Wegen Wahrsagens verhaftet Spur eines Bohmters verliert sich in Sachsenhausen

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Bohmte. Wann und wo sein Vater gestorben ist, hat Friedhelm Krabbenschmidt bis heute nicht erfahren. Am 23. Juni 1943 wurde Friedrich Krabbenschmidt in Bohmte von der SS abgeholt; er kam nie zurück.

70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Befreiung von Gefangenenlagern bleiben viele Schicksale ungeklärt.

Im April gedachten Überlebende und zahlreiche Gäste in Sachsenhausen der Befreiung des Konzentrationslagers im Jahr 1945. Auch der 1895 in Bohmte geborene Krabbenschmidt war dort inhaftiert. Sein Sohn geht davon aus, dass er „aus dem Weg geschafft wurde“, weil er das Kriegsende und den Untergang des Dritten Reiches vorhersagte.

In einem Bericht der Nationalsozialisten heißt es, die Einweisung sei notwendig, „da zu befürchten ist, dass K seine Freiheit auch in Zukunft dazu benutzen wird, um sein volksschädliches Betreiben fortzusetzen“. Ihm wurde vorgeworfen, „die Bevölkerung durch Wahrsagen und Gerüchteverbreiten zu beunruhigen“. Im Juli 1943, einen Monat nach seiner Verhaftung, wurde in einem Bericht vermerkt: „Es ist anzunehmen, das K Miturheber vieler Gerüchte bezüglich angeblich zu erwartender Bombenangriffe ist.“ Somit blieb Krabbenschmidt in Gefangenschaft.

Der Inhaftierung muss eine Anzeige vorausgegangen sein, meint heute sein Sohn. Dieser Verdacht ist jedoch, wie viele andere Umstände aus dieser Zeit, nicht mehr zu belegen. Friedhelm Krabbenschmidt weiß allerdings von seiner Mutter, dass es eine Warnung gab, bevor sein Vater abgeholt wurde. „Es gefiel einigen Leuten nicht, was mein Vater tat“, sagt Friedhelm Krabbenschmidt, der das Wort „wahrsagen“ vermeidet, da es zu viele Leute gebe, die damit auf unlautere Weise Geld verdienen wollen.

Von seiner Mutter und einigen Nachbarn, mit denen Krabbenschmidt später über seinen Vater sprach, hörte er viele Geschichten: Leute kamen zu ihm, wenn sie etwas verloren hatten, bestohlen wurden oder wenn ihnen Vieh entlaufen war. Friedrich Krabbenschmidt spürte Verlorenes auf, außerdem sprach er über Ereignisse in der Zukunft. Der Bohmter wusste Dinge, die niemand erklären konnte. Durch diese Fähigkeit war er weit über die Ortsgrenzen hinaus bekannt. Die Kriminalpolizei bat ihn häufig um Hilfe. Unter den Nationalsozialisten machte sich Krabbenschmidt dadurch allerdings schnell Feinde.

„Ich war damals erst vier Jahre alt, aber ich werde nie den Tag vergessen, als er von zwei Männern in Uniform abgeholt wurde“, sagt Friedhelm Krabbenschmidt. Auch an einen Besuch kurz nach der Verhaftung im Gestapo-Gefängnis des Osnabrücker Schlosses kann er sich noch erinnern.

Mithäftlinge schrieben

Von dort kam sein Vater nach Sachsenhausen, wo sich seine Spur 1945 verliert. Seine Frau Ilse forschte nach dem Verbleib ihres Mannes. Ein Mithäftling berichtete in einem Brief, er habe noch in Bergen-Belsen Kontakt mit Krabbenschmidt gehabt, doch in den Verzeichnissen des Konzentrationslagers ist er nicht zu finden. Paul v. Bülow, ein Überlebender aus Sachsenhausen, schreibt später an Ilse Krabbenschmidt, wie ihr Mann ihm das Leben rettete, indem er monatelang seine Essensration mit dem Kranken teilte.

Im März 1947 wurde Friedrich Krabbenschmidt schließlich für tot erklärt. Vier Jahre danach hat seine Familie Bohmte verlassen und ist zu dem Vater seiner Frau nach Hasbergen gezogen, wo Friedhelm heute noch mit seiner Frau lebt.

Er geht davon aus, dass sein Vater beim Fußmarsch nach Bergen-Belsen starb. Wie sein Tod bleibt auch die Botschaft ein Rätsel, von der Mithäftlinge später berichteten: Krabbenschmidt soll vorhergesagt haben, wie es nach dem Krieg weitergeht. Die Unterlagen seien eingemauert worden. „Zu gerne wüsste ich, was mein Vater damals aufgeschrieben hat“, sagt Friedhelm Krabbenschmidt.


Konzentrationslager Sachsenhausen

Das KZ Sachsenhausen wurde im Sommer 1936 in Oranienburg nördlich von Berlin errichtet. Zwischen 1936 und 1945 waren dort mehr als 200000 Menschen inhaftiert. Häftlinge waren zunächst politische Gegner des NS-Regimes, dann in immer größerer Zahl Angehörige der von den Nationalsozialisten als rassisch oder biologisch minderwertig erklärten Gruppen und ab 1939 zunehmend Bürger der besetzten Staaten Europas. Zehntausende kamen durch Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit und Misshandlungen um oder wurden Opfer von systematischen Vernichtungsaktionen der SS. Auf den Todesmärschen nach der Evakuierung des Lagers Ende April 1945 starben noch einmal Tausende Häftlinge. Etwa 3000 im Lager zurückgebliebene Kranke, Ärzte und Pfleger wurden am 22.und 23. April 1945 von sowjetischen und polnischen Soldaten befreit. Nach Kriegsende nutzte der sowjetische Geheimdienst das ehemalige KZ weiter als Lager, in dem bis 1950 mindestens weitere 12000 Menschen starben. 1961 wurde es zur Mahn- und Gedenkstätte.

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