Ein Besuch bei den IG-Metall-Mitgliedern Streik in Bramsche mit Feuertonne, Gitarre und Currywurst

Von Marcus Alwes

Unweit der Feuertonnen stehen die streikenden Beschäftigten von Nexans und Essex und lassen sich bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt wärmen. Foto: Marcus AlwesUnweit der Feuertonnen stehen die streikenden Beschäftigten von Nexans und Essex und lassen sich bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt wärmen. Foto: Marcus Alwes

Bramsche. Am heutigen Samstagmorgen ist um 6 Uhr ein 24-Stunden-Warnstreik der IG Metall in den Betrieben der Kabel- und Drahthersteller Essex und Nexans zu Ende gegangen. In beiden Unternehmen standen bis dahin fast alle Räder still.

Ein Cateringservice hat Nudelsalat, Currywürstchen und Brötchen auf dem Gelände am Mittellandkanal angeliefert. Teller und Besteck kreisen. Ebenso Kaffee, Tee und andere alkoholfreie Getränke. Die Plätze auf den Bänken im kleinen Zelt vor der „Anglerhütte“ sind vergeben, auch im Gebäude selbst – einem typischen Vereinsheim mit einer Theke – ist es voll. Wer hier nicht an einem der Tische sitzt, sucht draußen die Wärme, die eine Feuertonne mit großem IG-Metall-Logo spendet. Flammen lodern. Rote Fahnen wehen im Wind, Banner hängen am Zaun.

„Ein kleines Stück Bramscher Geschichte“

Es ist die Zeit der Warnstreiks. Auch bei Nexans und Essex – zwei Betrieben, die Drähte und Kabel herstellen – haben die allermeisten der insgesamt rund 260 Beschäftigten die Arbeit niedergelegt. Dieses Mal nicht nur kurz, sondern für 24 Stunden. „Wir schreiben hier ein kleines Stück Bramscher Geschichte“, sagt der Erste Bevollmächtigte der IG Metall, Stephan Soldanski, nicht ganz ohne Stolz: „Es ist der erste 24-Stunden-Warnstreik unserer Gewerkschaft in der Stadt Bramsche überhaupt.“

Soldanski selbst ist in Achmer groß geworden. Gelernt hat er in der Tuchmacherstadt in den Werkshallen der früheren Gebr. Sanders GmbH an der Maschstraße. Inzwischen lebt er mit Frau und Sohn in Voxtrup, sein Schreibtisch steht in der Nähe des Osnabrücker Bahnhofs. Doch Ereignisse in Bramsche berühren ihn immer noch ganz besonders. Das wird auch hier bei Essex und Nexans wieder deutlich.

„Die Arbeitgeber haben sich das selbst eingebrockt“, ruft Soldanski den Kollegen zu, als er vor der Anglerhütte eine kurze Rede hält. Er kritisiert die Arbeitgeber: „Sie haben sich einer Lösung am Verhandlungstisch versperrt und sich in entscheidenden Punkten – sowohl beim Geld als auch bei der Arbeitszeit – nicht auf uns zubewegt.“ Der Tarifkonflikt ist voll entbrannt. Die Forderung nach sechs Prozent mehr Lohn steht im Raum.

Soldanski droht: „Noch länger“ – Kommt Urabstimmung?

Die IG-Metall-Mitglieder nicken. Sie tragen rote Schals und rote Pudelmützen, manche auch rote Regenumhänge. Der Begriff Warnstreik ist darauf aufgedruckt. Hauptamtliche Gewerkschaftsmitarbeiter geben unterdessen Streikkarten aus. Mit diesen können die Arbeitnehmer als Unterstützung später ein Streikgeld beantragen.

Um 6 Uhr morgens hatte die Arbeitsniederlegung am gestrigen Freitag begonnen, am heutigen Samstag geht sie um 6 Uhr zu Ende. Es scheint jedoch, als sei dies in der laufenden Tarifrunde nicht die letzte Streikaktion der IG Metall gewesen. Für Volker, den Mann hinter Theke in der Anglerhütte, würde das bedeuten, dass er demnächst wieder Kaffee und Tee ausschenken muss. Und vielleicht schaut dann auch wieder Heiko Fänger mit seiner Gitarre vorbei.

Der Musiker aus Westfalen unterhält die Gewerkschafter mit einer Reihe von Liedern. Auch „You’ll never walk alone“ singt er. Fänger will den Beschäftigten von Nexans und Essex Mut machen. Sie sollen sich unterhaken, sagt er. Und Stephan Soldanski – der Bramscher? Er hat da bereits verbal zum Angriff geblasen. „Wir können auch noch anders“, ruft er aus, „wir können noch mehr als kurze oder 24-Stunden-Warnstreiks. Wir können auch die Urabstimmung – und noch länger streiken.“

Arbeitgeber reagieren verärgert auf Streik

Ihre roten Fahnen, Schals, Mützen und Regenumhänge wollen sie jedenfalls in den kommenden Wochen, laut Soldanski, nicht allzu weit weglegen. Und auch die wärmenden Feuertonnen wollen sie noch nicht einmotten. Den regionalen Arbeitgebern jedenfalls gefällt das gar nicht. Die Forderungen der IG Metall seien „unangemessen und schädigend“, erklärt deren Sprecher und Verhandlungsführer Dr. Wolf van Lengerich (Spelle) in einer Presseerklärung. Mit Blick auf die Streiks und damit verbundene Fertigungsausfälle verweist er darauf hin, dass die Gewerkschaft „mit Schadenersatzzahlungen rechnen“ müsse.