14. März zweiter Geburtstag Schutzengel in Hochform retten Eper nach Schlaganfall

Von Heiner Beinke

Dieter Steinkamp an der Osnabrücker Straße, wo er nach einem Schlaganfall vor zwei Wochen mehrere Fahrzeuge mit seinem Wagen gerammt hatte.Foto: Heiner BeinkeDieter Steinkamp an der Osnabrücker Straße, wo er nach einem Schlaganfall vor zwei Wochen mehrere Fahrzeuge mit seinem Wagen gerammt hatte.Foto: Heiner Beinke

Bramsche. Am 14. März 2018 hat Dieter Steinkamp aus Epe seinen zweiten Geburtstag gefeiert. Es begann damit, dass er gegen 7.15 Uhr in Bramsche mehrere Autos auf der Osnabrücker Straße rammte. Danach griff ein ganzes Heer von Schutzengeln in Hochform ein und bewahrte dem Schlaganfallopfer Leben und Gesundheit.

An diesem 14. März erleidet Steinkamp am Steuer seines Wagens einen schweren Schlaganfall. Auf einem knapp 500 Meter langen Teilstück der vielbefahrenen Osnabrücker Straße beschädigt er vier entgegenkommende Fahrzeuge, bis er in einem Kreisverkehr am Stadtausgang von einem geistesgegenwärtigen Lkw-Fahrer gestoppt wird. Ein weiterer Zeuge des Geschehens ist zufällig ein Rettungssanitäter, der sofort erkennt, dass es sich um einen Schlaganfall handelt. Er verständigt die Kollegen, die Steinkamp unverzüglich ins Klinikum Osnabrück bringen. Dort wird wiederum so schnell wie möglich der rettende Eingriff vorgenommen. Zwei Wochen danach kann Steinkamp selbst über das Erlebte berichten und sich nahezu beschwerdefrei auf Ostern im Kreise der Familie freuen.

Seltenes Glück

„Das Glück hat nicht jeder“, sagt Dr. Lars Krause, der Steinkamp behandelt hat. Nicht selten blieben Menschen nach einem derart schweren Schlaganfall „schwerst behindert“. Hauptgrund für die „erdrutschartigen Verbesserungen“ in der Versorgung von Schlaganfallpatienten in den letzten Jahren seien neue medizinische Standards in den Schwerpunktzentren und die verbesserte Zusammenarbeit aller Beteiligten: „Alles hängt vom Tempo ab, das ist die wichtigste medizinische Botschaft“, betont der Oberarzt und Leiter der Schlaganfallbehandlung am Klinikum Osnabrück.

„Wir haben einen Patienten im Zeitfenster. Diesen Satz habe ich heute noch im Ohr“, erzählt Dieter Steinkamp im Gespräch mit unserer Zeitung. Nichts lässt vermuten, dass der 68-jährige vor zwei Wochen einen Schlaganfall gehabt hat. Er erinnert sich noch, wie er zu Hause aufgebrochen ist. Als Außendienstmitarbeiter einer Firma aus der Reitsportbranche will er an diesem Tag nach Kassel. 70 bis 90 000 Kilometer fährt er im Jahr. Dass der Schlaganfall ihn zwar am Steuer, aber nur wenige Kilometer von der Haustür in Epe entfernt erwischt, ist für ihn schon der erste Glücksfall: „Ein paar Minuten später, dann hätten sie mich wahrscheinlich auf der Autobahn von der Leitplanke kratzen können“.

Kaum Erinnerung an Unfallfahrt

An seine Unfallfahrt hat er kaum noch Erinnerungen. „Ich weiß noch, dass sich so einen Linksdrall hatte“, sagt er. Immer wieder sei er in den Gegenverkehr geraten. Wie er es über die Ampelkreuzung mit der B218 geschafft hat, ist ihm ein Rätsel. Erinnern kann er sich noch daran, dass im Kreisel am Ortsausgang ein Lkw seine Fahrt gestoppt hat.

Genaue Erinnerungen daran hat Maik Rothert. Der Vördener saß am Steuer seines Kieslasters, als er im Rückspiel ein auffälliges Fahrzeug bemerkte, das in Schlangenlinien fährt und andere Wagen rammt. „Ist der betrunken, will der Fahrerflucht begehen?“ - diese Gedanken seien ihm durch den Kopf gegangen, sagt Rothert. Und vor allem: „ Der darf auf keinen Fall auf die B68 kommen “. Rothert nutzt den Kreisel, um den auffälligen Wagen langsam abzubremsen und leicht an eine Seite des Kreisels zu drücken. Die Schäden an seinem Lkw und an dem anderen Fahrzeug sind für ihn in dieser Situation „das kleinste Problem“. Erleichtert registriert er, dass sofort ein anderer Zeuge zu dem Wagen rennt und sich um den Insassen kümmert.

Unfallzeuge ist Rettungssanitäter

Dieser andere Mann ist Kai Kuhn. Der Osnabrücker kommt gerade von seiner Schicht als Sanitäter auf der Rettungswache in Bramsche. Er hat die Karambolage-Tour verfolgt. „Das sah nicht so aus wie bei einem, der rücksichtslos fährt“, vermutet er gleich gesundheitliche Probleme als Ursache. Ein geübter Blick auf den Patienten genügt: „Die linke Seite hing herunter, der Fahrer war kaum ansprechbar“- Schlaganfall. Er verständigte die Kollegen, die Steinkamp sofort nach Osnabrück brachten. „Nach dem mit Dr. Mennewisch entwickelten Pilotprojekt warten wir in solchen Fällen gar nicht erst auf einen Notarzt, das läuft wirklich sehr gut“, meint Kuhn. Andreas Mennewisch ist Leiter des Rettungsdienstes im Landkreis Osnabrück.

Lob vom Experten

So landet Dieter Steinkamp auf schnellstem Wege bei Dr. Lars Krause. „Die Aufmerksamkeit des Rettungspersonals im Landkreis Osnabrück ist in dieser Frage exzellent geschult“, lobt der Mediziner. Gleichwohl stellt er bei Dieter Steinkamp die ausgeprägten Symptome eines schweren Schlaganfalls fest: Die linke Körperhälfte ist gelähmt, der Patient nur noch sehr schwer verständlich.

Der Schlaganfallspezialist veranlasst unverzüglich eine Computertomographie des Kopfes und stellt fest, dass eine der wichtigsten Schlagadern direkt am Hauptstammhirn komplett verstopft ist. Einzige Therapie ist die Wiedereröffnung der Ader. Dies geschehe auf mechanischem Wege, erläutert Krause: Mit einem Katheter werde von der Leiste aufwärts eine filigrane Vorrichtung zum Kopf geführt, mit deren Hilfe der Pfropf, genannt Thrombus, entfernt werde.

Thrombektromie

Diese „Thrombektomie“ sei seit einigen Jahren Standard in den großen Schlaganfallzentren. Das Verfahren sei „sehr aufwendig und komplex“, aber eben auch sehr effektiv. „Für uns Schlaganfallärzte ist das ganz wunderbar, weil es ganz gezielt bei schwerst Betroffenen hilft“, betont Krause. Der Oberarzt freut sich, als Steinkamp ihn am Donnerstag anruft, um grünes Licht für das Gespräch mit den Bramscher Nachrichten über seinen Fall zu geben: „Er klang am Telefon sehr gut. Der Anteil der Patienten, die sich vollständig erholen, ist heutzutage sehr groß geworden“. So schnell wie bei Dieter Steinkamp geht es allerdings immer noch eher selten.

Dessen ist sich auch der Patient selber bewusst. „Ich hatte jede Menge Schutzengel“, weiß der Eper, der sich bei allen entschuldigt, denen er bei seiner Unfallfahrt Schaden zugefügt oder auch nur einen Schrecken eingejagt hat. Er kann sich wohl sicher sein, dass sie alle gern mit ihm auf seinen zweiten Geburtstag anstoßen würden.


Nach Zahlen der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe erleiden in Deutschland pro Jahr fast 270.000 Menschen einen Schlaganfall. Schlaganfälle entstehen durch Durchblutungsstörungen des Gehirns, die in etwa 80 Prozent der Fälle durch eine Verstopfung von Blutgefäßen verursacht werden (ischämisch). Seltener sind Blutungen ins Hirngewebe der Grund (hämorrhagisch). In Deutschland seien Schlaganfälle die dritthäufigste Todesursache und der häufigste Grund für dauerhafte Behinderungen, sagt Joachim Röther, Sprecher der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft. Symptome für einen Schlaganfall sind eine schnell einsetzende Lähmung sowie beispielsweise Sehstörungen, Schwindel, Übelkeit oder starker Kopfschmerz. Risikofaktoren sind Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes und Rauchen. Schlaganfälle können dabei ebenso ältere wie jüngere Menschen treffen. Ärzte empfehlen, beim geringsten Verdacht den Notruf 112 zu wählen.