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Aktionswoche der Schuldnerberatung Diakonie in Bramsche warnt vor „Albtraum Miete“

Von Andreas Wenk | 06.06.2019, 12:54 Uhr

Im Rahmen der bundesweiten Aktionswoche "Abtraum Miete" wünscht sich die Schuldnerberatung der Diakonie im Kirchenkreis Bramsche mehr Unterstützung von den Kommunen und einen offeneren Umgang mit dem Problem, dass immer mehr Menschen durch steigende Wohnkosten in eine finanzielle Schieflage geraten.

Das ist die Erfahrung von Natalia Gerdes, Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes Bramsche und Schuldnerberaterin. Um die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt mit Zahlen zu unterfüttern, hat sie Sascha Rink beauftragt, Zeitungen auf Wohnungsangebote hin zu untersuchen. Maßstab waren Ansprüche und Leistungen nach ALG-II. Dabei hat er Wohnungen, die zu teuer waren, orange markiert, solche, die im Ermessensbereich eines Sachbearbeiters stehen, mit gelb und solche, die vom Preis her geeignet wären, vom Amt erstattet zu werden mit grün.

Trauriges Ergebnis

Das Ergebnis ist ernüchternd: Binnen eines halben Jahres gab der Markt im Gebiet der Bramscher Nachrichten nur 19 Angebote her, die für ALG-II-Bezieher infrage kommen. Wenn man sich aber den Zustand vieler Wohnungen ansehe, müsse man weitere Angebote ausschließen. Oft sei die Qualität so schlecht, dass sich mit unangemessen hohen Kosten für Strom und Heizung die nächste Finanzmisere abzeichne, berichtet Gerdes.

Gerdes schätzt, der Bedarf an preisgünstigen Wohnungen sei fünfmal höher als das Angebot. Wer mehr als 35 Prozent des Nettoeinkommens für das Wohnen ausgeben müsse, bewege sich auf eine finanziell brenzlige Situation zu. Auch das zeige, dass sich die Schere zwischen arm und reich immer weiter öffne.

Kein Luxus

Richtig böse wird sie, wenn sie darüber spricht, dass die Gesellschaft ihre Verantwortung für die Schwächeren nicht wahrnimmt und sie stattdessen selbst für ihre Situation verantwortlich macht. Zwar gebe es auch Menschen, die mit einer vernünftigen Haushaltsplanung überfordert seien. Das Gros der Menschen, die zu ihr in die Schuldnerberatung kämen, habe aber nicht im Luxus geschwelgt oder sich teure Urlaube gegönnt, sondern seien durch einen Schicksalsschlag finanziell in eine Schieflage geraten. Doch da herauszukommen, werde immer schwieriger. Selbst ausgeklügelte Entschuldungspläne würden durch steigende Mieten und Nebenkosten schnell hinfällig.

Inbesondere für die Suche nach günstigerem Wohnraum wünschte sich Gerdes bei den Kommunen Ansprechpartner, die ihre Arbeit in der Schuldnerberatung unterstützen. Außerdem plädiert sie gemeinsam mit Rink dafür, das Thema Überschuldung und teilweise „sittenwidriges“ Verhalten auf dem Wohnungsmarkt stärker in das Bewusstsein der Menschen zu rücken.

Fallbeispiele

Um jenseits der Zahlen auf die Schicksale vieler Betroffenen aufmerksam zu machen, würde sie gerne konkrete Einzelfälle in den Fokus der Medien rücken. Doch viele fühlten sich an den Rand gedrängt und fürchteten eine Stigmatisierung. Deshalb zögen sie sich in die Isolation zurück statt an die Öffentlichkeit zu gehen. „Albtraum Miete“ heißt das Thema der bundesweiten Aktionswoche Schuldnerberatungen. Doch selbst wenn die nüchternen Zahlen von einer angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt zeugen, den Horror, sich in einer scheinbar ausweglosen Situation gefangen zu fühlen, können sie nicht widerspiegeln.

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