Feuchtgebiete von Bedeutung Die Dümmerniederung: Überbleibsel aus der Eiszeit


Hüde. Wiesenvögel haben hier im Frühjahr ihre Brutstätte, Gänse einen Rastplatz auf dem Weg nach Süden – Die Dümmerniederung ist ein regelrechtes Vogelparadies. Mit viel Aufwand wurde die Landschaft rund um den Dümmer-See zu einem der wichtigsten Vogellebensräume Niedersachsens, auf den nun Marcel Holy von der Natur- und Umweltschutzvereinigung Dümmer (NUVD) ein schützendes Auge wirft.

Die Dümmerniederung, unendliche Weiten. Hier, zwischen Lemförde, Damme und Diepholz durchfließt die Hunte den Dümmer, Niedersachsens zweitgrößten See nach dem Steinhuder Meer. Im gewässernahen Hüde liegt die Naturschutzstation Dümmer. Schon auf dem Weg zur Station streift das Auge über weite Weiden und Wiesen; nur sporadisch unterbrechen Bäume den Blick. Am Horizont sieht der Beobachter wahlweise eine Horde Kühe, Schafe oder Gänse friedlich auf den kurzrasigen Flächen rasten und fressen.

Niedermoorböden und Feuchtgebiete

Holy ist ein Kind dieser Region. Aufgewachsen in Lembruch, weckte das Landleben seine Leidenschaft für Natur und Umwelt: „Wenn ich in der Stadt groß geworden wäre, lägen meine Interessen wahrscheinlich woanders. Man wächst da rein.“ Holy studierte zunächst Umweltwissenschaften und promovierte schließlich im Bereich Landschaftsökologie. Heute lebt er in Hüde und arbeitet für die NUVD in der Naturschutzstation Dümmer.

Der Dümmer-See ist ein Überbleibsel der letzten Eiszeit. Als hier das Eis vor mehr als 10.000 Jahren wegtaute, sackte der Boden ab und füllte sich mit dem Tauwasser. Vor rund 9.000 Jahren war der See so rund 150 Quadratkilometer groß, heute sind es gerade mal noch zwölf. Was von den damaligen Wassermassen übrig blieb? Niedermoorböden und Feuchtgebiete. Während der See schon durch Algenplagen und damit verbundenes Fischsterben auf sich aufmerksam machte, ist das Umland eine Gegend, die lebensraumtechnisch „ganz oben in Deutschland mitspielt“, sagt Holy.

„Lebensraumoptimierende Maßnahme“

Mit dem Fernglas im Gepäck geht es ein Stück auf den Natur-Erlebnispfad Dümmer. Auf der Weide grasen ein paar Rinder gemächlich in der Sonne. Ein Rinderbulle steht an einem künstlich angelegten Teich und schaut misstrauisch. Diese zusätzlichen Wasserfläche fällt unter den Begriff „lebensraumoptimierende Maßnahme“, erklärt Holy. Rund um den Dümmer sind mehrere dieser Teiche zu finden, sie dienen etwa als Laichgewässer für den gefährdeten Laubfrosch, deren Bestand hier seit den 90er Jahren gesichert wird.

Ab September sind in der Niederung tausende Wildgänse anzutreffen. Graugänse legen auf ihrem Zug gen Süden am Dümmer Rast ein. Einige Wochen später kommen die Blässgänse aus Sibirien, die aufgrund der starken Kälte ihre dortigen Brutstätten verlassen, sagt Holy. Mit dem Feldstecher kann der Naturschützer die Herden nach beringten Exemplaren absuchen, und Farbe/Code der Ringe ablesen. Diese markieren die Herkunft der Gans. So werde derzeit das Raumnutzungsverhalten der Gänse analysiert und dokumentiert. Da sich die Gänse heute aber lieber woanders tummeln, ist die Ausstellung in der Naturschutzstation ein geeigneter Ort, um ein wenig mehr über den hiesigen Tierlebensraum zu erfahren.

„Moorochsen“

„Ahouoouu“. Ein dumpfes Dröhnen klingt durch den Ausstellungsraum. „Ahouoouu“. Es ist nicht der Rinderbulle, der sich heimlich in die Scheune verirrt hat, sondern eine künstliche „Rohrdommel“. Sie sitzt im Schilf eines Modells des Dümmerufers; das Dröhnen ertönt als Holy einen Knopf am Modell drückt. Es ist der Balzruf des, passenderweise auch als „Moorochsen“ bezeichneten Vogels. In den 1950er Jahren habe es noch rund 50 Rohrdommeln versteckt in den Schilfbeständen gegeben, sagt Holy.

„Zu Gesicht bekommt man die so gut wie nie“. Stattdessen lässt sich die Anzahl der Exemplare anhand der Balzrufe des Rohrdommelmännchens schätzen. „Heute ist die Zahl eher bei Null“, sagt Holy nüchtern. Die Schilfbestände als Brut- und Nahrungsort reichen am Dümmer nicht aus. Hin und wieder vernimmt Holy noch den vereinsamten Ruf eines einzelnen Männchens, doch sei das andauerende Dröhnen ein Anzeichen dafür, dass das Tier keinen Partner findet.

Kontrolliert „vernässt“

Mit der Eindeichung des Dümmers in den 1960er-Jahren wurden die hiesigen Moorböden trocken gelegt, um Ackerbau möglich zu machen. Ende der 1980er-Jahre wurde dann die große Bedeutung des Gebietes für den Naturschutz wiederentdeckt. Seit 1987 wurden hier rund 25 Quadratkilometer der Dümmerlandschaft angekauft. Als Eigentümer sind entweder die Landkreise (Vechta, Diepholz und Osnabrück) oder das Land Niedersachsen eingetragen, sagt Holy. Damit seien höhere Naturschutzauflagen möglich als auf Privatflächen.

Heute wird die Dümmerniederung kontrolliert „vernässt“, denn die nassen Grünflächen bieten optimale Brutbedingungen für bedrohte Wiesenvögel. Vom Frühjahr bis zum Sommer leben hier etwa Kiebitz, Großer Brachvogel oder Uferschnepfe. Sie allesamt brüten und ziehen ihre Jungen auf. 280 Vogelarten, von denen mehr als 100 rund um den See brüten, sind laut des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten und Naturschutz (NLWKN) am Dümmer nachgewiesen worden.

Nass und dunkel

„Dafür wurde richtig Aufwand betrieben“, sagt der Naturschützer. Mit Hilfe von Gräben und Stauwehren wird das Wasser im Gebiet im Herbst angestaut und der Wasserstand so angehoben. Abgelassen wird das Wasser wieder im Frühjahr für die Brut- und Aufzuchtzeit der Wiesenvögel. Im Sommer sind die Flächen trocken und können kontrolliert bewirtschaftet werden, so der Naturschützer.

Dichte Grünbestände laden nass und dunkel die Wiesenvögel zum Nestbau ein. Futter gibt es ebenfalls genug: In dem nährstoffarmen Boden können sich viele verschiedene Pflanzenarten durchsetzen, insbesondere Blütenpflanzen, sagt der Naturschützer. Die Vielzahl an Pflanzenarten lockt wiederum zahlreiche Insekten auf die Wiesen. So entsteht ein reichhaltiges Nahrungsangebot für Familie Kiebitz oder Brachvogel.

Bestmögliche Lebensbedinungen

Viele Wiesenvögel wie die Uferschnepfe stochern mit ihrem langen, dünnen, gar strohhalmartigen Schnabel in nassen Böden nach Nahrung. Ist der Boden zu hart, habe der Vogel keine Chance in die Erde einzudringen, schildert Holy. Der feuchte Niedermoorboden rund um den Dümmer ist dafür aber geradezu ideal. Wiesenvögel brauchen zudem offene Flächen mit relativ niedrigen Gräsern, um sich einen Überblick über das Gelände und nahende Fressfeinde verschaffen zu können.

Ist die Brutzeit vorbei, werden die Flächen landwirtschaftlich als Weiden genutzt und so kurzgehalten. Rinder wie am Erlebnispfad, aber auch Pferde kommen dafür in Frage. Ein ganz besonderer natürlicher Rasenmäher ist die „Diepholzer Moorschnucke“ . Die robuste Schafsrasse wird eigens zur Pflege des Dümmerlandes auf dem Schäferhof in der Dümmerregion in Stemshorn gehalten. Mit ihnen wird das Grünland so bewirtschaftet, dass insbesondere die bedrohten Wiesenvogelarten bestmögliche Lebensbedingungen vorfinden.

„Bestimmte Schafsrassen können nicht mit Nässe umgehen“, erklärt Holy. Klauenprobleme sind die Folge. Die Moorschnucke ist hingegen Nässe- und Futtertolerant. Der feuchte Boden macht ihr nichts aus. Ferner würden die Grünflächen seit 20 Jahren nicht gedüngt, um sie weiter nährstoffarm zu halten, sagt der Experte. Für die Moorschnucke fällt aber trotzdem ausreichend genießbare Nahrung ab.

„Alles erreicht, was geht“

Was bleibt, sind die natürlichen Feinde der Wiesenvögel. Doch auch hier wird interveniert. „Jahre hat hier niemand einen Fuchs gesehen“, weiß Holy aus Erzählungen der örtlichen Bauern. Heute würden jährlich im Schnitt 35 Füchse geschossen. Fuchs, Marder, Iltis oder Wiesel – sie alle konzentrieren sich auf die deutschlandweit wenigen Lebensräume der Wiesenvögel. Seit 2010 werden die Tiere deshalb in der Dümmerlandschaft bejagt.

Damit sei „der letzte Faktor, der den Vögeln das Leben schwer gemacht hat, verschwunden“, sagt Holy. Für die Wiesenvögel wurden so „alles erreicht, was geht“.

Weitere Informationen zur Naturschutzstation Dümmer in Hüde finden Sie auf www.naturschutzring-duemmer.de .

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