Treffen der linken Szene Degenhardt in Bramsche: Konzert wie Klassentreffen

Von Andreas Wenk

Meine Nachrichten

Um das Thema Bramsche Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Kai Degenhardt bei seinem Gastspiel im Universum. Foto: Andreas WenkKai Degenhardt bei seinem Gastspiel im Universum. Foto: Andreas Wenk

awen Bramsche. Auf die Schmuddelkinder musste das Publikum verzichten. Die waren mit einer Eingangsbemerkung abgehakt und wer gehofft hatte, sie würden als Zugabe noch einmal zu Ehren kommen, konnte seine nostalgischen Gefühle nur aus anderen Quellen schöpfen. Aber davon gab es reichlich beim Konzert von Kai Degenhardt im Bramscher Universum.

Uli Holstein war klar, dass er seinem Stammpublikum mit Degenhardt etwas zumuten würde. „Die waren alles andere als begeistert“, weiß der Kinomitarbeiter und Programmplaner zu berichten. So traf sich unter den rund 100 Zuhörern am Mittwochabend überwiegend die linke Szene aus Stadt und Landkreis. Die Hälfte davon aber kannte Holstein selbst nicht.

Klassentreffen

So hatte die Veranstaltung ein wenig den Charakter eines längst überfälligen Klassentreffens mit Darbietungen der aktuellen Schülerschaft. Doch Kai Degenhardt, Sohn der 68-Ikone Franz-Josef ist mehr als ein Schüler seines Vaters oder Bewahrer der Asche. In ihm brennt das Feuer weiter. Stimme, Duktus, Musik, alles mit hohem Wiedererkennungseffekt. Jahrelang hat er gemeinsam mit Franz-Josef Degenhardt Lieder arrangiert und schließlich fiel der Apfel nicht weit vom Stamm. Einzig die Inbrunst, die tiefe Verachtung der Spießer klingt beim Sohn etwas weniger aufgeregt, eher selbstkritisch und kritisch gegenüber dem wohligen Gefühl so vieler Alt-68er, die es sich angesichts des Niedergangs der Welt bei Pay-TV-Fußball auf dem Sofa bequem machen und selbstgefällig weiter davon überzeugt sind, immer auf der richtigen Seite zu stehen, zumindest moralisch.

Blick in den Spiegel

Ihnen hält Degenhardt mit eigenen und Liedern seines Vaters den Spiegel vor. Nein irgendwann haben sie die, die sie meinten, nicht mehr erreicht. Und verändert habe sich auch wenig und überhaupt seien viele Texte aus dem Familienfundus, wie er die Lieder seines Vaters nennt, heute erschreckend aktuell.

In bester Tradition präsentiert Kai Degenhardt einen Mix aus alten und neuen, eigenen Titeln. Mit wenigen Ausnahmen ohne musikalische Experimente. Ein Ausflug in die Welt der Technik mittels Loop-Recorder, den er dem Trend zu neuhochdeutschen Anglizismen zum Trotz weiter als sein Echo-Gerät bezeichnet, verlangt ihm anfänglich sichtlich Konzentration ab, offenbart aber zugleich die musikalisch leidenschaftliche Seite des Künstlers.

Artiges Klatschen

„Sehr aufmerksam“ nennt er den Beifall des Publikums, das sichtlich angetan ist, aber nicht unbedingt frenetisch applaudiert. Routiniert verlässt er die Bühne und kehrt zweimal zurück. Kein Gejohle, aber artiges Klatschen. Mit den Jahren und dem Gang durch die Institutionen haben sich womöglich Habitus und Perspektive verschoben. Auch wenn 68 und danach nicht immer alles schön war, für die Besucher schien Degenhardt im Universum sowohl das Wunschziel ihrer Klassenreise in originalgetreuem Ambiente als auch Sehnsüchte und Stimmungslage getroffen zu haben. Anders als früher herrschte danach offenbar kaum Diskussionsbedarf, nach wenigen Minuten war der Saal bis auf eine Handvoll Unentwegter leer. Der Rest träumte, ein jeder „Auf anderen Routen“ - so auch der Titel der neuen CD - den heimischen vier Wänden entgegen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN