Offene Türen am 17. Oktober Schwesternschaft seit 70 Jahren in Lemförde

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Lemförde. „Draußen herrschte große Kälte und ein eisiger Schneesturm. Eine Schwester wurde erschossen, eine weitere nach Sibirien verschleppt und mehrere Schwestern starben während der Flucht.“ Geschehen ist dies am 26. Januar 1945, als für die Schwesternschaft der Räumungsbefehl bekam, das westpreußische Vandsburg innerhalb von zwanzig Minuten zu verlassen. Eine neue Heimat fand nach der Vretreibung ein Teil von ihnen in Lemförde.

Heute, 70 Jahre nach Kriegsende, soll im Diakonissen-Mutterhaus „Altvandsburg“ am Sonnabend, 17. Oktober, 14 Uhr, mit einem kleinen Festakt und Besinnung in der Mutterhauskapelle sowie einem „Tag der offenen Tür“ gefeiert werden, dass die Schwestern seinerzeit so liebevoll von den Lemfördern aufgenommen wurden. Besichtigt werden kann von den Lemfördern und Gästen nicht nur das Mutterhaus, das heute von Oberin Schwester Heidemarie Jäckel, Schwester Maria Wedekind und Pastor Fritz Wilhelm Renzelberg geleitet wird, sondern auch das reizvolle Gelände mit seinem Park, der mit zahlreichen Oasen der Ruhe zum Verweilen einlädt.

Vandsburg in Westpreußen

Zur Geschichte: Das Ursprungs-Mutterhaus wurde 1899 als „Gemeinschafts-Schwesternhaus“ in Borken bei Bartenstein in Ostpreußen durch Pfarrer Blazejewski gegründet. Als der Pfarrer plötzlich und jung verstarb, zogen die Schwestern im November 1900 nach Vandsburg (Westpreußen). „Damals gab es viele Eintritte“, berichtet Pastor Renzelberg mit leuchtenden Augen und Schwester Maria nickt zustimmend. Die Schwesternschaft bekam den Namen „Altvandsburg“ als Vandsburg 1920 unter polnische Hoheit kam. Aber: Aufgrund der schwierigen Situation gingen etwa 300 von den damals 450 Schwestern nach Elbingerode in den Harz, wo das Mutterhaus „Neuvandsburg“ entstand, das bis heute besteht.

Am 10. Juli 1945 trafen dreizehn Schwestern - über Neuvandsburg kommend – mit ihrer Oberin Martha Volmer (Hausmutter von 1936-1974) in Lemförde ein. Unter Schwester Marthas Leitung wurde später der Gesamtkomplex an Gebäuden in Lemförde errichtet; sie verstarb 2000 kurz vor ihrem 105. Geburtstag. Warum Lemförde? „Die heute ‚gelbe Villa‘ gehörte damals dem Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband (DGD). Und es waren Schwestern aus Elbingerode bereits seit ein paar Jahrzehnten ansässig. Deshalb hat Oberin Schwester Martha Volmer damals die Gesamtleitung des Werkes gebeten, ob sie dieses Haus haben dürften, um hier die Schwesternschaft wieder zu sammeln und ein neues Mutterhaus zu haben“, erläutert Schwester Maria. Anfangs fanden die Diakonissen für 15 Monate Zuflucht im teilweise zerstörten Amtshof, da die ‚gelbe Villa‘ Lazarett war. Als Raum für Gebet und Besinnung nutzten sie die Martin-Luther-Kirche. Im November 1946 folgte dann der Einzug in die ‚gelbe Villa‘. Nach und nach kamen rund 300 Schwestern nach Lemförde. Am 20. Oktober 1961 konnte dann das heutige Haupthaus eingeweiht werden. „Als Kranken- und Gemeindeschwestern, in der Kinderarbeit, in Seniorenhäusern waren die Schwestern engagiert und einige wurden auch als Missionarinnen zum Beispiel nach Kanada, Taiwan oder China entsandt“, listet Renzelberg auf.

Christliche Maßstäbe

Heute gehören 59 Schwestern in Lemförde zum DGD, der seinen Hauptsitz in Marburg hat. „Im Wandel der Zeiten ist der Auftrag geblieben, sich den Menschen nach christlichen Maßstäben und Werten zuzuwenden“, betont Renzelberg. Das geschehe heutzutage in Gottesdiensten, Andachten, in persönlichen Gesprächen, im ambulanten Pflegedienst, zu dem auch ein mobiler Mittagstisch gehört, den etliche Ehrenamtliche verteilen, im Haus Waldblick, im „Gästehaus Vandsburg mit neuen Perspektiven“, wo zahlreiche Tagungen und Seminare mit verschiedenen Themen und Referenten stattfinden. Doch auch der kulturelle Aspekt wurde im Mutterhaus zum Beispiel mit Konzerten, aber auch kunstgewerblichen Werken – im Haus befindet sich ein eigenes Atelier - stets sehr gepflegt.

„Auch die Veeh Harfen Gruppen sind im Mutterhaus entstanden und haben hier ihre Übungsräume“, stellt der Pastor heraus, der ergänzt: „Durch das ‚Café International‘ findet auch in Zusammenarbeit mit der Landeskirchlichen Gemeinschaft eine intensive Begleitung von Flüchtlingen statt.“ „Zum Seniorenhaus und dem Ambulanten Pflegedienst gehören inzwischen auch zahlreiche Mitarbeiter-/innen und Ehrenamtliche“, unterstreicht Schwester Maria. Zudem könne die Ausbildung zur Hauswirtschafterin absolviert werden. Des Weiteren gehört die Wohnanlage Emmaus und die Francke Buchhandlung zum Mutterhaus. Und: „Wir wollen am 17. Oktober nicht nur Rückblick halten, sondern auch nach vorne schauen und sehen: Was sind unsere Aufgaben in Zukunft?“, so Pastor Fritz Wilhelm Renzelberg, der sich mit den Schwestern zum Festakt und „Tag der offenen Tür“ über viele Gäste auch aus dem Wittlager Land freut.


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