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Nach Tötung einer jungen Frau Urteil im Bramscher Mordprozess am 14. Mai?

Von Björn Dieckmann

Vor der 6. Strafkammer am Landgericht Osnabrück ist ein 23-jähriger Bramscher angeklagt. Ihm wird vorgeworfen, im Juni 2017 seine ehemalige Lebensgefährtin getötet und anschließend die Wohnung in Brand gesetzt zu haben. Symbolfoto: Michael GründelVor der 6. Strafkammer am Landgericht Osnabrück ist ein 23-jähriger Bramscher angeklagt. Ihm wird vorgeworfen, im Juni 2017 seine ehemalige Lebensgefährtin getötet und anschließend die Wohnung in Brand gesetzt zu haben. Symbolfoto: Michael Gründel

Bramsche. Der Mordprozess gegen einen 23-Jährigen aus Bramsche, der im Juni 2017 seine ehemalige Lebensgefährtin getötet haben soll, biegt auf die Zielgerade ein: Möglicherweise wird am Montag, 14. Mai 2018, das Urteil gesprochen. Ein Überblick über den Stand der Dinge:

Was ist überhaupt passiert?

Am 9. Juni 2017 wurde nachmittags die Feuerwehr wegen eines Wohnungsbrandes in der Bramscher Innenstadt alarmiert. Im Verlauf der Löscharbeiten fanden die Feuerwehrleute den Leichnam einer Frau in der Wohnung. Außerdem war ein Mann aus dem Fenster im 2. Stockwerk gesprungen und hatte sich dabei schwer verletzt. Dieser Mann, heute 23 Jahre alt, wurde einen Tag später wegen des dringenden Verdachts, seine ehemalige Lebensgefährtin getötet zu haben, festgenommen und muss sich nun seit Dezember 2017 wegen Mordes und Brandstiftung in einem besonders schweren Fall vor Gericht verantworten.

Welche Erkenntnisse hat die Beweisaufnahme gebracht?

Zunächst hieß es, der Angeklagte solle seine ehemalige Lebensgefährtin in den frühen Morgenstunden mit einer Axt getötet haben, bevor er Stunden später das Feuer legte. In der Beweisaufnahme hingegen erklärten Sachverständige, dass die junge Frau zwar ohne medizinische Hilfe wahrscheinlich verstorben wäre. Mitverursacht habe ihren Tod allerdings eine Rauchgasvergiftung durch das Feuer. Außerdem wurde bekannt, dass auch ein Hund getötet in der Wohnung aufgefunden wurde. An eine Wand der Wohnung sollen die Sätze „„In Liebe wollen wir zu dritt gehen! Haben lange gesprochen – dies ist der letzte Weg“. geschrieben worden sein. Zudem lag auf dem Küchentisch der Wohnung ein Brief, den vermutlich der Angeklagte an seine ehemalige Lebensgefährtin geschrieben hatte.

Wie hat sich der Angeklagte zu den Vorwürfen geäußert?

Lange schwieg der 23-Jährige. Dann gab er an, die junge Frau auf deren Verlangen hin getötet zu haben. Nach seinen Worten habe er in ihren Vorschlag eingewilligt, gemeinsam „aus dem Leben zu gehen“. Er habe dann mit einer Axt auf sie eingeschlagen und sich anschließend die Pulsadern aufgeschnitten. Beim Rauchen einer letzten Zigarette habe er das Bewusstsein verloren und sei erst wieder erwacht, als die Wohnung brannte. Sodann sei er aus dem Fenster gesprungen.

Wie sind diese Aussagen zu bewerten?

Ob sich das Geschehen in der Wohnung tatsächlich so zugetragen hat, wie der 23-Jährige es darstellt, kann noch nicht abschließend beurteilt werden. Ein Brandsachverständiger sagte zwar, das Feuer könne sich durchaus über einen längeren Zeitraum hinweg entwickelt haben, etwa durch eine glimmende Zigarette. Ein Rechtsmediziner hingegen kam zu der Einschätzung, eine leichte Verbrennung an der Hand des Angeklagten sowie kaum vorhandene Rußspuren sprächen gegen die Schilderung des Angeklagten und für eine bewusst herbeigeführte Brandstiftung. Die Mutter der getöteten Frau schloss zudem aus, ihre Tochter könne einen Todeswunsch geäußert haben. Nach einem Aufenthalt im Ameos-Klinikum wegen psychischer Schwierigkeiten im Jahr 2014 sei es stetig bergauf aufgegangen mit ihr.

Wie wird der Angeklagte eingeschätzt?

2014 unternahm der heute 23-Jährige einen Selbstmordversuch und wurde anschließend im Ameos-Klinikum behandelt. Ein Gutachter bescheinigte dem Mann nun vor Gericht  eine emotional instabile Persönlichkeit mit einer Borderline-Störung, außerdem sei er alkoholabhängig. Der Sachverständige empfahl die Unterbringung des Angeklagten in einer psychiatrischen Klinik. Der 23-Jährige sieht sich dadurch falsch beurteilt und erklärte sich in der Folge zu einer Aussage bereit.

Warum dauert der Prozess so lange?

Dem Angeklagten wird Mord vorgeworfen. Darauf steht mit lebenslanger Freiheitsstrafe die höchstmögliche Strafe, die es in Deutschland gibt. Tatgeschehen und -motive werden deshalb stets sehr intensiv beleutet. Durchaus ungewöhnlich ist an diesem Prozess, dass das Gericht nach den Plädoyers von Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung noch einmal in die Beweisaufnahme zurückkehrte. Offenbar waren noch weitere Fragen zur psychischen Verfassung des Angeklagten aufgekommen. Außerdem schien dem Gericht die Phase unmittelbar vor der Tatausführung noch nicht ausreichend geklärt zu sein.

Wie geht es weiter?

Für Montag, 14. April 2018, ist der nächste Verhandlungstag anberaumt. Beginn ist um 14 Uhr in Saal 272 des Landgerichts. Dann werden Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung zunächst erneut Plädoyers vortragen können. Ob diese sich grundlegend von denen unterscheiden, die bereits gehalten wurden, bevor das Gericht in die Beweisaufnahme zurückkehrte, bleibt abzuwarten: Die Anklage forderte wegen Mordes und besonders schwerer Brandstiftung eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren, zudem wegen verminderter Schuldfähigkeit die Unterbringung des Angeklagten in einer psychiatrischen Klinik. Die Nebenklage – die Eltern der getöteten Frau – schlossen sich durch ihre Rechtsbeistände dem Staatsanwalt an. Der Verteidiger des Angeklagten hingegen plädierte auf eine Verurteilung wegen Totschlags und hielt eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren für angemessen. Eine psychische Erkrankung seines Mandanten sah der Anwalt nicht als gegeben. Er stellte vielmehr in den Raum, dass die getötete Frau an einer solchen Erkrankung noch litt.

Welches Urteil ist zu erwarten?

Das ist völlig offen und hängt davon ab, wie das Gericht den Geschehensablauf im Detail bewertet. Hält die Schwurgerichtskammer die Aussagen des Angeklagten für glaubwürdig, könnte er für eine Tötung bzw. versuchte Tötung auf Verlangen und wegen fahrlässiger Brandstiftung verurteilt werden, aber auch – wie von der Verteidigung vorgetragen – wegen Totschlags (§212 StGB). Angeklagt ist er hingegen wegen Mordes und besonders schwerer Brandstiftung. Das zöge nach § 211 Strafgesetzbuch eine lebenslange Freiheitsstrafe nach sich. Eine entscheidende Rolle könnte zudem das psychiatrische Gutachten spielen: Stellt das Gericht eine verminderte Schuldfähigkeit fest, könnte eine zeitlich befristete Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung angeordnet und eine verminderte Freiheitsstrafe ausgesprochen werden.


Mord oder Totschlag – wo ist da eigentlich der Unterschied? Anders als viele meinen, handelt es sich in beiden Fällen um Straftaten, die vorsätzlich ausgeführt werden.

Laut Strafgesetzbuch (StGB) begeht jemand einen Mord, der einen anderen Menschen willentlich in besonders verwerflicher Form oder mit besonders verwerflichen Motiven tötet, beispielsweise – so heißt es in § 211 StGB – aus Mordlust, Habgier, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, weil er heimtückisch oder grausam handelt oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder verdecken. Rechtsfolge ist eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Eines Totschlags hingegen macht sich gemäß §212 StGB schuldig, „wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein“, der also nicht in der in § 211 unter erhöhte Strafe gestellten besonders verwerflichen Form oder mit den dort genannten besonders verwerflichen Motiven handelt. Der Strafrahmen beträgt in diesem Fall Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren.