Ungewöhnliche Familienforschung Ein holländisches Buch führt nach Hunteburg

Von Karin Kemper


Hunteburg. Das historische Herbarium, das in Hunteburg entstanden ist und dort gefunden wurde, ist die eine Sache. Die Schenkungsurkunde, die im November 2011 von der Besitzerfamilie Schafstall unterzeichnet wurde, gehört dazu. Die andere Sache ist die Geschichte der Familie Horst, zu der der Sammler Johann Hermann Horst gehört.

Dieser Sache hat sich Marli Gausmann angenommen und Puzzleteil für Puzzleteil zusammengetragen. Was zunächst einmal nach einem normalen Familienstammbaum aussieht, erweist sich bei näherer Betrachtung als ausgesprochen verworren. Da ist nämlich zunächst einmal der Tierarzt Johann Hermann Horst (geboren 1777). Im Zusammenhang mit den Pflanzenlisten taucht ein weiterer Name auf: Johann Heinrich Horst (geboren 1771). Die Namensähnlichkeit macht die Angelegenheit nicht einfacher.

Die Fahndung ergab, dass im Jahr 1731 ein Johann Heinrich Horst geboren wurde. Er war später Administrator der Streithorst. Dieser heiratete 1769 Catrine Margarethe Hülsing. Das Paar hatte acht Kinder. Johann Heinrich und Johann Hermann gehören dazu. Sie sind besonders miteinander verbunden, sammelten auch gemeinsam Pflanzen.

Familienforschung

Immer wieder geschah bei der Erforschung der Familiengeschichte „Horst“ Unerwartetes: Eine Niederländerin aus Den Helder, eine Schriftstellerin, nämlich Janny de Heer, nahm mit den Hunteburgern Kontakt auf. Sie wollte alles über die Familie Horst wissen. Sie befasst sich mit außergewöhnlichen Menschen. Demnach hat ein „Horst- Sohn“ von Johann Heinrich 1841 in Surinam Sklaven freigekauft und eine Tochter geheiratet. Nachkommen leben auch in den Niederlanden. Zu diesen Nachkommen gehört die kleine Reisegruppe, die Hunteburg besuchte und Orte aufsuchte, die mit der eigenen Familie in Zusammenhang stehen.

Wie fing alles an?

Marli Gausmann berichtet nachfolgend: Im Jahr 2009 gelangten drei große Kunststoffsäcke mit Pflanzenmaterial zur Universität Osnabrück. Es handelte sich um Herbarbelege des Tierarztes Johann Hermann Horst aus Hunteburg, damals in Besitz der Familie Schafstall/Horst .

Mitglieder des Naturwissenschaftlichen Vereins Osnabrück arbeiten das Herbarium auf und publizierten ihre Ergebnisse in den „Osnabrücker Naturwissenschaftlichen Mitteilungen 372011“. Über die Entdeckung des Herbariums wurde mehrfach in den Medien berichtet beispielsweise in den Osnabrücker Nachrichten, wo am 5. Dezember 2010 die Überschrift lautete „Ältestes Herbarium in Nordwest“.

Interessant ist nicht nur die Pflanzensammlung der beiden Brüder Johann Heinrich Horst und Johann Hermann Horst, sondern auch die dazugehörige Familiengeschichte. Der älteste Sohn Johann Heinrich Horst mit Namen Johann Dietrich, verließ mit 22 Jahren sein Elternhaus, die Schluersburg in Schwagstorf. Er wanderte zunächst nach Holland und später nach Surinam (Südamerika), eine niederländische Kolonie, aus. Der Kontakt zu seinem Onkel, dem Tierarzt Johann Hermann Horst blieb jedoch bestehen.

Johan Dietrich schreibt im Januar 1865 an seinen Verwandten mütterlicherseits, an Wilhelm Schluer in Bohmte , und an August Heinrich Wilhelm Horst in Hunteburg, des Sohn des Tierarztes, der auch Tierarzt geworden ist. Er will seine fünf Söhne in Deutschland ausbilden lassen und bittet um Unterstützung.

„Wir wissen inzwischen“, so Marli Gausmann, „dass drei seiner Söhne in Deutschland und Holland studierten.“ Der zweitälteste Sohn Johann Dietrich Horsts studierte ab 1869 in Leiden/Holland Medizin. Einer seiner Nachfahren, Paul Lambers, war im November 2011 in Hunteburg, als Dr. Bleher die Ergebnisse des Naturwissenschaftlichen Vereins und das dazugehörige Buch vorstellte. Bei dieser Gelegenheit besuchte Lambers auch die Stätten, an diesen seine Vorfahren gelebt hatten. Der Niederländer arbeitet heute als Naturwissenschaftlicher an der Universität in Utrecht und spricht deutsch.

In diesem Frühjahr meldete sich ein weiterer Nachfahre in Hunteburg. Dietrich Horst hatte aus dem Buch „Gentleman in sclaverij“, das die holländische Schriftstellerin Jenny de Heer über die Geschichte des Johann Dietrich Horst verfasst hat, mehr über seine eigene Familie erfahren und wollte nun sehen, wo seine Vorfahren im 17. Jahrhundert und später gelebt hatten.

Auf Spurensuche

Er besuchte zusammen mit seiner Frau und seiner Schwester Cornelia sowie deren Ehemann zunächst den jetzigen Hof Seegers, gelegen in Schwagstorf, der als freies Gut „Arends in der Horst“ der ursprüngliche Sitz der Familie gewesen war. Einer der Söhne wurde Verwalter auf der Streithorst (etwa 1750). Und so führte der Weg auch nach Hunteburg. Franz Wessel und seine Ehefrau, die heutigen Besitzer des Gutes Kaltenweihe luden die holländischen Besucher ein und sie zeigten ihnen dabei auch die im Original erhaltenen Verkaufsunterlagen des Gutes aus dem Jahr 1840.

Nach der Auswanderung der drei Kinder von Johann Heinrich (1833) und seinem Tod (ebenfalls 1833) wurde als ersten Familienbesitz das Gut in Welplage verkauft, später, nämlich 1845, folgte die Schuersburg. Von den ehemaligen Gebäuden ist heute nur noch ein Balken erhalten. Ein ehemaliger Hof der Familie Schluer, der ebenfalls in den Balken noch den alten Namen trägt, befindet sich jetzt im Besitz der Familie Kröger in Schwagstorf/Warksmoor. Auch dorthin führte der Weg.

Maria Düvel, die in der Nachbarschaft der Kaltenweihe lebt, zeigte den Gästen, wie sie am Computer Einsicht in historische Kirchenbücher nehmen kann und so Familiengeschichten vieler Hunteburger erarbeitet hat.

Ganz wichtig war der Besuch bei Familie Schafstall/Horst in Meyerhöfen. Das Haus, das der Tierarzt Johann Hermann 1815 kaufte, ist heute noch äußerlich erkennbar und in ihm waren sicher die Kinder des Bruders zu Gast gewesen. Besonders spannend wurde es, als Gerda Schafstall/Horst ihre alten Postkarten hervorholte, denn darunter befinden sich zwei, die der erstgeborene Sohn Franz aus Berlin an die Tochter des Tierarztes geschrieben hatte. Er war nach seiner Ausbildung in Hannover nach Surinam zurückgekehrt, hatte auf den Plantagen seines Vaters gearbeitet und 1880 in Paramaribo Johanna Maria von Königslöw geheiratet. 1883 wurde Sohn Johann Hermann geboren. Die Mutter verstarb 1899. Franz reiste später durch Europa und heiratete 1903 Catharina Mathilde von Pommer Esche in Berlin. Ihrer beider Besuch in Hunteburg kündigte er auf der Postkarte an.

Umzug nach Holland

Und nach rund 110 Jahren war nur wieder jemand aus der Familie an dem Ort, von dem für die persönliche Geschichte so viele angegangen war. Dietrich Horst und seine Schwester nahmen sich Zeit für die Spurensuche. Das Ergebnis: Sie können nun ihre persönlichen Aufzeichnungen ergänzen. Aber sie haben zudem für die Hunteburger etwas mitgebracht. Sie konnten der Familie Schafstall (und nich nur ihr) einen Fotoband vorstellen, in dem der Weg der Familie nach 1900 festgehalten ist. Demnach kehrte nur Franz nach 1910 nach Surinam zurück. Sei Sohn Johann Hermann blieb in Berlin, heiratete eine Berlinerin genau wie sein Sohn Gerhard. Dietrich Horst, dessen Sohn, wurde 1940 in Berlin geboren. Er entschied sich 1963, nach Holland zu ziehen, wo er seitdem lebt.

Damit ist die Horstsche Familiengeschichte noch nicht beendet: Es gibt nämlich in Paramaribo noch Nachfahren des fünften Sohns, Louis Horst.