Aggressive Falschparker und Blumen im Büro Bramscher Politesse verrät, wie man mehr kostenlose Parkzeit herausholt

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Wer Glück hat, erhält von Annette Giesler nur eine Verwarnung fürs Falschparken. Die Verwaltungsvollzugsbeamtin, umgangssprachlich Politesse genannt, ist für die Überwachung des ruhenden Verkehrs in Bramsche zuständig. Zum Tag des öffentlichen Dienstes erzählt sie uns über ihren Job. Foto: Eva VoßWer Glück hat, erhält von Annette Giesler nur eine Verwarnung fürs Falschparken. Die Verwaltungsvollzugsbeamtin, umgangssprachlich Politesse genannt, ist für die Überwachung des ruhenden Verkehrs in Bramsche zuständig. Zum Tag des öffentlichen Dienstes erzählt sie uns über ihren Job. Foto: Eva Voß

Bramsche. Am Tag des öffentlichen Dienstes erzählt uns eine Bramscher Politesse, warum sie ihren Job liebt und wie man die Parkscheibe richtig einstellt.

Der 23. Juni ist der Tag des öffentlichen Dienstes. Er soll ein Bewusstsein dafür schaffen, was alles ohne den öffentlichen Dienst nicht funktionieren würde. Ausgerufen haben ihn die Vereinten Nationen 2003.

Kaffee trinken bis zum Abwinken im klimatisierten Büro und pünktlich Feierabend - diesem Klischee sehen sich Angestellte im öffentlichen Dienst häufig ausgesetzt. Dass es auch ganz anders sein kann, zeigt das Beispiel von Annette Giesler. Sie ist Politesse und angestellt bei der Stadt Bramsche. "Die Bezeichnung Politesse ist allerdings nicht richtig", stellt sie klar. "Offiziell bin ich Verwaltungsvollzugsbeamtin." Sie und eine weitere Kollegin sind für die Überwachung des ruhenden Verkehrs in der Tuchmacherstadt zuständig - soll heißen: Sie verteilen Knöllchen an Falschparker. 

Viele Erwischte sind verständnisvoll

Doch muss man für diesen Job nicht besonders leidensfähig sein? "Ich finde meinen Beruf ganz toll", sagt die 55-Jährige und lächelt. "Natürlich werden wir auch angemotzt. Wenn ich den Autofahrern aber erkläre, warum sie einen Strafzettel bekommen haben, sind die meisten verständnisvoll und ärgern sich eher über sich selbst." Ohnehin glaubt Giesler, dass die meisten Autofahrer eher aus Schusseligkeit denn mit voller Absicht ihren Wagen falsch abstellen. 
An ihrem Beruf liebt die Eperin vor allem die Abwechslung: Sie komme häufig mit verschiedenen Menschen ins Gespräch, die bei weitem nicht alle unfreundlich seien. "Wartet zum Beispiel ein Senior vor der Arztpraxis im Auto auf seine Frau, freuen sich manche richtig, wenn ich ein paar Minuten Zeit zum Reden habe", sagt Giesler. Gefragt nach einer besonders positiven Erfahrung in ihrem Berufsleben, erinnert sich die 55-Jährige an eine Frau, die ihr einen Blumenstrauß ins Büro gebracht hat. "Ich hatte sie daran erinnert, die Parkscheibe auf das Armaturenbrett zu legen." 

Keine Provision für ausgestellte Knöllchen


Lachen muss Annette Giesler immer wieder, wenn sie selbst Zettel hinter der Windschutzscheibe von Autos findet. "Einmal schrieb jemand, dass er ein neues Auto und deshalb noch keine Parkscheibe hat. Weil auf dem Zettel auch die Ankunftszeit vermerkt war, habe ich ein Auge zugedrückt." 
Giesler sagt, sie und ihre Kollegin seien recht kulant und würden Falschparker auf ihren Fehler hinweisen, sofern er in der Nähe ist, bevor sie einen Strafzettel ausstellten. Außerdem betont sie, dass sie keine Provision für ausgestellte Knöllchen erhalten. "Wir legen uns auch nicht auf die Lauer und warten, dass jemand die Parkscheibe vergessen hat, damit wir ihn aufschreiben können." Im Gegenteil: Annette Giesler gibt noch einen Tipp, wie man mehr Zeit aus der erlaubten Parkzeit herausholen kann. "Autofahrer können die Parkscheibe auf die nächste angefangene halb Stunde vorstellen", sagt sie. Ist es also 14.02 Uhr, dürfe die Parkscheibe auf die Ankunftszeit 14.30 Uhr vorgestellt werden. So könnten Autofahrer auf vielen Parkplätzen in Bramsche fast zweieinhalb statt nur zwei Stunden kostenlos parken. Darüber hinaus gebe es auch in der Innenstadt viele Parkplätze, die sie gar nicht kontrollieren müsse, weil sie ohne Zeitbegrenzung kostenlos seien.

Einmal Anzeige erstattet


Zur ihrer Arbeit gehört aber nicht nur die Route durch die Stadt, sondern auch Bürotätigkeiten. So schreiben sie und ihre Kollegin auch die Erinnerungen an säumige Zahler. Diese Abwechslung hatte sie in ihrem früheren Berufsleben nicht. Bevor Annette Giesler vor zehn Jahren ihre Tätigkeit bei der Stadt Bramsche angefangen hat, arbeitete sie 25 Jahre beim Karosseriebauunternehmen Karmann, das 2009 Insolvenz anmelden musste.
"Ich habe in den zehn Jahren nur einmal richtig Angst bekommen", erzählt Annette Giesler auch von der Schattenseite ihres Berufs. "Da ist ein Autofahrer mit quietschenden Reifen hinter mir her gefahren. Ich bin dann schnell in einen Laden geflüchtet und die Besitzerin hat mich durch den Hintereingang des Gebäudes und ihren Garten geschleust, sodass ich wieder ins Rathaus zurück kam", erzählt Annette Giesler nachdenklich. Diesen Fall hätte sie auch zur Anzeige gebracht, weil aber nichts passiert sei, seien die Ermittlungen eingestellt worden. Regelmäßig besuchen sie und ihre Kollegin Fortbildungen, auch damit sie in brenzligen Situationen angemessen reagieren können.
Inzwischen gehört Annette Giesler für viele Bramscher zum Stadtbild. Häufig werde sie bei ihrer Tour durch die Stadt von Fremden gegrüßt. Demnächst werden es vermutlich noch mehr. An die Rente denkt die Eperin allerdings noch nicht: "So lange meine Füße gesund sind, mache ich weiter", sagt sie und lacht.


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