Serie: Leben im Denkmal Rund um die Uhr viel Leben im Bramscher Bahnhof

Von Ilona Uphaus


Bramsche. Traum und Lebensziel für die einen, teurer Horror für die anderen: Am Leben in einem denkmalgeschützten Haus scheiden sich die Geister. Was macht den Reiz alter Häuser aus? In der Serie „Leben im Denkmal“ wollen wir uns mit dieser Frage beschäftigen. Heute besuchen wir den Bramscher Bahnhof.

Lange Jahre stand der Bramscher Bahnhof leer, bis die Deutsche Bahn sich zum Verkauf entschloss. Heute ist sehr viel Leben in das architektonische Schmuckstück eingezogen und das sogar rund um die Uhr.

Die Immobiliengesellschaft Bosche/Oesting GbR aus Neuenkirchen-Vörden gab 2012 ein Gebot für das Bahnhofsgebäude ab. Nach einem ganzen Jahr mit Verhandlungen erwarb die Firma die Eigentumsrechte. Wir treffen uns mit Rainer Oesting, der uns durch sämtliche Räume des alten Gemäuers aus dem späten 19. Jahrhundert führt.

Bis im Mai 2016 die HpH in den größten Teil der Räumlichkeiten einzo g, mussten umfangreiche Umbauarbeiten vorgenommen werden. Strom- und Wasserleitungen wurden neu verlegt, eine neue Heizungsanlage eingebaut, Wärmedämmung angebracht. Das alles habe „sehr viel Abstimmungsarbeit mit dem Denkmalschutz“ bedeutet, erklärt der Neuenkirchener.

Kunstwerkstatt

Vier uralte Tresore sind das Einzige, was vom Inventar noch erhalten blieb. Sie dienen lediglich als Schränke für zum Beispiel Malutensilien, denn die HpH-Schützlinge sind sehr aktiv in der Kunstwerkstatt, die sich in den Räumen links vom Haupteingang befindet. In der ehemaligen Bahnhofsgaststätte rechts entstanden Sozialräume und ein geräumiger neuer Sanitärbereich. Das Parkett und die dunkle Holzvertäfelung an den Wänden unter den Fenstern versprühen nur noch einen Hauch vom Charme der alten Kneipe. Hier nehmen die HpH-Schützlinge gerade mal mehr mal weniger lautstark ihr Frühstück ein, was den Pflegedienstleiter Hardy Westerhaus und seine Kollegen jedoch nicht aus der Ruhe bringt.

Kreative Arbeiten

Auf der Bahnhofsseite betreibt die HpH eine Küche mit Kiosk. Zusammen mit Annette Küthe packen Erika Hexel, Andrea Göttker und Margot Lorenz gerade eine große Lieferung selbst gebackener Kekse aus. Bahnreisende können sich hier bei einer guten Angebotspalette verpflegen. Regelmäßig finden übrigens in der Bahnhofshalle, die mit einer wunderschön verzierten Holzdecke aufwartet, Veranstaltungen auch für die Öffentlichkeit statt. Fleißig gearbeitet wird auch im oberen Stockwerk. Kunstvolle Dekorationsartikel entstehen hier, zum Teil aus Altholz, was gerade sehr angesagt sei, erklärt Slawa Urbach. Der HpH-Mitarbeiter arbeitet im hellen Mansardenzimmer an einer Auftragsarbeit: ein großer Stammbaum mit auf Holz übertragenen Fotos. Er zeigt uns die Vitrine mit zahlreichen kreativen Ideen. Individuelle Kaffee- und Teeverpackungen, Glückwunschkarten, Bilder aus Papier, Holz oder mit Fadentechnik, manchmal auch in Kombination und vieles mehr wird im Bahnhof gefertigt und über die Sinn- und Spiel-Läden sowie den Eine-Welt-Laden Neue Erde vertrieben. In Kooperation mit der Firma Duni werden außerdem aktuell Tischsets gezählt und verpackt. Das Türschild des Büros der Einrichtungsleitung lautet auf „Lokführer“ und der Besprechungsraum ist „Gleis 1“.

Brandschutz Riesenthema

Über eine schmale Bodentreppe geht es ins Dachgeschoss. Die alten Dachpfannen waren bereits mit Zement verschmiert, um sie sturmsicher zu machen. Zum Glück sei der Dachstuhl auch stabil und intakt gewesen, berichtet Rainer Oesting. Lediglich Feuerschutztüren mussten eingesetzt werden, denn „Brandschutz war ein Riesenthema“. Das gedrechselte Geländer des hölzernen Treppenhauses konnte mit neuer Farbe versehen erhalten bleiben, bekam aber an der Brüstung im ersten Stock eine Erhöhung aufgesetzt – aus Sicherheitsgründen. Eine „besondere Herausforderung“ sei auch der Einbau des Fahrstuhls gewesen, erfahren wir, bevor Rainer Oesting den Technikraum mit zahlreichen Schaltkästen und Stromleitungen präsentiert.

Fotografieren verboten

Wir betreten durch die Hintertür den Bahnsteig und klopfen an der Tür des Anbaus an, dessen große Rundumfenster für Außenstehende keinen Durchblick zulassen. Hier öffnet uns der Fahrdienstleiter, der das Stellwerk betreut und für die gesamten Bahnstrecken von Osnabrück bis Delmenhorst sowie Osnabrück bis Bersenbrück zuständig ist. Überall blinken Lämpchen und Videokameras übermitteln Bilder von Bahnübergängen. Dazu kann der Fahrdienstleiter das Geschehen auf dem gesamten Bahnsteig wunderbar beobachten, ohne selber gesehen zu werden. Wir dürfen die komplizierte Technik des Stellwerks nur ansehen. Fotografieren dürfen wir die alten Blechschilder, die an der Wand im Sozialraum nostalgisches Flair verbreiten. Tatsächlich ist dieses Stellwerk sieben Tage in der Woche rund um die Uhr besetzt, erklärt uns der Bahnmitarbeiter. Das habe zuletzt ein Spitzbube überrascht feststellen müssen, als er nachts die Tür aufbrechen wollte.

Randalierer eingesperrt

Wo in früheren Zeiten Randalierer eingesperrt wurden, zeigt uns Rainer Oesting als nächstes. Außen am Gebäude führt eine Kellertreppe zu einem Raum mit Eisentür und Türspion. Ein Relikt aus alter Zeit, ebenso wie die verrosteten Bahnschilder, die vereinzelt im Kriechkeller zu finden sind. In diesem Teil des Kellers finden wir Wasserpfützen. Ein paar Probleme mit dem Grundwasser gebe es hin und wieder, erfahren wir.

Die HpH Bersenbrück bringt täglich viel Leben in die Räume.

Wir umrunden das Bahnhofsgebäude und stehen vor einer braunen Holztür, links neben dem Haupteingang. Hier habe die Bahn Büroräume für bis zu drei Mitarbeiter, Lager, Werkstatt und Sozialräume erfahren wir. Rainer Oesting weist auf die Schönheit des gesamten Gebäudes hin. So findet sich die gleiche Spitzform in den Fenstermustern und dem Klinkermauerwerk. Fast schon sakral mutet das stattliche Bauwerk an. Wo die meisten Passanten scheinbar achtlos vorbeigehen, steht tatsächlich ein architektonisches Meisterwerk, in das jetzt glücklicherweise wieder ganz viel Leben eingekehrt ist.


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