Geschichte wird lebendig Bohmter Leseproben machen Lust aufs Lesen

Von Cornelia Müller


Bohmte. Seit drei Jahren veranstaltet der Kulturring die „Bohmter Leseproben“. Vorleser aus den drei Altkreisgemeinden stellen – jeweils am ersten oder zweiten Aprilsonntag – im Bohmter Kotten Bücher vor, die sie für unbedingt lesenswert halten.

Erklärtes Ziel dieser Reihe ist, Lust aufs Schmökern zu machen. Und das ist dem Kulturring auch diesmal wieder sehr gut gelungen. „Jeder Vorleser ist völlig frei, welche Bücher er auswählt“, betonte Hartwig Ventker vom Kulturring, der die Veranstaltung mit zwei Liedern von Bettina Wegner und Friedrich Ape musikalisch bereicherte. Diesmal verriet die Auswahl – zwei Biografien und ein Roman mit autobiografischen Bezügen – ein großes historisches Interesse aller Beteiligten.

„Immer Ärger mit diesem Mönch“

Den Anfang machte Günter Harmeyer, ehemaliger Bürgermeister der Gemeinde Bad Essen. Er stellte Jörg Kailus‘ Luther-Biografie „Immer Ärger mit diesem Mönch“ vor, denn „ich bin überzeugt, egal ob man katholisch oder evangelisch ist: Es lohnt sich, sich mit der Reformation auseinanderzusetzen.“ Kailus anschauliche Schilderung nahm die 30 Zuhörer im Bohmter Kotten mit auf eine Zeitreise in das 15. und 16. Jahrhundert: Wie lebte es sich damals, mit der Angst vor der nächsten Pestepidemie im Nacken? Zu einer Zeit, als Religion zwar zum Alltag gehörte, aber nur wenige verstanden, worum es ging, wenn der Priester die Messe auf Latein hielt? Als das Lesen nur einigen wenigen vorbehalten war und Hochdeutsch noch nicht „erfunden“ war? Der Mensch Luther und die geschichtlichen Umstände der Reformation wurden so viel greifbarer.

„Im Westen nichts Neues“

Ludwig Schwedhelm, Organist und ehemaliger Lehrer aus Ostercappeln, stellte danach ein Buch vor, das ihn schon seit vielen Jahren begleite: Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“, das inzwischen sogar als „Graphic Novel“ erschienen ist. „Wir müssen Remarque mehr Platz bei uns einräumen, auch an unseren Schulen“, ist Schwedhelm überzeugt. „Wir haben das Glück, dass wir seit 72 Jahren in Frieden leben dürfen. Das sollten wir nicht vergessen.“ Erich Maria Remarques 1928 erschienener Roman schildere eindrücklich, wie der erste Weltkrieg wirklich gewesen sei: Kein heroisches Abenteuer, sondern ein unmenschliches Morden. Schwedhelm hatte für seine Lesung einen Ausschnitt ausgewählt, in der Remarque beschreibt, wie der Soldat Paul Bäumer während eines Patrouillenganges stundenlang in Todesangst in einem Trichter festsitzt, wo er zum ersten Mal mit eigenen Händen einen Mann tötet und Zeuge seines langsamen Sterbens wird. Selbst seine nicht uneigennützigen Bemühungen, ihn vielleicht noch zu retten („ich muss es tun, damit die anderen sehen, dass ich es versucht habe, wenn Sie mich gefangen nehmen“) scheitern und Bäumer muss mit der Erkenntnis weiterleben, dass er einen Menschen, keinen „Feind“ getötet hat.

Letzter Zeuge des 20. Juli 1944

Mit dem deutschen Widerstand gegen Hitler beschäftigt sich die Biografie „Philipp von Boeselager: Der letzte Zeuge des 20. Juli 1944“, die Marc Weber, seit 2015 Pfarrer der Pfarreiengemeinschaft Bohmte-Hunteburg-Lemförde, für seine Lesung ausgewählt hatte. Er habe Boeselager noch selbst kennenlernen dürfen und sei beeindruckt gewesen von dem, was er über diesen Mann, den einzigen Überlebenden aus dem Kreis um Claus Schenk Graf von Stauffenberg, erfahren habe. Das Buch von Dorothee von Meding und Hans Sarkowicz enthält auch ein Interview, das die Verfasser mit Philipp von Boeselager geführt haben und das dem Buch als Audio-CD beigefügt ist. Aus diesem Interview las Weber einige Passagen vor, wo es unter anderem um die Motivation ging, die Boeselager zum Widerstand trieb: „16.000 Menschen wurden täglich umgebracht“, lautete dessen schlichte Antwort. Er sei sich des Risikos, gefasst zu werden, immer bewusst gewesen und habe stets eine Zyankalikapsel in der Tasche mit sich getragen. „Erst am 8. Mai 1945 habe ich die Kapsel weggeworfen.“


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