Mit mehr Teilnehmern gerechnet Demo in Rahden: „Pelz ist Folter, Pelz ist Mord“


Rahden/Varl. An die hundert Tierschützer marschierten friedlich vom Rahdener Bahnhof nach Varl, um gegen eine der letzten Nerzfarmen in Deutschland zu protestieren. „Wir machen Druck“

In Varl wird die letzte Nerzfarm in Nordrhein-Westfalen betrieben. Dagegen gingen am Samstag rund hundert Demonstranten auf die Straße. Vom Bahnhof Rahden aus setzte sich eine Menschenkarawane unter Polizeibegleitung in Bewegung und marschierte rund sechs Kilometer zur Nerzfarm an der Westerheide. Mit Forderungen wie „Rahden aufgewacht, Schluss mit dem Mord in der Nachbarschaft“ und „Pelz ist Folter, Pelz ist Mord, schließt die Pelzfarm jetzt sofort“ taten Tierschützer aus ganz Deutschland ihre Meinung kund. Polizeihauptkommissar Andreas Jürgensmeyer aus Espelkamp: „Wir sind mit zehn Einsatzkräften vor Ort zur Verkehrssicherung.“ Eine ähnliche Demonstration hatte es bereits vor drei Jahren gegeben – mit rund 200 Teilnehmern.

Haltungsbedingungen

Wie die Neue Westfälische mehrfach berichtete, verstößt der Betreiber laut der Tierrechtsorganisation Peta gegen die seit 2011 und im zweiten Schritt seit 2016 geltenden Vorschriften zu den Haltungsbedingungen. Selbst nach fünf Jahren der Übergangsphase sollen in der Nerzfarm in Varl die Lebensbedingungen der Tiere noch nicht verbessert worden sein. Vorgeschrieben sind größere Käfige mit festen Böden, Klettermöglichkeiten und Schwimmbecken für die Tiere vor, die in freier Wildbahn Wasser lieben und ein großes Revier haben.

Die Demonstranten sagen: „Geboren um zu sterben. Qualvoll. Sein erstes und einziges Lebensjahr, das ein Nerz in einer Pelztierfarm hat, ist bestimmt von Leid. Bis die Erlösung in Form einer Massentötung naht. Der Nerz stirbt mit rund sieben Monat im Spätherbst, wenn ihm das begehrte Winterfell gewachsen ist, auf das der Pelztierfarmer scharf ist. Er spricht von „Ernte“, wenn er die Tiere in eine Kiste steckt, vergast und häutet.“

Bloße Haut

Mandy Hübner von „Tierrechte Aktiv“ aus Regensburg hatte die sechsstündige Anreise auf sich genommen, um die Tierschützer in Rahden zu unterstützen. Auf ihrer bloßen Haut war zu lesen „Lieber nackt als Pelz“ und „Pelz ist Mord“. Für die 34-Jährige ist ein Nacktlauf gegen Pelz nichts Ungewöhnliches. „Hinter jedem Pelzkragen hat einmal ein Herz geschlagen“, so die Aktivistin. Marco Rahnenführer aus Minden hatte sich als der „Tod“ verkleidet. Er macht bei der Initiative „Runder Tisch – Tierschutz/Tierrechte im Altkreis Lübbecke“ mit, die den Protest organisiert hat.

Kurz nach 13 Uhr erreichten die Demonstranten die Nerzfarm an der Westerheide in Varl und zogen schweigend daran vorbei. Tanja Behring, Mitbegründerin der Lübbecker Initiative erklärte: „Die Nerze haben zur Zeit Junge. Wenn wir sie erschrecken, versuchen sie instinktiv ihren Nachwuchs in Sicherheit zu bringen.“

Erstmals bei Demo mitgemacht

Polizeiwagen versperrten die Zufahrt zu dem umzäunten Gelände. Zu sehen sind einige marode Gebäude und Stallungen, mehr nicht. Nur der Geruch lässt darauf schließen, dass hier Tiere massenhaft hausen. An die 5.000 sollen es sein. Für Jessica Mokros (29) aus Espelkamp war es die erste Demo: „Wir müssen der Tierquälerei endlich ein Ende setzen, heutzutage bracht niemand mehr Pelz.“ Für Carmen (67) und Heinz-Willi Zöllner (70) aus Hiddenhausen war es auch die erste Demo. „Ich könnte heulen. Es war uns eine Herzensangelegenheit, hier dabei zu sein. Gucken Sie einem Tier in die Augen, Tiere haben doch eine Seele“, so Carmen Zöllner.

In sicherem Abstand zwischen Feldern und Wiesen versammelten sich die Teilnehmer zu einer Kundgebung. Alle sangen mit, als die Band „3some“ aus Bünde mit Florian (13) und Julian (9) und Sängerin Monja Holle aus Lübbecke sowie Karl-Heinz Wendlandt und Christian Faust „10.000 Tränen“ von der Gruppe Berge spielte. Der Songtext aus Sicht eines misshandelten Tieres verfehlte seine Wirkung nicht, einigen rollten Tränen über die Wangen. Ralf Biermann, Gründer der Vlothoer Waschbärenhilfe, meinte: „Wenn die Haltungsverordnung jetzt als Gesetz in Kraft tritt, könnte der Varler Nerzfarmer wieder fünf Jahre als Übergangsphase zur Umsetzung Zeit gewinnen. Das ist ein Schlag ins Kontor für den Tierschutz.“ Durch langwierige Gerichtsverfahren versuchte er bisher Aufschub zu erreichen.

Fünf Nerzfarmen

Aktuell gebe es noch fünf Nerzfarmen in Deutschland, drei hätten ihre Schließung noch für dieses Jahr angekündigt. Das machte Konrad Eckstein aus Hamburg von der „Offensive gegen die Pelzindustrie“ deutlich. „Verbleiben noch zwei, eine in Varl und eine Rochlitz in Sachsen-Anhalt. Die Schließungen sind kein Zufall. Viele geben auf, weil sie wegen der neuen Haltungsvorschriften unrentabel sind. 1980 gab es noch 170 Farmen in Deutschland“, so der Tierrechtler. Die „Offensive gegen die Pelzindustrie“ habe durch massive Kampagnen erreicht, dass Modehausketten wie C&A, Peek & Cloppenburg oder Gerry Weber keinen Pelz mehr verkaufen. Nackt-Aktivistin Mandy schilderte in ihrer Ansprache das kurze schmerzerfüllte Leben der Nerze, deren Bedürfnis nach Laufen, Schwimmen und Tauchen in Gefangenschaft nicht gestillt wird. Sie bat um drei Schweigeminuten. Solange könne der Todeskampf der Tiere beim Vergasen dauern.

Tanja Behring und ihre Mitstreiter vom „Runder Tisch – Tierschutz/Tierrechte im Altkreis Lübbecke“ waren mit der Protestaktion zufrieden, obwohl sie mit mehr Teilnehmern gerechnet hatten: „Wir werden weiter Druck machen.“


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