den Alkohol

Von Hildegard Wekenborg-Placke

Weg mit der Flasche: Die Mitglieder der Bramscher „Freundeskreise“ sind alle trockene Alkoholiker und unterstützen sich gegenseitig dabei, weiter die Finger vom Alkohol zu lassen. Foto: Jens Büttner/dpaWeg mit der Flasche: Die Mitglieder der Bramscher „Freundeskreise“ sind alle trockene Alkoholiker und unterstützen sich gegenseitig dabei, weiter die Finger vom Alkohol zu lassen. Foto: Jens Büttner/dpa

Bramsche. Wilfried Bulk hat seit 38 Jahren keinen Tropfen Alkohol angerührt, und dennoch sagt er frei heraus: „Ich bin Alkoholiker. Das ist eine chronische Krankheit“. Dabei geholfen trocken zu bleiben haben ihm seine Familie und ganz besonders die Bramscher „Freundeskreis“- Selbsthilfegruppe, eine von mehreren Gruppen in der Suchtkrankenhilfe.

Seit 1975/76 gibt es die „Freundeskreise“ in Bramsche, zwei Gruppen in Bramsche, eine in Achmer, eine in Engter, dazu noch eine Seniorengruppe, die sich aber nur noch in geschlossener Runde trifft. Bulk und seine Mitstreiterin Petra Hinz aus Engter haben kein Problem damit, in der Öffentlichkeit über ihre Krankheit aufzuklären. Und sie wollen klarstellen: Sie haben sich ganz bewusst entschieden, auf Alkohol zu verzichten. Sie waren ganz unten, und sie haben ihr Leben wieder in den Griff bekommen. lMit Verzicht hat das nichts zu tun, unterstreicht Bulk. Es ist eine Kopfsache. „Ich darf alles. Ich will nur nicht“, bringt er es auf den Punkt. „Ich kann so vieles machen, seit dem ich nicht mehr den ganzen Tag daran denken muss, wann ich wieder trinken kann“. Ganz langsam habe sich die Sucht entwickelt. Petra Hinz aus Engter und Frank *, der Leiter eines weiteren Freundeskreises, nicken. Bei Bulk und Hinz fing es auf der Arbeit an, bei geselligen Runden, nach Feierabend bei Festen. Bei Frank* war es die Diagnose einer schweren chronischen Krankheit, die ihn aus der Bahn warf. „Am Schluss habe ich zwei Flaschen Rum und eine halbe Kiste Bier am Tag getrunken“, erinnert sich Bulk. Seine Frau trank ebenfalls. „Schließlich hatte ich das Jugendamt am Hals, die Kinder sollten in Pflegefamilien. „Wir haben ja gedacht, die bekommen nichts mit. Dabei ist uns gar nicht aufgefallen, dass sie schon seit Jahren aus Scham keine Freunde mehr mit nach Hause brachten.

Bulk entschloss sich zur Therapie, seine Frau zunächst auch, brach sie aber bald ab. Die Einsicht in das Problem fehlte noch. Er selbst ging in die Entgiftung, anschließend ein halbes Jahr zur Reha. Das Paar trennte sich. Dann begann der Kampf um das Sorgerecht für die Kinder. Wilfried Bulk hat Tränen in den Augen, als er sich erinnert: „Nach einer Feier stand meine elfjährige Tochter flehend vor mir: ‚Papa, du trinkst doch nie wieder?“ Wenn es noch eines weiteren Anreizes bedurft hätte...

„Alkohol oder Job“

Petra Hinz hat währenddessen mehrfach zustimmend genickt. „Mich hat man schließlich bei der Arbeit vor die Alternative gestellt: ‚Alkohol oder Job‘“ Sie entschied sich für den Job, ihr Mann hielt zu ihr. Beschämt berichtet sie: „Ich bin ihm so dankbar. Ich habe ihn so oft angelogen“.

Auch für Frank* gehörte der Alkohol früher nicht mehr zum Alltag als bei vielen anderen. Vor zwölf Jahren kam dann die Diagnose: Multiple Sklerose. „Das hat mich komplett aus der Bahn geworfen“, sagt er. Er trank, um die Angst vor der Zukunft zu vergessen, bis nichts mehr ging. Wie bei den beiden Anderen folgte irgendwann die Entgiftung, dann die Reha und vor allem der Entschluss: Nie wieder.

In der Reha legt man ihnen nahe, nach der Entlassung zur Stabilisierung Anschluss an eine Selbsthilfegruppe zu suchen: Das Blaue Kreuz, die Anonymen Alkoholiker, Angebote von Caritas und Diakonie oder eben die „Freundeskreise“, für die sich die drei letztlich entschlossen.

Nicht mehr lügen

„Wir wollen nicht mehr lügen“, wird Frank ganz deutlich. Gelogen haben sie alle, ihre Vorgesetzten, ihre Kollegen, ihre Partner und Familien belogen. Jetzt wollen sie auch nicht mehr lügen, wenn sie aufgefordert werden, mitzutrinken. Sätze wie „Ich muss fahren oder ‚ich nehme gerade Medikamente“ haben sie aus ihrem Fundus gestrichen. Geholfen hat ihnen, dass sie in der Selbsthilfegruppe nicht lügen müssen. Alle Mitglieder wissen, worum es geht. „In der Gruppe kennt jeder den Namen, die Anschrift und die Telefonnummer der anderen“, sagt Bulk. Er weiß, dass andere Selbsthilfegruppen das anders handhaben, dass dort die Teilnehmer anonym bleiben. „Aber bei uns sagt das ja schon der Name. Wir sind Freunde und wir achten aufeinander“. Wenn jemand mehrfach nicht zu den Treffen kommt, dann ruft man schon mal zuhause an und erkundigt sich. Vielleicht gibt es Probleme oder jemand hatte einen Rückfall“, erklärt Hinz.

Man behält sich im Blick und deshalb beginnt auch jeder Gruppenstunde mit einer Art „Blitzlicht“. Jeder berichtet, wie es ihm gerade geht und „wenn jemand persönliche Probleme hat, dann steht das bei der Sitzung auch schon mal im Vordergrund“, sagt Bulk. Schließlich teilen die Freunde viele Erfahrungen. Manchmal reichen schon minimal Reize, um den Suchtdruck zu aktivieren. „Einmal ist nur ein Heißluftballon mit Bierwerbung am Haus vorbeigeflogen. Dann kommen schon mal diese blöden Gedanken“, sagt der Achmeraner Gruppenleiter. Für solche Momente ist der Freundeskreis da, nicht nur für die wöchentlichen Treffen und gemeinsame Freizeitgestaltung. Helga Hinz bringt es auf den Punkt: „Lieber einmal zum Telefon greifen als wieder zur Flasche“. Auch dazu ist sind die Freundeskreise da. Und ganz wichtig: Alle Gespräche sind streng vertraulich.

*Name geändert


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN