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BN-Serie zum Doppel-Abitur: Wie erleben Eltern die Verkürzung der Schulzeit Doppelabi in Bramsche: Stress pur oder ein gewonnenes Jahr?

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Eine engagierte Elternrunde: vorne v. l. Renate Wahrmund, Gudrun Jahnke, Paula Blake-Rath, hinten: Imke Märkl, Gisela Baumfalk und Anja Möllenkotte. Foto: Hildegard Wekenborg-PlackeEine engagierte Elternrunde: vorne v. l. Renate Wahrmund, Gudrun Jahnke, Paula Blake-Rath, hinten: Imke Märkl, Gisela Baumfalk und Anja Möllenkotte. Foto: Hildegard Wekenborg-Placke

Bramsche. Stress pur oder eher ein gewonnenes Jahr Lebenszeit? Erstmals machen in diesem Jahr junge Bramscher nach zwölf Jahren Abitur. Es war nicht immer einfach – auch für die Eltern nicht. In unserer BN-Serie berichten sechs Mütter über ihre Erfahrungen mit G 8, dem Gymnasium in acht Jahren.

Mit 120 Schülern ist der Jahrgang seinerzeit gestartet, nur etwa 40 stellen sich jetzt den Prüfungen. Der Rest hat aufgegeben, konnte nicht mithalten, hat die Schule gewechselt, zur Integrierten Gesamtschule nach Fürstenau, zu Fachgymnasien oder Fachoberschulen. Die Söhne und Töchter von Renate Wahrmund, Imke Märkl, Gisela Baumfalk, Anja Möllenkotte, Gudrun Jahnke und Paula Blake-Rath gehören zu den 40 „Überlebenden“. Gudrun Jahnke zieht für sich persönlich Bilanz: „Ich würde meine Tochter auf alle Fälle zur Realschule geben.“

Wer jetzt für die Klausuren büffelt, hat eine Menge hinter sich – Chaos nennen es die einen, Kinderkrankheiten die anderen. Fest steht, dass die Schulen sich die Lehrinhalte, abgesehen von gewissen Rahmenvorgaben, selbst erarbeiten mussten. Renate Wahrmund hat zwei Abiturientinnen-Töchter, und sie hat mit dem „Entschlacken“ der Lehrpläne ihre eigenen Erfahrungen gemacht. Besonders in den Naturwissenschaften fehlten der Jüngeren Kenntnisse, die in den Kursen der Oberstufe einfach vorausgesetzt wurden. Formeln waren dem Rotstift zum Opfer gefallen, Versuche wurde nicht durchgeführt. Im Hause Wahrmund war das Problem noch auf dem geschwisterlichen kurzen Dienstweg zu lösen. Da fragte Henrike einfach mal ihre große Schwester Leonie um Rat.

Bei anderen gab es mehr Probleme. Die Noten stürzten beim Wechsel von der Mittel- in die Oberstufe in den Keller, beobachteten Anja Möllenkotte und Paula Blake-Rath nicht nur bei ihren eigenen Kindern. Eigentlich hätten viele der Jüngeren Förderunterricht gebraucht, meint Renate Wahrmund. Stattdessen wurde zu Hause gebüffelt, teilweise so viel, dass Anja Möllenkotte über Weihnachten einfach ein paar Tage „lernfrei“ verordnete. Zu den Wissenslücken kamen die großen Altersunterschiede in den Kursen. 16-Jährige saßen hier neben 19-Jährigen. Viele trauten sich nicht zu fragen, wenn sie dem Stoff nicht folgen konnten, berichtet Möllenkotte aus Gesprächen mit ihrer Tochter und deren Freunden. Und wo ihre Tochter vielleicht zu schüchtern war, um den Finger zu heben, hatte manch junger Mann ein anderes Problem: „Ich bin doch kein Schleimer“, hieß es einmal im Hause Jahnke. „Ich war schon versucht, Druck auszuüben“, berichtet Gudrun Jahnke. „Aber dann hat mein Sohn sich gewehrt.“ Er habe doch auch noch Hobbys, habe ihr Sohn gesagt, berichtet sie. Imke Märkl stimmt zu: Die Kinder brauchen ihre außerschulischen Termine. Sie brauchen die Musik, das Rudern, den Fußball, die Leichtathletik oder den Ballettunterricht als Ausgleich zum Lernen.

Sohn und Tochter haben sich die Freiheiten genommen, um den Kopf wieder freizubekommen. Anja Möllenkotte hat im Bekanntenkreis auch andere Fälle erlebt. Alle Hobbys aufgegeben, und dann hat es doch nicht gereicht. Bis zur achten Klasse waren schon so viele „aussortiert“ (Jahnke), dass Klassen zusammengelegt werden mussten. Ihre Tochter habe in dieser Zeit viele Freundinnen verloren, erinnert sich Anja Möllenkotte. „Ich hatte acht weinende Mädchen im Wohnzimmer sitzen, und ich weiß nicht, ob Kinder so etwas in dem Alter schon erleben müssen?“ Den Lehrern und der Schulleitung macht die Runde dabei gar keinen Vorwurf. Die Schulen seien auch vor vollendete Tatsachen gestellt worden, gibt Paula Blake-Rath zu bedenken. Gisela Baumfalk möchte das Thema trotz der hohen Quote von Schülern, die das Ziel in Bramsche nicht erreicht haben, in einem größeren Zusammenhang stellen. Die Vorbereitung auf politischer Ebene sei mangelhaft gewesen. Im Bildungsbereich müsse endlich langfristiger und länderübergreifend geplant werden, und die Schulen müssten endlich wieder Zeit bekommen, sich ihrer eigentlichen Aufgabe, der Arbeit mit jungen Menschen, zu widmen. „Erst nachdenken, dann handeln“, schreibt sie den Politikern ins Stammbuch. Fernab politischer Forderungen haben etliche Abiturienten derweil ihre eigenen Konsequenzen gezogen. Baumfalk junior macht ein freiwilliges soziales Jahr, Anja Möllenkottes Tochter zieht es nach Neuseeland, Paula Blake-Raths Tochter begibt sich gar auf Weltreise. Die internationale Verwandtschaft macht es möglich. Sie alle haben einen Wunsch: „Endlich eine Pause vom Lernen.“


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