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Patienten berichten Suchtmedizin neu im Bramscher Krankenhaus

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Bramsche. 9,5 Millionen Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol in riskanter Weise, die Zahl der Medikamentenabhängi- gen wird auf mindestens 1,4 Millionen geschätzt, hat das Bundesministerium für Gesundheit ermittelt. Die Bramscher Niels-Stensen-Klinik widmet sich der Behandlung von Abhängigkeit neuerdings mit einem suchtmedizinischen Angebot.

Zu Gast auf der Station 1A: Zwei Patienten berichten von ihrem Bemühen, sich von der Sucht zu befreien. Diesmal soll es klappen. Der Entschluss ist gefasst. Er will keinen Alkohol mehr trinken. Dass er das nicht alleine schaffen kann, ist Jens M. (Name von der Redaktion geändert) völlig klar.

Zu lang ist seine Drogenkarriere schon und damit auch die Liste der Versuche, sie zu beenden. Mit 12 Jahren rauchte der heute knapp 50-Jährige seinen ersten Joint, bald kam Alkoholmissbrauch dazu. Trockene Jahre gab es dazwischen immer wieder. Ansehnliche zeitliche Strecken waren das, die er genau zu benennen weiß. Von 1989 bis 1996 war so eine Zeit, in der er keinen Tropfen trank.

Dann kam der Rückfall. Einer jener Rückfälle, die sich „so langsam aufbauen“, wo ein „Bausteinchen“ zum nächsten kommt und der Griff zur Flasche geradezu vorprogrammiert zu sein scheint. Beim letzten Rückfall war es genauso, als er „eine Flasche Jägermeister leergeknüppelt hat“ und danach beschloss, dass es „so nicht weitergehen“ könne. Jens M. kennt sich, wie er sagt. Der Jägermeister wäre kein einmaliger Ausrutscher geblieben. Ganz sicher hätte er weiter die Kontrolle verloren, weiß er aus Erfahrung.

„Ich habe schon schlimmer gesoffen“, blickt er auf Zeiten zurück, in denen er drei bis vier Flaschen Wodka am Tag trank. So weit sollte es nicht wieder kommen. Im Unterschied zu früher hat Jens M. heute die Kraft, sich einzugestehen, dass „er mit diesem Zeug einfach nicht umgehen kann“. Er will raus aus der Abhängigkeit. Nach dem letzten Rückfall lässt er noch einen Tag vergehen und geht dann auf Anraten seines Arztes ins Bramscher Krankenhaus – „ziemlich nüchtern“, wie er rückblickend sagt. „Das hat hier einfach von Anfang an gepasst“, sagt er heute, zwei trockene Wochen später. „Ich bin guter Dinge und habe Kraft geschöpft zum Durchstarten.“ Pläne für die Zeit danach hat er auch schon. „Es ist wichtig, dass man sich einer Gruppe anschließt“, sagt er.

Und: „Ich werde hier ab und an reinschneien.“ Auf dem Krankenhausflur wird Jens M. dann auf etwas Bekanntes stoßen: auf sein Bild, das er im Zuge fortschreitender Erholung in der Ergotherapie erstellte. Dort fand er mit dem Zeichnen zu seiner alten Leidenschaft zurück, der er in früherer Zeit schon als Pflastermaler in Frankreich nachgegangen ist. Eine weitere Woche auf der Station 1A soll die Chance erhöhen, dass sich die Vergangenheit nur mit solch positiven Fähigkeiten zurückmeldet.

Auf eine lange Sucht-Vergangenheit blickt auch Regina N. (Name von der Redaktion geändert) zurück. Seit 20 Jahren kämpft die heute 38-Jährige mit Magersucht, später kam der Alkohol dazu. Drei bis vier Flaschen Wein und Kräuterlikör waren an der Tagesordnung, die diese Bezeichnung nicht mehr verdiente.

Ihr Leben, auch durch Probleme in der ersten Partnerschaft gezeichnet, geriet aus den Fugen. Einer ersten Entgiftung vor über zehn Jahren folgten fünf trockene Jahre bis zum Tod der Schwester. Dann begann der Teufelskreis erneut.

„So geht es nicht weiter“, erkannte Regina N. jetzt und ging zur Bramscher Suchtberatung. Dort riet man ihr, es mit dem Entzug auf der neuen Station des Krankenhauses zu versuchen. Ihre Angehörigen bestätigten sie darin und begleiteten sie ins Krankenhaus. Dass sie sie auf der neuen Station besuchen dürfen, ist ihr sehr wichtig. Auch dass ihre Lieben schon in die Beratung einbezogen wurden. Schließlich soll es nach der Entlassung zu Hause ja weitergehen – auf jeden Fall anders als zuvor.

Dafür will sich auch Regina N. eine Selbsthilfegruppe suchen, denn diesmal soll es wirklich klappen. Dass das nicht leicht wird, weiß die 38-Jährige. „Ich habe viel vor mir, dies hier ist der Anfang, den ich gemacht habe“, sagt sie. Ein geregelter Tagesablauf gehört dabei zu ihren ersten Zielen. Vom Trinken und Schlafen sollen ihre Tage jedenfalls nicht mehr länger bestimmt sein.

Neben den Ärzten und Suchttherapeuten fand Regina N. auch in ihrem Mitpatienten Jens M. einen willkommenen Gesprächspartner. „Ein normaler Mensch kann sich das nicht vorstellen“, sagt sie über den Moment des Drucks, der sie so oft zur Flasche hat greifen lassen. Viel hätten sie in der vergangenen Woche übereinander erfahren, blicken die beiden in der Wohnzimmer-Atmosphäre des Aufenthaltsraums zurück. „Wir sind hier Zimmer an Zimmer eingezogen“, sagt Regina N. und zaubert Chefärztin Martha Niemöller damit ein Lächeln ins Gesicht. Patienten, die ins Krankenhaus „einziehen“, passen gut zur Philosophie der Station 1A.

Vielleicht mal einen Urlaub zu machen oder aber auch nur ungetrübt den Sommer und die Sonne zu genießen, wünscht sich Regina N. für die Zeit nach der Sucht. „Ich kann jedem nur raten, diese Chance zu nutzen“, sagt sie. „Hinfallen kann jeder, nur das Aufstehen sollte man nicht vergessen“, will auch Jens M. anderen Mut machen.

Beide sind sich einig: Sie haben einen wichtigen Schritt und damit den Anfang gemacht. Und diesmal soll es wirklich klappen.

Zur Sache: Das neue Angebot der Bramscher Niels-Stensen-KlinikDie Niels-Stensen-Kliniken Bramsche haben ein neues Angebot für Alkohol- und Medikamentenabhängige eingeführt. Unter Leitung von Chefärztin Martha Niemöller werden Menschen, die unter einer Abhängigkeitserkrankung leiden, individuell behandelt. „Die Akutentgiftung soll die Patienten zur Abstinenz führen“, sagt die Chefärztin: „Aus diesem Grund wird die rein körperliche Behandlung durch psychosoziale Therapieangebote ergänzt.“

Schon während der körperlichen Entgiftung können die Patienten am sogenannten qualifizierten Entzug teilnehmen. Dieser kann bis zu drei Wochen dauern.„Wir nehmen Patienten mit einem Wunsch zur Veränderung auf“, erläutert Niemöller: Sie beginne mit einer umfassenden Diagnostik. Dabei würden somatische, soziale, psychische und spirituelle Aspekte beleuchtet. Anschließend gehe es um die Ursachen für die Entstehung der Abhängigkeit. Dazu werden nach den Worten der Chefärztin die persönliche Lebensgeschichte und das soziale Umfeld des Patienten betrachtet. Im Weiteren werde dann die Bereitschaft der Patienten, sich zu ändern, aufgegriffen und gemeinsam mit ihnen die nötige Motivation dazu aufgebaut. Dabei werden die Betroffenen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus von ambulanten oder stationären Einrichtungen weiter unterstützt. Dies geschehe, um Rückfälle zu vermeiden, sagt Niemöller.

Die Therapie in den Niels-Stensen-Kliniken Bramsche umfasst neben körperbezogenen Maßnahmen wie Physiotherapie, Ergotherapie, Entspannungsübungen, Akupunktur und freizeitpädagogische Einheiten auch Einzel- und Gruppengespräche.Geplant ist, die alte Rettungswache am Krankenhaus für Freizeit- und Werktherapie zu nutzen. Auch die Ernährungslehre mit individueller Beratung spielt eine Rolle. Für das neue suchtmedizinische Angebot wurde die Station 1A eigens frisch renoviert. Das Ergebnis erinnert weniger an ein Krankenhaus, sondern überrascht mit seinem wohnlichen Charakter. Komplettiert wird das Programm durch externe Mitarbeiter aus den Bereichen Selbsthilfe, stationäre Entwöhnung und aus Beratungsstellen, die auf der Station 1 A einzelne Gruppenstunden gestalten und individuelle Beratungsgespräche führen.

Hier gehe es darum, einen nahtlosen Übergang zu der Zeit nach der Entlassung zu schaffen. Zum Kernteam zählen neben Chefärztin Martha Niemöller Oberarzt Dr. Karsten Jäger und die Suchttherapeuten Ellen Ahrens und Max Guse. Auch für Angehörige, von Betroffenen gibt es ein Angebot. Die oft nicht gesehenen und gehörten Menschen hinter dem Abhängigen können sich in einem Abendseminar über die Erkrankung informieren und lernen, wie sie Hilfestellung geben können. Der Infoabend findet alle sechs Wochen statt. Wer etwas zu den Behandlungsmöglichkeiten erfahren möchte, findet unter Tel. 805-613 und - 612 kompetente Ansprechpartner.


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