Textsammlung vorgestellt Kleider-Geschichten im Bramscher Tuchmacher-Museum

Von Reinhard Fanslau

Schauspielerin Babette Winter (links) und Textilwissenschaftlerin Annette Hülsenbeck vor einem Kleid aus den 60er-Jahren, das die Schriftstellerin Marieluise Fleisser entworfen hatte. Foto: Reinhard FanslauSchauspielerin Babette Winter (links) und Textilwissenschaftlerin Annette Hülsenbeck vor einem Kleid aus den 60er-Jahren, das die Schriftstellerin Marieluise Fleisser entworfen hatte. Foto: Reinhard Fanslau

Bramsche. „Kleider sind so eine Art stoffliches Double des Menschen.“ Diese und andere spannende Erkenntnisse bekam die fast ausschließlich weibliche Zuhörerschaft am Dienstagabend im Bramscher Tuchmacher-Museum vermittelt. Die Osnabrücker Textil- und Bekleidungswissenschaftlerin Annette Hülsenbeck stellte ihr Buch „Die Kleider meines Lebens“ vor. Dezent gekleidet stand ihr Schauspielerin Babette Winter zur Seite.

Das Werk ist im Verlag Ebersbach und Simon erschienen. Es handelt sich dabei um eine Anthologie – eine Sammlung von Texten, die Hülsenbeck zusammengetragen und zu der sie einen Essay als Vorwort geschrieben hat. Die 144 Seiten enthalten Auszüge aus Geschichten von sieben Autorinnen, die sich zum Thema „Kleidung“ Gedanken gemacht haben. Für die Lesung in der gut gefüllten Kornmühle hatten sich die beiden Vortragenden für Texte von Virginia Woolf, Alice Munro und Margaret Atwood entschieden. Hülsenbeck führte ein, Winter trug vor. Als erstes ging es um „Das neue Kleid“ von Virginia Woolf aus dem Jahr 1965. Die Autorin prägte Hülsenbeck zufolge erstmals den Begriff „Kleidbewusstsein“. Ein ungeliebtes gelbes Kleid, das die Trägerin als Strafe empfindet, spielt in dieser Geschichte die Hauptrolle. Am Ende steht für die unglückliche Protagonistin fest: „Sie würde nie wieder einen Gedanken an Kleider verschwenden.“ „Kleider biegen uns zurecht. Manchmal tragen uns die Kleider, nicht wir sie“, hatte die Textilwissenschaftlerin passend dazu in ihren einführenden Worten gesagt.

„Rotes Kleid“

Dann folgte mit „Rotes Kleid“ aus dem Jahr 1946 von Alice Munro die zweite Geschichte des Abends. Die kanadische Schriftstellerin ist mittlerweile erfolgreich und bekam auch 2013 den Literaturnobelpreis, doch gab es auch andere Zeiten, wie Hülsenbeck referierte: „Munro ist erst spät zu Ruhm und Ehre gekommen. Sie hatte lange Zeit zu wenig Geld, um sich schöne Kleider kaufen zu können.“ Da habe sie dann immer gesagt, dass sie zum Glück Schriftstellerin sei und sich in ihren Texten gut vorstellen könne, wie das wäre, wenn sie schöne Kleider hätte, so Hülsenbeck. In „Rotes Kleid“ geht es um eine Mutter, die ihrer 13-jährigen Tochter ein rotes Samtkleid schneidert. Zunächst freut sich das Kind, kommt dann aber zu der Erkenntnis „Ich wusste da noch nichts von der Meinung der Welt.“ Und diese besagt: Die Kleider sind nicht zeitgemäß. Die Tochter ist unglücklich, die ewig unzufriedene Mutter sowieso.

„Haar-Andenken“

Mit „Haar-Andenken“ der ebenfalls kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood ging der textil-literarische Abend dann zu Ende. Atwood wollte schon mit acht Jahren Modedesignerin werden, stellte dann aber enttäuscht fest, dass man aus Ahornblättern keine Hüte und Kleider machen kann, erzählte Hülsenbeck. Dem Thema „Mode“ aber blieb die Autorin später in ihrem literarischen Werk treu. So auch in „Haar-Andenken“. Hier erinnert sich die Protagonistin an eine gescheiterte Beziehung, an die Kleidung, die sie bei der Trennung trägt, dann ablegt und sich denkt: „Ich werfe meine Identität ab wie eine Schlange“.

Dann ging es in eine sehr lebhafte Diskussion. Eine Zuhörerin sagte zum Thema „Kleider selber Schneidern“: „Sieht aus wie selbstgemacht - das war in früheren Zeiten das höchste Lob überhaupt. Heute ist es bei vielen der Inbegriff der Abwertung.“ Dementgegen stand die Erkenntnis von Museumsdirektorin Kerstin Schumann: „Die Nähkurse in unserem Haus liegen voll im Trend, auch bei jungen Leuten. Wir haben vor kurzem erst sechs neue Nähmaschinen angeschafft.“ Eine andere Zuhörerin erinnerte sich daran, dass es zu ihrer Konfirmationszeit üblich war, zwei besondere Kleider zu haben: ein Prüfungskleid und ein Konfirmationskleid. Annette Hülsenbeck stellte die These in den Raum, dass manche Frauen nur wegen des Hochzeitskleides heiraten. Und ihre Mitvortragende, Schauspielerin Babette Winter, gab zu, dass sie sich noch nie so viele Gedanken wie an diesem Tag gemacht hat, was sie abends anziehen soll. Letztendlich entschied sie sich für etwas Unauffälliges. Schließlich sollten die Geschichten im Mittelpunkt stehen. Das war dann auch gut zwei Stunden lang der Fall. Die rund 30 Frauen und drei Männer hatten einen rundum, spannenden, informativen, vergnüglichen und niveauvollen Abend in der Kornmühle erlebt.