Aktion der Ahmadiyya-Gemeinde Junge Muslime informieren auf dem Bramscher Kirchplatz

Von Matthias Benz


Bramsche. Vorurteile und Ängste abbauen, Aufklärung betreiben und einfach ins Gespräch kommen: Das sind die Ziele der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde, die am Freitag mit einem Informationsstand auf dem Bramscher Kirchplatz vertreten war. Beobachtungen einer versuchten Annäherung.

Die Cafétische rund um Bramsches zentralen Innenstadtplatz sind um neun Uhr bereits gut gefüllt, als die jungen Männer der Gemeinde ihren blauen Pavillon vor der St. Martinskirche aufbauen. „Muslime für Frieden, Freiheit, Loyalität“ steht da am Zelt. Sie ziehen neugierige und teilweise auch argwöhnische Blicke auf sich – vielleicht wegen ihrer Hautfarbe, vielleicht wegen des Slogans, der einigen verbreiteten Vorurteilen widerspricht. Vielleicht auch, weil sonst nichts Spannendes passiert.

Die Jugendorganisation der Ahmadiyya-Ortsgruppe, die in Stadt und Landkreis Osnabrück aktiv ist, ist bereits zum dritten Mal in Bramsche präsent. Auf ihren Tischen liegen zahlreiche Broschüren, Hefte und Bücher über den islamischen Glauben, so wie ihn die 1889 gegründete Ahmadiyya-Bewegung lebt: „Wir sind eine Reformgemeinde, die nicht eine neue religiöse Linie einschlägt, sondern sich auf die ursprünglichen Werte des Islams bezieht“, erläutert Gemeindemitglied Walid Khan, der islamische Theologie studiert.

Die Ahmadiyya Muslim Jamaat, wie die Gemeinde vollständig heißt, hat nach eigenen Angaben weit mehr als zehn Millionen Mitglieder in rund 200 Ländern. In Deutschland sollen es 46000 sein. Weil der Reformgedanke in vielen muslimisch geprägten Ländern kritisch gesehen wird, werden die Ahmadis zum Beispiel in Pakistan schlecht behandelt und sogar verfolgt. Entsprechend hoch ist der Anteil der Pakistanstämmigen unter den deutschen Gemeindemitgliedern. Auch die sieben jungen Männer in Bramsche haben pakistanische Wurzeln. Ein paar von ihnen sind erst seit wenigen Monaten in Deutschland und beschränken sich aufgrund der sprachlichen Barriere auf das Verteilen von Flyern.

Nachdem einer von ihnen an den Café-Tischen mit einem Lächeln und einem kurzen „Bittesehr“ Flyer verteilt hat und an den Stand zurückgekehrt ist, wird der Islam zwangsläufig zum Gesprächsthema unter den Gsten. Ein Jugendlicher sagt zu seiner Mutter, er finde es „cool, dass die sich so präsentieren“. An einem anderen Tisch vertieft sich eine ältere Dame sofort in das Faltblatt. „Wir sind alle Deutschland“, steht auf dem Cover; ein Muslim solle sich „loyal dem Land gegenüber verhalten, unter dessen schützendem Schatten er in Frieden lebt“, ist im inneren zu lesen.

„Loyal gegenüber Erdogan wohl eher“, raunt ein älterer Herr spöttisch nach einem Blick in die Broschüre. „Solange wir denen die Sozialhilfe zahlen, fühlen die sich hier ja auch wohl“, meint daraufhin eine Tischnachbarin, die auf eine Lektüre verzichtet. Auch aus anderen Ecken hört man leise abfälliges Geflüster. Diskussionen entstehen an den Tischen aber nicht, das Thema ist schnell abgehakt. Stehen die Meinungen etwa schon längst fest?

Tatsächlich sind an diesem Vormittag nicht nur Skepsis und Ablehnung, sondern auch Zuspruch und offenes Interesse zu beobachten. Den meisten Bramschern scheint das Thema aber eher egal zu sein. Ein kurzer Blick, dann verschwindet der Flyer in der Tasche oder im nächsten Mülleimer; die meisten winken schon vorher ab. Die Bramscher wahren die Distanz.

Die wenigen, die auf den Ahmadiyya-Stand zugehen, bleiben aber gleich lange im Gespräch. „Die Leute sind theologisch interessiert, die lesen sich unsere Sachen durch und stellen Fragen“, freut sich Walid Khan. Während die Resonanz für Beobachter sehr gering erscheint, freuen sich die Gemeindemitglieder über das Interesse. Das liegt auch an den negativen Erfahrungen andernorts: „In Osnabrück ist es katastrophal“, gibt Khan zu. „Da wird gehetzt, wir werden angepöbelt und bespuckt.“ Auch wenn hier in Bramsche selbst am Markttag weniger Leute unterwegs seien, lohne sich der Stand sehr.

„Wir wollen in erster Linie Vorurteile und Ängste abbauen, mit den Menschen ins Gespräch kommen. Ein kleiner Teil des Islams verursacht schlimme Dinge. Wir wollen klarstellen, dass das eine Minderheit ist.“ 99,9 Prozent der Muslime seien gegen die radikalen Vertreter der Religion, behauptet Walid Khan. Für ihn ist das Zugehörigkeitsgefühl zu Deutschland ein wesentlicher Teil der Integration. „Wir wollen ein Teil der Gemeinschaft sein und keine Parallelgesellschaft bilden.“

„Die Leute möchten wissen, warum wir hier sind und was wir mit unserem Stand erreichen wollen“, berichtet Atta Ur Rehman von den Gesprächen mit Bramschern. Der junge Mann lebt erst seit drei Jahren in Deutschland, doch seine sprachlichen Fähigkeiten sind inzwischen so gut, dass er auf dem Kirchspiel lange Unterhaltungen über die theologischen Grundgedanken seiner Gemeinde führt, auch komplexe Fragen souverän beantwortet und Aufklärung betreibt. In der Ortsgruppe ist er für den interreligiösen Dialog zuständig.

Ein heikles Thema sei der Umgang mit Frauen im Islam, denn dass einige Muslime ihre Frauen unterdrücken, wissen auch sie. „Bei uns sind die Frauen aber völlig frei, niemand wird zu etwas gezwungen“, sagt Walid Khan. Die Ahmadiyya-Gemeinde berufe sich auf die Ursprünge des Islams, schließlich sei der Prophet Mohamed ein „Befreier der Frauen“ gewesen. Ihre Lebensumstände hätten sich zu seiner Zeit klar verbessert.

Das Kopftuch sorge immer wieder für lange Diskussionen. „Ich finde aber, dass das oberflächliche Aussehen mit der Integration nichts zu tun hat. Ich kann meine Hautfarbe ja auch nicht ändern“, meint Walid Khan.


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