Urteil folgt am 6. April 2018 Plädoyers im Bramscher Mordprozess vorgetragen

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Am 9. Juni 2017 brannte eine Wohnung in der Bramscher Innenstadt. Die Feuerwehr fand während der Löscharbeiten einen Leichnam in der Wohnung vor. Wegen der Tötung seiner ehemaligen Lebensgefährtin muss sich nun ein 23-Jähriger vor Gericht verantworten. Archiv-Foto: Björn DieckmannAm 9. Juni 2017 brannte eine Wohnung in der Bramscher Innenstadt. Die Feuerwehr fand während der Löscharbeiten einen Leichnam in der Wohnung vor. Wegen der Tötung seiner ehemaligen Lebensgefährtin muss sich nun ein 23-Jähriger vor Gericht verantworten. Archiv-Foto: Björn Dieckmann 

Bramsche. Im Mordprozess gegen einen 23-jährigen Bramscher, der im Juni 2017 seine ehemalige Lebensgefährtin getötet haben soll, sind am Donnerstag die Plädoyers gesprochen worden.

Nach der Beweisaufnahme steht nur eines definitiv fest: Der Angeklagte hat seine ehemalige Lebensgefährtin getötet. Wie das juristisch einzuordnen ist und was genau überhaupt in der Wohnung der beiden jungen Leute im Juni 2017 passiert ist, das bewerteten die Staatsanwaltschaft und der Verteidiger des Angeklagten allerdings vollkommen unterschiedlich.

Staatsanwalt plädiert auf Mord

So sah der Ankläger durch die Beweisaufnahme den Vorwurf des Mordes und der besonders schweren Brandstiftung bestätigt: Der 23-Jährige habe spätestens am Vorabend der Tat den Entschluss gefasst, seine ehemalige Lebensgefährtin zu töten. Dies belegten unter anderem Auswertungen des Internet-Suchverlaufs. Der Angeklagte habe sich damit befasst, welche Strafe es für einen Mord gebe. Seine ehemalige Lebensgefährtin lag zu diesem Zeitpunkt im Bett im Schlafzimmer: Beide wohnten noch zusammen, obwohl sie sich einen Monat zuvor getrennt hatten.

Der Angeklagte habe in den frühen Morgenstunden des 9. Juni 2017 mit einer Langstielaxt mehrmals auf den Kopf der damals 23-jährigen Frau eingeschlagen. Dies habe dadurch eine massive Hirnschwellung zur Folge gehabt, die zum Tod geführt hätte. Verstorben sei die junge Frau letztlich aber auch infolge einer Rauchgasvergiftung, die sie erlitt, als der Angeklagte das Schlafzimmer in Brand gesetzt hatte. Der 23-Jährige selbst hatte angegeben, er habe sich nach den Axthieben die Pulsadern aufgeschnitten, dann eine Zigarette angezündet und sei dann bewusstlos geworden. Als er Stunden später erwacht sei, habe es im Zimmer gebrannt. Diese Darstellung hielt der Staatsanwalt aber für unwahrscheinlich. Er ging davon aus, dass der Angeklagte das Feuer mithilfe eines Brandbeschleunigers gelegt habe.

In seinem Plädoyer führte der Staatsanwalt zudem aus, der Angeklagte habe spätestens seit 2014 unter psychischen Problemen gelitten. Er und das spätere Todesopfer hätten sich „unter ungewöhnlichen Umständen“ im Ameos-Klinikum kennengelernt, als beide dort in psychiatrischer Behandlung waren. Ein Gutachter habe nun bei dem Angeklagten eine emotional instabile Persönlichkeit mit einer Borderline-Störung festgestellt, außerdem sei er alkoholabhängig. Der Ankläger beantragte deshalb, den Beschuldigten wegen Mordes in Tateinheit mit besonders schwerer Brandstiftung im Zustand verminderter Schuldfähigkeit zu einer Freiheitsstrafe von 13 Jahren zu verurteilen und zudem die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik anzuordnen.

Verteidiger widerspricht

Den Darstellungen der Staatsanwaltschaft widersprach der Verteidiger des Angeklagten in seinem Plädoyer. Für ihn seien die Aussagen des Angeklagten wesentlich. Denn „er ist der einzige, den wir zu dem Geschehen fragen können“. Es sei deshalb nicht auszuschließen, dass der Angeklagte die junge Frau tatsächlich auf deren Wunsch hin getötet habe. Sie sei wegen einer depressiven Episode und instabiler Persönlichkeit in Behandlung gewesen. „Das vergeht nicht von heute auf morgen“, zog der Verteidiger in Zweifel, dass die Frau vor ihrem Tod vollständig gesund war. Womöglich habe ihr auch zugesetzt, dass der Angeklagte auch eine neue Beziehung in Aussicht hatte. Zudem hätten sie womöglich doch die 2000 Euro Schulden mehr belastet, als der Staatsanwalt dies bewertet habe. „Es kann sich also so zugetragen haben, dass dem Opfer in diesem Moment alles zuviel wurde.“ Erwiesen sei auch nicht, dass das Feuer mittels Brandbeschleunigern gelegt wurde.

Der Anwalt widersprach zudem der Einschätzung, dass von dem Angeklagten auch künftig eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgehe. Ohnehin sei mit dem psychiatrischen Gutachten „per Ferndiagnose der Stab über einen Menschen gebrochen worden“, kritisierte er. Eine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik lehnte er deshalb ab. Da die junge Frau den Angeklagten aufgefordert habe, sie zu erschlagen, habe er auch nicht das Mordmerkmal der Heimtücke erfüllt. Der Verteidiger beantragte deshalb eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren wegen Totschlags.

Kritik an den Einlassungen des Angeklagten im Prozessverlauf äußerten die anwaltlichen Vertreter der Eltern des Todesopfers. Eine Antwort auf das „Warum?“ habe es nicht gegeben. „Mit seinen Aussagen hat er alles noch verschlimmert. Denn ihre Tochter war nicht so, die Geschichte ist erfunden. Dieser Prozess war für meine Mandantin unerträglich“, meinte sie.

Der Angeklagte griff dies in seinen letzten Worten auf. Unter Tränen sagte er: „Ich weiß, dass ich einen großen Fehler gemacht habe, den ich nicht wieder gutmachen kann.“ Er habe der Mutter seiner ehemaligen Lebensgefährtin aber kein zusätzliches Leid antun wollen. Die Adressatin dieser Worte hatte zu diesem Zeitpunkt bereits den Gerichtssaal verlassen.

Die 6. Strafkammer am Landgericht Osnabrück wird am Freitag, 6. April 2018, das Urteil verkünden. Beginn ist um 11.30 Uhr in Saal 272.


Mord oder Totschlag – wo ist da eigentlich der Unterschied? Anders als viele meinen, handelt es sich in beiden Fällen um Straftaten, die vorsätzlich ausgeführt werden. Rechtsfolge ist eine Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren. Laut Strafgesetzbuch (StGB) begeht jemand einen Mord, der einen anderen Menschen willentlich in besonders verwerflicher Form oder mit besonders verwerflichen Motiven tötet, beispielsweise – so heißt es in § 211 StGB – aus Mordlust, Habgier, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, weil er heimtückisch oder grausam handelt oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder verdecken. Rechtsfolge ist eine lebenslange Freiheitsstrafe. Eines Totschlags hingegen macht sich gemäß §212 StGB schuldig, „wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein“. Der Strafrahmen beträgt in diesem Fall Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren.

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