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Serie "Die Kunden und ich" Bramscher Zahnarzt Ansgar Krieger über ungepflegte Zähne und peinliche Situationen

Von Eva Voß | 18.09.2018, 21:05 Uhr

Bedienungen, Ärzte, Kassierer – in unserem Alltag haben wir immer mal wieder mit ihnen zu tun, doch selten machen wir Kunden uns darüber Gedanken, wie wir auf sie wirken. Wir haben daher einmal nachgefragt. Teil 19: Ansgar Krieger, Zahnarzt.

Herr Dr. Krieger, warum sind Sie Zahnarzt geworden?

Das ist eine gute Frage. Das war bei mir ein bisschen umständlich, denn ich bin nicht auf direktem Wege Zahnarzt geworden. Ich hatte einen ziemlich schlechten Schulabschluss und bin Polizist geworden. Die suchten sportliche Leute, Rechtschreibung war nicht so wichtig. Das habe ich fünf Jahre gemacht, bis ich gemerkt habe, dass das nicht mein Ding ist. Damals habe ich mit einem Zahnarzt Tennis gespielt und bin so auf die Idee gekommen, dass das etwas für mich sein könnte.

Dafür braucht man doch aber Abitur und zwar ein ziemlich gutes.

Genau. Ich habe bei der Polizei gekündigt und auf dem zweiten Bildungsweg mein Abitur nachgemacht. Der Zugang zum Studium war nicht leicht und der sicherste Weg dahin war ein sehr gutes Abitur. Da musste ich drei Jahre richtig reinhauen und habe anschließend einen Studienplatz in meinem Wunschort Freiburg bekommen. Das Studium war sehr schwer, aber es hat sich gelohnt. Ich wollte unbedingt Zahnarzt werden, weil mich die Verbindung zwischen akademischer Ausbildung und Handwerk gereizt hat. Das gefällt mir daran heute noch sehr gut. Nach der Beamtenlaufbahn war es mir außerdem wichtig, selbstständig arbeiten zu können. Das ist ein weiterer Vorteil.

Was macht Ihnen noch Spaß an der Arbeit?

Es ist toll, dass man in der Regel sehr schnell Erfolge sehen kann. Wenn ein Patient mit Schmerzen kommt, behandeln wir ihn und sein Problem ist erledigt. Manchmal gibt es noch ein oder zwei Folgebehandlungen, aber man kriegt es in den Griff. Das gibt es im medizinischen Bereich sonst nicht so oft. Die Probleme, die man im Zahnbereich hat, sind eigentlich Luxusprobleme. Es gibt Menschen, die haben ganz andere Probleme. Dafür habe ich mich aber nicht berufen gefühlt. Ich habe Hochachtung davor, dass es Menschen gibt, die das machen. Das gilt auch für den Polizeijob, aber das war eben nicht meine Welt.

Seit wann betreiben Sie Ihre Praxis in Bramsche?

Ich mache das jetzt hier seit 24 Jahren. Viele, die damals als Kleinstkind gekommen sind, kommen jetzt als Erwachsene und manchmal auch schon mit eigenen Kindern. Es ist toll zu sehen, dass die allermeisten überhaupt keine Zahnprobleme haben. Auch Karies ist selten geworden bei Kindern.

Das war in Ihren Anfangsjahren wahrscheinlich noch anders.

Früher war es so, dass sich 100 kariöse Defekte auf etwa zehn Kinder verteilt haben. Heute dagegen sind fast alle Kinder kariesfrei, dafür haben ein oder zwei Kinder total vergammelte Zähne. Da wäre es wichtig, den Eltern noch einmal deutlich zu machen, wie wichtig Zähneputzen ist. Die erreicht man aber häufig nicht. Karies ist also heute kein so großes Problem mehr. Bei den allermeisten ist es sehr viel besser geworden als vor 20 Jahren.

Dafür fürchten Eltern heute die sogenannten Kreidezähne bei ihren Kindern. Ist das in Ihrer Praxis auch ein Thema?

Bei dieser Krankheit haben betroffene Kinder eine sehr weiche, zum Teil brüchige Zahnsubstanz. In unserer Praxis haben wir bislang nur sehr wenige Fälle. Das sind Ausnahmeerscheinungen, die natürlich bedauerlich sind, aber dummerweise stark durch die Medien gehen. Für den einzelnen Betroffenen hat das eine hohe Relevanz, für uns nicht so sehr, weil es immer noch selten ist. Wir haben vielleicht drei Fälle.

Ich habe gelesen, dass bis zu 30 Prozent der Kinder betroffen sind?

Bei uns auf keinen Fall. Das ist natürlich auch eine Frage der Definition. Wenn an 20 Milchzähnen jeweils eine kleine Stelle verfärbt ist, wird der ganze Zahn schon als betroffen gezählt. Wir haben an akuten Fällen, die den Namen verdienen, vielleicht einen. Im Moment kennen wir leider noch nicht die Ursache der Erkrankung. Es wird diskutiert, ob vielleicht spezielle Weichmacher aus Kunststoffen verantwortlich sind. Die Therapie beschränkt sich darauf, die Zahnhartsubstanz irgendwie wiederherzustellen.

Wie gehen Sie mit Angstpatienten um?

Ein Patentrezept gibt es da nicht. Da muss ich mir immer den Einzelfall angucken. Es ist wichtig, einen Zugang zum Patienten zu finden. Man kann sehr viel mit Situationskomik machen und dann kriegt man schnell einen Draht zum Patienten. Wenn es jemand ist, der einfach nur schlechte Erfahrungen gemacht hat und deshalb 30 Jahre nicht mehr beim Zahnarzt war, fangen wir meist mit kleineren Sachen an. Dann kriegt man es ganz gut in den Griff. Wenn ich aber keinen Zugang zum Patienten kriege, geht es eigentlich nur noch in Narkose. Auch eine Hypnosegrundausbildung ist hilfreich bei Angstpatienten. Das klappt aber nur, wenn sie das auch wollen. Dass man jemanden hypnotisiert und der dann gackert wie ein Huhn und hinterher nichts mehr davon weiß, das gibt es nur im Fernsehen. Auch bei Kindern klappt das sehr gut.

Die Behandlung von Kindern stelle ich mir schwierig vor.

Auch hier kommt es auf den Zugang an. Wenn wir ihnen erzählen würden, dass sie jetzt eine Spritze bekommen und wir dann bohren, haben Sie keine Chance. Schwierig wird es auch, wenn die Eltern im Hintergrund sagen: „Mach den Mund auf, das tut nicht weh“. Die Kinder hören nur „Das tut weh“. Deshalb ist es gut, wenn sich die Eltern zurückhalten. Wir sagen den Kindern dann zum Beispiel, dass wir zählen. Erst die Finger und anschließend die Zähne, im zweiten Schritt dann mit dem Spiegel und schwups ist man schon mit dem Instrument im Mund. Das Kind kriegt dann vielleicht auch einen Spiegel und dann sind wir schon durch.

Gibt es noch mehr Tricks?

Es gibt ganz viele unterschiedliche Zugänge. Das muss man immer dem Patienten anpassen. Ein anderes Beispiel ist, zu fragen, welches Hobby das Kind hat. Vielleicht mag es gerne Fußball, dann erzähle oder frage ich ganz viel zum Thema Fußball. Dann springe ich plötzlich um und sage dem Kind, dass wir seinen Zahn jetzt ein bisschen abduschen. Wenn die Behandlung vorbei ist, nehme ich den alten Faden wieder auf. Von jetzt auf gleich springe ich um und sage, dass ich früher auch Fußball gespielt habe und immer rechts außen war. Das hat den Sinn, dass das Kind mit der Fußballgeschichte beschäftigt ist. Den Einschub mit der Behandlung vergisst es. Am Ende des Tages muss eine positive Erinnerung stehen. Das ist wichtig.

Haben Sie selbst Angst vor Zahnbehandlungen?

Meine ganzen Zahnschäden habe ich mir zwischen dem 15. und 20. Lebensjahr abgeholt. Hin und wieder muss da natürlich etwas geflickt werden. Den Schrecken haben Zahnbehandlungen aber für mich im Studium verloren, weil wir da so ziemlich alles, was medizinisch vertretbar ist, gegenseitig an uns erprobt haben.

Können Sie sich selbst behandeln, oder wer macht das?

Dazu kann ich Ihnen eine lustige Geschichte erzählen. Um eine Kassenzulassung zu bekommen, musste ich zwei Jahre bei einem niedergelassenen Zahnarzt als Assistent arbeiten. Zu dem gehe ich immer, wenn mir etwas kaputtgegangen ist. Einmal hatte er aber keine Zeit und da musste ich zu einer lieben Kollegin, mit der ich privat befreundet bin. Kurz bevor ich dran war, bin ich auf die Toilette gegangen und habe mir selbst eine Betäubungsspritze gegeben. Ich wollte sie beeindrucken und so tun, als bräuchte ich für die Behandlung keine Betäubung. Sie hat aber leider noch eine kaputte Stelle gefunden, die ich vorher nicht selbst betäubt hatte. Da musste ich dann wirklich ohne Betäubung durch. Das war echt fies.

Was machen fast alle bei der Zahnpflege falsch?

Das fängt damit an, dass sehr viele Menschen vor dem Frühstück die Zähne putzen. Das ist natürlich Quatsch, denn nach dem Frühstück habe ich ja wieder Beläge auf den Zähnen. Abends wissen die meisten schon, dass sie nach dem Zähneputzen nichts mehr essen sollten. Bei Kindern ist es häufig so, dass sie nach dem Zähneputzen häufig noch einmal ein Milchfläschchen bekommen. Das ist ganz schlecht, denn in der Milch ist ja auch Zucker, der die Zähne schädigen kann. Außerdem putzen viele mit zu viel Druck, das ist auch ein sehr häufiger Fehler.

Benutzen Sie selbst immer brav Zahnseide?

Was Jupiter darf, darf der Ochs noch lange nicht, sagt man so (lacht). Ich muss zu meiner Schande gestehen, ich benutze sie, aber nicht so, wie wir es unseren Patienten empfehlen.

Ekeln Sie sich noch, wenn ein Patient mit sehr ungepflegten Zähnen kommt?

Nein. Im Studium wird man da gut herangeführt und für mich war es ohnehin eigentlich nie schlimm. Als Polizeibeamter ist man ja Kummer gewohnt. Grundsätzlich ist aber nicht jeder Beruf für jeden geeignet. Wenn ich mich vor ungepflegten Zähnen ekle, sollte ich vielleicht nicht Zahnarzt werden.

Warum stellen Zahnärzte eigentlich den Patienten Fragen, obwohl sie während der Behandlung gar nicht richtig antworten können?

Das ist so ein Running Gag, der zieht sich durch die Generationen. Ich weiß gar nicht, wo das herkommt. Kann sein, dass ich manchmal unüberlegt eine Frage stelle, aber eigentlich achte ich darauf, nur Fragen zu stellen, die man mit „ja“ oder „nein“ beantworten kann. Patienten sind aber sehr unterschiedlich und wenn ich viel rede, finden manche das vielleicht nervig, andere angenehm. Wenn man gar nichts sagt, gibt es Patienten, die hinterher sagen, man wäre stur gewesen. Man kann es nicht jedem recht machen.

Ist es eine Berufskrankheit, dass Zahnärzte den Leuten immer auf die Zähne gucken?

Ja. Die ist sogar ansteckend. Das gebe ich unumwunden zu. Man steckt sich damit im Studium ganz schnell an und alle, die mit Ihnen zu tun haben. Das hat sogar auf meine Eltern abgefärbt. Früher haben wir immer zusammen Nachrichten geguckt. Meiner Mutter fiel dann vielleicht auf, dass die Krawatte von Karl-Heinz Köpke nicht zum Hemd passte. Als ich dann Studium war, sagte sie plötzlich: „Der verdient so viel Geld, kann der sich nicht mal die Zähne machen lassen?“ Da war die Krawatte schon gar nicht mehr so wichtig.

An welche Anekdote oder lustige Begebenheit in Ihrem Berufsleben erinnern Sie sich besonders gerne?

Da fallen mir direkt mehrere Geschichten ein. Wir hatten mal eine Patientin, der wir mehrere Zähne auf einmal ziehen mussten. Die Patientin überlegte kurz und sagte dann: „Sie wollen mir Zähne ziehen? Nein, nein, nein. Da möchte ich lieber noch drei Kinder.“ Ich antwortete darauf dann: „Kein Problem, da müssen wir nur den Stuhl anders einstellen“. Da war natürlich gleich das Eis gebrochen und die Stimmung gut. Eine andere Geschichte ist, dass es vor 20 Jahren noch nicht üblich war, mit Lupenbrille zu arbeiten. Der Anblick war anfangs etwas ungewohnt. Irgendwann musste ich dann aber auch mal auf die Toilette gehen und habe die Brille nicht abgesetzt. Da sagte dann eine Kollegin: „Guck mal, der geht jetzt schon mit Lupenbrille zum Klo“. Darüber haben wir auch lange gelacht. Ansonsten kommen in 24 Jahren natürlich viele lustige Begebenheiten zusammen. Manche sind auch erst hinterher lustig.

Zum Beispiel?

Wir hatten einen Patienten, der eine Perücke trug, die mit Drähten befestigt war. Von außen konnte man das nicht sehen. Auf dem Röntgenbild waren die Drähte aber gut zu sehen. Ich kam dann in den Behandlungsraum und fragte ihn mörderwichtig: „Wie lange ist denn der Unfall schon her?“ Der Patient guckt mich groß an. Und ich frage weiter: „Werden die Drähte noch entfernt oder sollen die verbleiben?“ Der Patient wusste überhaupt nicht, was ich von ihm wollte. Meine Mitarbeiterinnen duckten sich schon weg, jedes Wort hat es nur noch peinlicher gemacht. Es hat etwas gedauert, bis ich geschnallt habe, dass die Drähte die Perücke festhalten.