Serie „Kunden und ich“ Bramscher Apotheker über Viagra, Homöopathie und die Pille danach

Von Nadine Grunewald

Winfried Müller, einer der Inhaber der Gartenstadt-Apotheke in Bramsche, lebt seit 1991 in Bramsche. Foto: Nadine GrunewaldWinfried Müller, einer der Inhaber der Gartenstadt-Apotheke in Bramsche, lebt seit 1991 in Bramsche. Foto: Nadine Grunewald

Bramsche. Bedienungen, Ärzte, Müllmänner, Kassierer – in unserem Alltag haben wir immer mal wieder mit ihnen zu tun, doch selten machen wir uns darüber Gedanken, wie wir auf sie wirken. Wir haben daher einmal nachgefragt. Teil 14: ein Apotheker.

Winfried Müller ist einer der Inhaber der Gartenstadt-Apotheke in Bramsche. Im Interview erzählt der 57-jährige Bramscher, was er von homöopathischen Mitteln hält, dass es Männern peinlich ist, nach Viagra zu fragen und manchmal Kunden um Mitternacht zum Nachtschalter kommen, weil sie vergessen haben, Nasenspray zu kaufen.

Herr Müller, greifen die Menschen heute schneller zu Medikamenten als früher?

Nein, ich würde sagen, sie tun es heute bewusster. Das Bewusstsein im Umgang mit Arzneimitteln hat sich stark verändert. Die Bevölkerung ist besser aufgeklärt.

Wie oft erleben Sie es, dass Kunden nach Medikamenten fragen, damit sie weiter zur Arbeit gehen können, obwohl sie sich auskurieren sollten?

Das ist eher bei der jüngeren Generation der Fall. Die muss man dann auch mal bremsen. Wir erklären den Kunden dann, dass der Körper bei einer Erkältung Ruhe braucht. Nicht immer ist allen bewusst, dass es unter Umständen zu einer Herzmuskelentzündung kommen kann.

Versuchen die Menschen heute eher, sich selbst zu therapieren, weil sie keine Lust auf volle Wartezimmer haben?

Manchmal ist das so. Da ist es dann unsere Aufgabe ihnen zu sagen, wann die Grenze zur Selbsttherapie überschritten ist und sie zum Arzt zu schicken. Diagnosen stellen dürfen wir nicht, aber wir fragen nach, wie lange sie die Beschwerden schon haben. Wenn Dinge länger andauern als sie akut zur Heilung benötigen, raten wir zum Gang zum Arzt. Zum Beispiel, wenn jemand nach einer Erkältung noch unter hartnäckigem Husten leidet oder länger als eine Woche Durchfall hat.

Versuchen Kunden häufig, rezeptpflichtige Medikamente ohne Rezept zu bekommen?

Nein, es ist aber auch schon durchgedrungen, dass wir rezeptpflichtige Medikamente nicht einfach so herausgeben. Das dürfen wir ja auch gar nicht. Es kommt aber schon mal vor, dass eine Frau die Pille braucht und kein Rezept hat. Die können wir dann nur nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt herausgeben.

Was halten Sie von homöopathischen Mitteln?

Als Naturwissenschaftler dachte ich nach der Uni immer, dass deren Wirkung nicht durch Studien bewiesen ist. In der Praxis zeigt sich aber doch, dass viele Dinge ihre Wirkung entfalten. In Teilbereichen kann man mit homöopathischen Mitteln etwas erreichen. Bei einer schweren Erkrankung ist die klassische Medizin meiner Meinung nach stärker gefragt. Ich habe aber schon Dinge erlebt, die ich nach meinem Studium nicht für möglich gehalten habe.

Wann raten Sie jemandem von einem Medikament ab?

Wenn ich das Gefühl habe, dass es demjenigen nicht hilft oder – noch schlimmer – ihm schadet. Oder wenn ich denke, dass es keinen Sinn macht, für etwas Geld auszugeben, weil es eher nicht helfen wird.

Gibt es Medikamente, die total beliebt sind, eigentlich aber gar nichts bringen?

Es ist schon so, dass die Werbung manchmal das Gefühl erzeugt, dass das Produkt helfen könnte. Dann kauft der Kunde das und es wirkt doch nicht so wie versprochen. In dem Fall hätte schon ein Beratungsgespräch bei der Wahl des richtigen Produktes helfen können. Grundsätzlich ist es so, dass für alle zugelassenen Arzneimittel ein Wirkungsnachweis erbracht werden muss. Es gibt aber einige Sachen im Handel, die keine Arzneimittel, sondern Medizinprodukte sind. Für die gilt das nicht. Schädlich dürfen sie aber auch nicht sein.

Wie schnell greifen Sie selbst zu Medikamenten?

Ich bin sehr bewusst im Umgang mit Medikamenten und Gott sei Dank auch sehr robust und selten krank. Ich nehme aber schon mal was zur Unterstützung wie Nahrungsergänzungsmittel oder Mikronährstoffe. Und Schüssler Salze, wenn eine Erkältung im Anmarsch ist. Da habe ich auch das Gefühl, dass das hilft.

Ist es Männern peinlich, wenn sie bei Ihnen nach Viagra fragen?

Ja. Die meisten wollen dann auch lieber eine männliche Bezugsperson. Je nachdem, wo eine Apotheke liegt, merkt man auch Unterschiede: Hier im Wohngebiet ist sehr viel Diskretion erforderlich, in einer Ärztehausapotheke, wo die Patienten zum Facharzt gehen und nicht direkt in der Nähe wohnen, ist die Hemmschwelle niedriger. Hier in der Gartenstadt-Apotheke kaufen Viagra meistens Patienten, die nicht hier wohnen. Das kann man ja auch verstehen. Es ist ein Bereich, der schambesetzt ist.

Was wird während der Nachtdienste am meisten verkauft?

Vielfach kommen Kunden, deren kleine Kinder irgendwelche Beschwerden wie Ohren- oder Zahnschmerzen haben, oder die selber plötzlich Schmerzen haben. Es gibt aber auch immer mal wieder Fälle, wo wir für irgendeinen Unsinn aufstehen müssen. Aber auch das ist in Ordnung, denn der Kunde hat in dem Moment eine Not und unser Leitbild ist es, den Menschen zu helfen. Allerdings gibt es auch Leute, die um Nacht hier stehen, weil sie vergessen haben, ihr Nasenspray zu kaufen.

Gibt es bestimmte Zeiten, an denen die Pille danach besonders stark nachgefragt ist?

Nach Großveranstaltungen gibt es schon mal eine Häufung, das ist einfach so. Ich halte es dann aber für medizinisch sinnvoll, mir erst einmal ein paar Fragen beantworten zu lassen. Zum einen, um das richtige Produkt finden zu können, zum anderen, weil das kein Bonbon ist, sondern ein stark hormonell wirksames Arzneimittel. Ich will versuchen, das im Bewusstsein der Kundinnen zu verankern.