Vortrag in Evinghausen Henning Köhler fordert Schule als „sozialen Wärmeort“

Von Holger Schulze

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Henning Köhler stellte am Freitagabend den Bewertungsrahmen für Kinder gründlich in Frage und warb für einen sozialen Wärmeort Schule, in der Zukunftsvertrauen und die Entwicklung von Visionen wichtiger sind, als gute Noten. Foto: Holger SchulzeHenning Köhler stellte am Freitagabend den Bewertungsrahmen für Kinder gründlich in Frage und warb für einen sozialen Wärmeort Schule, in der Zukunftsvertrauen und die Entwicklung von Visionen wichtiger sind, als gute Noten. Foto: Holger Schulze

Bramsche/ Evinghausen . „Aus dem Rahmen gefallen? Kindern, die uns herausfordern, heilend begegnen“, mit diesem Vortragstitel war einer der profiliertesten Vertreter anthroposophischer Pädagogik in der Waldorfschule Evinghausen zu Gast. Henning Köhler, Heilpädagoge, Kinder- und Jugendtherapeut, Autor zahlreicher Bücher und Leiter des Janusz-Korczak-Instituts plädierte mit seinem Vortrag leidenschaftlich dafür, diesen besonderen Kindern mit einem Blick zu begegnen, der nicht lediglich die vermeidlichen Fehler und Schwächen dieser Kinder fokussiert.

„Wie behindert ist unsere Normalität?“ und „ Diagnostische Abstempelungen machen mir großen Kummer“ - Mit solchen Meinungen und Fragen führte Hennig Köhler in den Abend ein. „Wenn ich Sie alle testen würde, dann wäre hier niemand, den ich nicht einem der diagnostischen Kriterien zuordnen könnte“; provozierte Hennig Köhler etwas, um deutlich zu machen, wie sehr eine stigmatisierende Beurteilung von Kindern heute schon normal ist.

Kinder, die die Erwachsenen an ihre Grenzen bringen und daher den dauernden Streit der Erwachsenen untereinander wegen ihnen mitbekommen und bemerken müssen, dass sie auf der Abschussliste stehen - anhand solcher Fallbeispiele thematisierte Henning Köhler die teils problem- und konfliktgeladene Lebenswelt der Heranwachsenden, die zudem unter einem „Bewährungsdruck“ gegenüber ihrem Umfeld stünden.

Wichtig für diese Kinder seien „schützende Kreise aus Bezugspersonen des Kindes. Eine pädagogische Verantwortungsgemeinschaft mit Entängstigung des Umfeldes ist nötig“, forderte Henning Köhler. „Die Eltern haben Angst um die Zukunft des Kindes. Die Schule hat Angst, dass, wenn noch ein paar dieser Kinder kommen, ihr alles um die Ohren fliegt“, beschrieb er das Spannungsfeld zwischen Schule und Elternhaus.

Zu hinterfragen sei jedoch der Rahmen, aus dem diese Kinder fallen. Denn Studien belegen, dass 90 Prozent der Kinder heute mehr oder weniger von dem abweichen, was seitens der Gesellschaft für normal gehalten wird. „Diese Norm ist fiktiv, die Realität besteht aus lauter Abweichungen von dieser Norm,“ meinte Köhler.

Einen Kardinalirrtum nannte Henning Köhler den Fakt, dass im letzten Jahrhundert eine statistische Durchschnittsnorm zu einer Sollnorm entwickelt wurde. Bei geringsten Abweichungen werden heute zahlreiche Fachleute herangezogen, um diese Abweichungen zu korrigieren. Dabei entwickeln sich Kinder heute immer weniger mit gleicher Geschwindigkeit in den verschiedenen Entwicklungsbereichen, sondern können in einem Punkt weit voraus- und gleichzeitig in anderen Bereichen der Norm hinterher sein.

„Wenn man die ganze Breite der Begabungen mal gelten lässt, wird man so viele unterschiedliche Kinder mit ganz vielen unterschiedlichen Begabungen erkennen.“ Dies gelte es „wertfrei anzusehen und nicht unentwegt darauf zu starren, was das Kind nicht oder nicht so gut kann, denn genau dies ruiniert das Selbstwertgefühl“, appellierte Hennig Köhler an die Zuhörer.

„Kinder werden individueller und dies auch immer früher, dem können wir nicht mehr ausweichen. Die Kinder zwingen uns dazu, das nach Altersgruppen genormte Lernen zu überprüfen, um den Kindern durch diese Fixierung auf die alten Muster nicht die Lebensfreude zu nehmen. Die Schulangst explodiert und die Psychiatrien kollabieren,“ meinte Köhler.

„Was brauchen die Kinder für die Zukunft? Welch ein Irrtum, wenn darunter das Abitur verstanden wird“, hinterfragte Henning Köhler ein weiteres Mal den Rahmen, an dem Kinder gemessen werden. So riet sein Gegenentwurf zu einer „Schule als sozialem Wärmeort, in dem soziales Leben, die Kunst und das Handwerk im Mittelpunkt stehen und Hoffnung beim Blick in die Zukunft vermittelt wird, wo Visionen wichtiger als gute Noten sind und nicht die Kapitulation vor dem Pragmatischen stattfindet.“

„Kinder sind frech, undiszipliniert, wild, verträumt, bewegungsfreudig. Sie klauen und lügen in bestimmten Lebensphasen, gehen über Grenzen, machen Unsinn und sie sind trotzdem Engel, aber vor allem keine kleinen Erwachsenen. Und wenn ein Kind so ganz Kind sein möchte und darf, dann wird es heute gerne als verhaltensgestört eingestuft“, war die im Ergebnis ernüchternde Bestandsaufnahme von Henning Köhler zur Situation der Kinder heute. „Michel aus Lönneberga oder Momo wären heute beim Therapeuten gelandet.“

Notwendig seien die Abstandnahme von Normvorstellungen, Geduld und Gelassenheit, die Akzeptanz des Rechtes der Kinder, so zu sein, wie sie sind sowie das „Recht auf den heutigen Tag, ohne Absichten und Pläne für die Zukunft. Wir müssen den Rahmen ändern. Das Hauptproblem heute sind nicht aggressive, sondern erschöpfte Kinder“, appellierte Henning Köhler ein weiteres Mal gegen Ende seines tiefschürfenden Vortrags.

Eine gesundheitsfördernden Pädagogik lebt in seinen Augen in einer Schule, in der die Sinne reifen können, die sozialen Wärme vermittelt, als „Kunstraum das Gestaltungsvertrauen“ fördert und in der Zukunftsvertrauen wachsen kann.

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